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Die Güte Gottes und die Freude am Glauben

vor 1 Stunden in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„Unsere Freude darf leise beginnen: mit einem Aufatmen, mit neuer Zuversicht, mit dem Vertrauen, dass wir getragen sind. Und sie darf wachsen zu der Gewissheit: Ich bin geliebt. Ich darf neu anfangen.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 25. Sonntag im Jahreskreis A (Mt 20,1–16a)

Liebe Schwestern und Brüder,
1. Gott sieht mein Leben
Manchmal genügt ein Blick auf einen anderen Menschen, und die Freude am eigenen Leben wird kleiner. Eben waren wir noch zufrieden. Dann sehen wir, was dem anderen gelingt, was er bekommt, wie leicht ihm scheinbar alles zufällt. Und schon fragen wir: Warum er? Warum nicht ich? Dahinter liegt oft eine stille Sehnsucht: Sieht jemand meine Mühe? Bin ich mit meinem Leben auch gemeint?

Jesus kennt diese Sehnsucht. Deshalb erzählt er von den Arbeitern im Weinberg. Die einen arbeiten seit dem frühen Morgen, andere kommen später, die letzten erst eine Stunde vor Feierabend. Am Abend bekommen alle einen Denar, den vollen Tageslohn. Da protestieren die Ersten: Wir haben die Last und Hitze des Tages getragen, und du hast sie uns gleichgestellt!

Wir können sie verstehen. Wer viel gegeben hat, möchte sich gesehen wissen. Der Gutsherr hält seine Zusage gegenüber den Ersten. Zugleich schenkt er den Letzten mehr, als sie erwarten konnten. Seine Großzügigkeit nimmt den anderen nichts von dem, was ihnen versprochen war.

Jesus öffnet uns damit eine Tür zur Freude: Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gottes Güte auch für uns reicht. Bei ihm kommt keiner zu kurz, weil ein anderer geliebt wird.

2. Auch du bist gerufen
Immer wieder geht der Gutsherr hinaus, bis zur elften Stunde. Er sieht Menschen, die noch draußen stehen, und geht ihnen entgegen. Darin leuchtet Gottes Herz auf: Er sucht uns. Er kommt uns nahe, auch auf unseren Umwegen. In Jesus ist er selbst zu uns gekommen.

„Niemand hat uns angeworben“, sagen die Letzten. Wir erfahren nicht, weshalb sie zurückgeblieben sind. Aber auch ihr Tag war schwer: Warten, Unsicherheit, das bedrückende Gefühl, überflüssig zu sein. Die einen trugen die Last der Arbeit, die anderen die Last, nicht gebraucht zu werden.


Wie viele Menschen kennen das! Nach einer Krankheit fehlt die Kraft. Im Alter wird der Lebenskreis kleiner. Jemand schaut auf zerbrochene Beziehungen oder auf Jahre fern vom Glauben und fragt: Kann aus meinem Leben noch etwas Gutes werden?

Da spricht der Herr: „Geht auch ihr in meinen Weinberg!“ Auch ihr. Auch du.

Darin dürfen wir hören: Du gehörst dazu. Dein Wert bleibt, auch wenn deine Kräfte nachlassen. Ein freundliches Wort, ein stilles Gebet, eine ausgestreckte Hand können noch immer Frucht tragen. Solange Gott dich ruft, ist deine Geschichte offen für einen neuen Anfang.

3. Mit den Rissen zu Gott
Ein Soldat fragte den Wüstenvater Abba Mios, ob Gott die Umkehr eines Sünders annehme. Mios fragte ihn nach seinem Mantel: Wenn dieser zerreiße, werfe er ihn dann weg? Der Soldat antwortete, er bessere ihn aus und trage ihn weiter. Darauf gab Mios ihm zu bedenken: Wenn schon ein Mensch seinen Mantel schone, wie viel mehr werde Gott für sein Geschöpf Sorge tragen. 

Was für ein tröstliches Bild! Wir dürfen mit den Rissen unseres Lebens zu Gott kommen. Wir müssen sie nicht verstecken. Er kennt unsere Schuld, unsere Verwundungen und unsere Sehnsucht, wieder heil zu werden.

Seine Barmherzigkeit gibt uns Mut, ehrlich zu sein, Vergebung zu erbitten und Hilfe anzunehmen. Was wir versäumt haben, muss nicht das letzte Wort behalten. Gott kann mit uns weitergehen, auch dort, wo wir selbst keinen Weg mehr sehen.

Vielleicht beginnt die Freude am Glauben genau hier: Ich darf aufatmen. Ich bin mit meinem brüchigen Leben bei Gott willkommen. Ich darf mich seiner heilenden Liebe anvertrauen.

4. Deine Treue ist geborgen
Nun aber die Menschen der ersten Stunde. Vielleicht erkennen sich viele von uns in ihnen wieder: Menschen, die ihren Glauben bewahrt, ihre Familie getragen, Kranke gepflegt und für die Gemeinde gearbeitet haben. Manchmal erschöpft, manchmal enttäuscht – und dennoch treu.

Auch ihnen gilt die Güte Gottes. Keine Stunde deiner Liebe ist bei ihm verloren. Er kennt die durchwachte Nacht, die geduldige Pflege, das Gute, das niemand bemerkt hat. Seine Liebe zu anderen mindert seine Liebe zu dir nicht.

Und behutsam lädt Jesus uns ein, auch das Geschenk in unserer Treue wiederzuentdecken. Wie oft hat uns ein Gebet durch eine schwere Nacht getragen! Wie oft haben wir Vergebung empfangen, Trost gefunden, Hilfe erfahren! Wie gut, dass wir unseren Weg mit Gott gehen durften.

Auch die erste Stunde war schon Gnade. Bevor wir etwas für Gott tun konnten, hatte er sich uns zugewandt.

Daraus wächst eine stille Freude, die auch in schweren Tagen tragen kann: Ich muss mein Leben nicht ständig mit anderen messen. Ich darf dankbar auf das schauen, was mir geschenkt wurde. Mein Weg ist bei Gott geborgen.

5. Die Freude darf weiter werden
„Bist du neidisch, weil ich gütig bin?“, fragt der Gutsherr. Diese Frage will unser Herz aus seiner Enge lösen. Wie befreiend wäre es, sich über das Gute im Leben eines anderen freuen zu können, ohne das eigene Leben dabei abzuwerten!

Den Wüstenvater Poimen fragte man einmal, ob man Brüder wecken solle, die beim gemeinsamen Gebet eingeschlafen seien. Er antwortete: „Wenn ich einen Bruder schlummern sehe, lege ich seinen Kopf auf meine Knie und lasse ihn ruhen.“ 

Wie viel Wärme liegt in dieser Antwort! Poimen sieht die Müdigkeit seines Bruders und schenkt ihm Ruhe. Auch wir kennen vom Leben anderer oft nur die Oberfläche. Wir wissen wenig von ihren Nächten, ihren Ängsten und ihrem Ringen.

Gottes Güte lädt uns ein, barmherziger zu schauen: einem Menschen einen neuen Anfang zutrauen; einen Schwachen entlasten; sich freuen, wenn jemand nach langer Ferne wieder beten kann. Wie wohltuend ist eine Gemeinschaft oder eine Gemeinde, in der ein Mensch spürt: Hier darf ich mit meiner Geschichte ankommen und im Glauben wachsen.

Auch wir selbst dürfen heute neu beginnen: mit einem versöhnlichen Wort, einer ehrlichen Bitte um Vergebung, einem einfachen Gebet. Gottes Liebe weckt unsere Liebe. Und mit jedem kleinen Schritt kann auch die Freude wieder wachsen.

6. Christus schenkt sich uns ganz
Der heilige Ephräm verbindet den gleichen Denar für alle mit dem Brot des Lebens: Alle empfangen dieselbe lebenspendende Gabe. Das führt uns zur Eucharistie. Christus schenkt sich uns ganz. Wer seit seiner Kindheit glaubt, lebt von ihm. Wer nach langem Suchen zurückfindet, lebt ebenso von ihm. Seine Hingabe trägt uns alle.

Vielleicht bringen wir heute auch den Menschen vor den Herrn, dessen Glück uns schmerzt oder dessen Weg wir nicht verstehen. Und beten leise: Herr, lass ihn deine Güte erfahren. Heile, was in mir weh tut, und hilf mir, mich mitzufreuen.

Liebe Schwestern und Brüder, wir dürfen größer von Gott denken! Vertrauen wir ihm unsere treuen Jahre und unsere verlorenen Stunden an. Er kennt die Last unseres Tages. Er findet uns auch am Abend.

Unsere Freude darf leise beginnen: mit einem Aufatmen, mit neuer Zuversicht, mit dem Vertrauen, dass wir getragen sind. Und sie darf wachsen zu der Gewissheit: Ich bin geliebt. Ich darf neu anfangen. Ich gehöre dazu.

So gehen wir miteinander weiter: beschenkt, versöhnt und geborgen in der Güte Gottes. Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 


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