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| ![]() Kirchen Europas, die neue Rechte und die Krise des kirchlichen Gesprächsvor 3 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung Nationalismus, historische Verantwortung und pastorale Ausgrenzung. Ein Essay von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer Eichstätt (kath.net) Die gegenwärtige Auseinandersetzung der Kirchen Europas mit rechtsnationalen und rechtspopulistischen Bewegungen gehört zu den schwierigen geistigen und gesellschaftlichen Konflikten der Gegenwart. Es geht dabei nicht nur um Parteipolitik, sondern um fundamentale Fragen nach Nation, Identität, Demokratie, Migration, kultureller Kontinuität und dem Selbstverständnis Europas. Zugleich berührt die Debatte unmittelbar das Wesen der Kirche selbst: ihre Katholizität, ihre Universalität und ihre pastorale Verantwortung gegenüber allen Gläubigen. Besonders in Deutschland hat sich in den letzten Jahren eine außergewöhnlich scharfe kirchliche Abgrenzung gegenüber der Alternative für Deutschland (AfD) entwickelt. Diese Haltung ist historisch verständlich und in vieler Hinsicht legitim. Doch gleichzeitig wächst unter nicht wenigen praktizierenden Christen das Gefühl, moralisch verdächtigt oder ausgegrenzt zu werden, obwohl ihre politischen Entscheidungen oft weniger aus politisch-ideologischer Radikalität als aus Enttäuschung, kultureller Verunsicherung oder Protest entstehen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht allein: Wie sollen die Kirchen gegenüber rechtsnationalen Tendenzen handeln? Sondern ebenso: Wie können die Kirchen historische Wachsamkeit mit pastoraler Offenheit verbinden, ohne Teile der eigenen Gläubigen innerlich zu verlieren? I. Die neue Rechte Europas und die Reaktionen der Kirchen Gemeinsam ist vielen dieser Bewegungen: Kritik an Globalisierung und EU-Zentralisierung, Skepsis gegenüber Migration, Betonung nationaler Souveränität, Ablehnung kultureller Entgrenzung, Kritik an liberalen Eliten, sowie der Rückgriff auf ein „christliches Abendland“. Gerade letzteres schafft ein ambivalentes Verhältnis zu den Kirchen. Der Politikwissenschaftler Tobias Cremer weist darauf hin, dass viele rechtspopulistische Bewegungen das Christentum weniger als gelebten Glauben, sondern vielmehr als kulturelles Identitätssymbol verwenden.¹ Das Christentum erscheint dann nicht primär als Evangelium, sondern als Abgrenzungsmarker gegen Islamisierung, kulturelle Fragmentierung und gesellschaftliche Verunsicherung. 2. Frankreich, Belgien und die Niederlande Der Erzbischof von Dijon, Antoine Hérouard, erklärte ausdrücklich, man höre zunächst den Katholiken zu, die rechts wählten, versuche ihre Ängste zu verstehen und erkläre dann, wo bestimmte Positionen nicht mit dem Evangelium vereinbar seien.² Auch in Belgien und den Niederlanden ist die Situation differenzierter als in Deutschland. Parteien wie der Vlaams Belang oder die Partei für die Freiheit berufen sich häufig auf „jüdisch-christliche Kultur“, stehen jedoch in Spannung zu kirchlichen Vorstellungen von Universalität, Menschenwürde und Minderheitenschutz. Die Kirchen dieser Länder suchen dennoch häufiger die öffentliche Debatte statt vollständiger Ausgrenzung. 3. Österreich Österreich zeigt damit einen Mittelweg: klare Distanz gegenüber ideologischer Vereinnahmung, aber keine totale Gesprächsverweigerung. 4. Ungarn Gerade Ungarn zeigt exemplarisch: Das Christentum wird politisch oft dort attraktiv, wo es weniger geglaubt als kulturell verteidigt wird. 5. Die Orthodoxie auf dem Balkan und in Griechenland Die Serbisch-Orthodoxe Kirche versteht sich historisch als Trägerin serbischer Identität, insbesondere im Zusammenhang mit der Kosovo-Frage.⁶ Während der Jugoslawienkriege entstanden teilweise problematische Verbindungen zwischen nationalistischen Milieus und kirchlichen Kreisen.⁷ Zugleich wäre es falsch, die serbische Orthodoxie pauschal als nationalistisch zu charakterisieren. Gerade nach den Balkankriegen entwickelten sich auch ökumenische und friedensethische Stimmen. Auch die Kirche von Griechenland ist eng mit nationaler Geschichte und kultureller Kontinuität verbunden. Sie reagiert sensibel auf Migration, kulturelle Entwurzelung und den Verlust nationaler Souveränität. Dennoch distanzierte sich die griechische Kirche wiederholt von extremistischen Bewegungen wie der Goldene Morgenröte und bezeichnete deren rassistische und gewalttätige Tendenzen als unvereinbar mit dem Evangelium.⁸ II. Die Kirchen in Deutschland zwischen historischer Verantwortung und pastoraler Verhärtung Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte 2024: „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar.“⁹ Diese Aussage ist theologisch legitim. Jede Ideologie, die Menschenwürde an ethnische Zugehörigkeit bindet, widerspricht dem christlichen Menschenbild fundamental. Doch hier entsteht zugleich ein Problem: In der öffentlichen Wahrnehmung verschwimmt oft die notwendige Unterscheidung zwischen rechtsextremer Ideologie, konservativer Sorge, Protestwahl, kultureller Verunsicherung und tatsächlichem völkischen Denken. 2. Der Katholikentag in Würzburg Gerade hierin sehen viele konservative oder rechts wählende Katholiken einen Widerspruch. Die Kirchen betonen und mahnen immer wieder zu mehr Dialog, Offenheit, Synodalität, Zuhören, Gespräch mit allen, Barmherzigkeit und Verständnis. Doch ausgerechnet gegenüber einem erheblichen Teil der eigenen Gläubigen entsteht vielfach der Eindruck: „Mit uns spricht man nicht mehr — man spricht nur noch über uns.“ Diese Wahrnehmung bildet heute ein erhebliches pastorales und gesellschaftliches Spannungspotential. 3. Die Gefahr der Ausgrenzung Hinzu kommt: Viele AfD-Wähler handeln nicht aus ideologisch geschlossenem Extremismus, sondern aus Frustration, aus kultureller Verunsicherung, aus Enttäuschung über etablierte Parteien, aus Sorge um Migration, aus Misstrauen gegenüber politischen Eliten oder aus Angst vor gesellschaftlichem Kontrollverlust. Der Soziologe Hans Joas warnte deshalb davor, die gesamte AfD und ihre Wähler pauschal als völkisch-nationalistisch einzuordnen.¹¹ III. Die eigentliche Krise: Die Kirche spricht mit allen — aber hört sie ihren eigenen Gläubigen noch zu? Die Kirchen Europas betonen: Gespräch mit allen, Offenheit für Randgruppen, Verständnis für Minderheiten, Synodalität, Barmherzigkeit, Dialogfähigkeit. Doch viele praktizierende Christen erleben ihre kulturellen Sorgen würden relativiert, ihre Ängste moralisch bewertet, ihre politischen Zweifel vorschnell verdächtigt, ihre Kritik an Migration oder gesellschaftlichem Wandel rasch pathologisiert. Gerade konservative Christen fragen: Warum wird mit nahezu allen Gruppen empathisch gesprochen — nur mit uns nicht? Diese Frage ist pastoral hochbrisant. 2. „Wer ausgegrenzt wird, wird gefährlich“ Das bedeutet nicht, dass jede Radikalisierung entschuldbar wäre. Aber soziale und moralische Ausgrenzung verstärkt häufig Verbitterung, Gegenidentitäten, Trotz, Polarisierung, ideologische Verhärtung. Gerade deshalb müßte die Aufgabe der Kirche sein: eine klare Grenzziehung gegenüber Menschenverachtung, aber zugleich offene Gesprächsbereitschaft mit den eigenen Gläubigen. Eine Kirche soll den Irrtum benennen. Aber sie darf den Irrenden nicht verlieren wollen. 3. Die eigentliche kirchliche Aufgabe Ihre Aufgabe besteht darin, die Wahrheit und Barmherzigkeit zusammenzuhalten, die Würde jedes Menschen zu verteidigen, vor Extremismus zu warnen aber zugleich die Verunsicherten nicht preiszugeben. Gerade hierin liegt die eigentliche Herausforderung Europas: Nicht nur Demokratie zu bewahren, sondern den gesellschaftlichen Gesprächsraum selbst. Denn wo nur noch moralische Ausschlüsse herrschen, endet das Gespräch — und mit dem Ende des Gesprächs beginnt häufig die Radikalisierung. 4. Die Krise der Repräsentation Gerade unter praktizierenden Christen finden sich häufig folgende Erfahrungen: Entfremdung gegenüber einer zunehmend säkularen politischen Kultur, Unsicherheit angesichts schneller gesellschaftlicher Transformation, Irritation über radikale anthropologische Debatten, Sorge um Familie, Sprache, Schule und kulturelle Kontinuität und das Empfinden, christliche Überzeugungen würden gesellschaftlich marginalisiert. Hinzu kommt ein wachsendes Misstrauen gegenüber politischen und medialen Eliten. Viele Bürger erleben öffentliche Debatten nicht mehr als offenen Meinungsaustausch, sondern als moralisch kontrollierten Raum, in dem bestimmte Positionen rasch delegitimiert werden. Gerade deshalb entsteht bei manchen Christen eine Protesthaltung: Nicht, weil sie jede Position rechter Parteien teilen würden, sondern weil sie sich selbst nicht mehr gehört fühlen. Hier liegt ein entscheidender pastoraler Punkt: Wer nur moralisch verurteilt, ohne die Ursachen der Entfremdung zu verstehen, verstärkt oft genau jene Dynamik, die er bekämpfen möchte. 5. Die Spannung zwischen Universalität und Heimat Einerseits ist das Christentum seinem Wesen nach universal: „Hier gibt es nicht Juden und Griechen … denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Die Kirche überschreitet ethnische, nationale und kulturelle Grenzen. Andererseits kennt das Christentum selbstverständlich Vaterlandsliebe, kulturelle Verwurzelung, Verantwortung für das Gemeinwesen, Schutz von Sprache, Tradition und historischer Erinnerung. Die Kirchenväter selbst beten für Stadt und Reich. Auch die Liturgie kennt Fürbitten für Volk, Obrigkeit und Frieden des Landes. Problematisch wird es erst dort, wo Nation sakralisiert wird und an die Stelle Gottes tritt. Gerade deshalb muss die Kirche unterscheiden zwischen legitimer Sorge um Heimat und ideologischer Verabsolutierung der Nation. Diese Unterscheidung gelingt gegenwärtig oft nicht mehr ausreichend differenziert. 6. Die Synodalitätsfrage Gerade konservative Katholiken empfinden jedoch häufig, die Synodalität gelte nur für bestimmte Gruppen und Positionen. Sie erleben große Gesprächsbereitschaft gegenüber progressiven Forderungen, hohe Sensibilität für gesellschaftliche Minderheiten, aber deutlich geringere Aufmerksamkeit für konservative oder kulturell verunsicherte Gläubige. Ob diese Wahrnehmung vollständig gerechtfertigt ist, ist sekundär. Entscheidend ist, sie existiert — und sie prägt inzwischen das kirchliche Klima erheblich. Hier droht eine gefährliche Dynamik: Wenn sich konservative oder rechts wählende Christen innerlich aus kirchlichen Gesprächsprozessen ausgeschlossen fühlen, entstehen die nicht unproblematischen Parallelmilieus, alternative Medienräume, identitäre Gegenkulturen und ein wachsendes Misstrauen gegenüber kirchlichen Autoritäten. 7. Die Gefahr einer Moralisierung des Politischen Aber nicht jede Forderung nach Grenzschutz, kontrollierter Migration, kultureller Integration oder nationaler Souveränität ist automatisch menschenfeindlich oder extremistisch. Wenn jedoch politische Differenz vorschnell moralisch aufgeladen wird, entsteht leicht eine Kultur der Beschämung, ein Verlust ehrlicher Debatten und ein Klima gegenseitiger Verdächtigungen. Gerade die Kirche müßte hier eigentlich ein Ort nüchterner Unterscheidung sein. Denn die christliche Tradition kennt die Realität der Sünde, die Ambivalenz politischer Macht, die Begrenztheit aller Ideologien und die Notwendigkeit kluger Abwägung. Die Kirche darf deshalb weder nationalistische Ideologien verharmlosen, noch politische Gegner moralisch dämonisieren. 8. Die eigentliche Herausforderung Europas Rechtsnationale Bewegungen gewinnen dort an Stärke, wo Menschen das Gefühl haben: „Niemand schützt mehr unsere Ordnung, unsere Sprache, unsere Geschichte und unsere Zukunft.“ Die Kirchen stehen deshalb vor einer enorm schwierigen Aufgabe: Sie müssen zugleich die Universalität des Evangeliums verteidigen, die Würde jedes Menschen schützen, aber auch die Sehnsucht vieler Menschen nach Heimat, Stabilität und kultureller Kontinuität ernstnehmen. Gerade hierin liegt heute die eigentliche geistliche Herausforderung Europas. 9. Schlussbetrachtung Die besondere deutsche Sensibilität gegenüber rechtsnationalen Strömungen ist historisch nachvollziehbar und notwendig. Die Erfahrung des Nationalsozialismus verpflichtet zu besonderer Wachsamkeit gegenüber jeder Form ethnischer oder völkischer Ideologie. Doch diese historische Verantwortung darf nicht dazu führen, dass große Gruppen gläubiger Christen pauschal moralisch verdächtigt oder pastoral vernachlässigt werden. Gerade darin liegt vielleicht die tiefste Herausforderung: Die Kirche muss unterscheiden können zwischen ideologischer Menschenverachtung und kultureller Sorge; zwischen Extremismus und politischer Enttäuschung; zwischen Radikalisierung und dem Ruf vieler Menschen nach Orientierung und Heimat. Eine Kirche, die nur noch Grenzen zieht, ohne Menschen zurückzugewinnen, wird zwar politisch eindeutig, aber geistlich unfruchtbar. Die eigentliche Aufgabe der Kirche besteht nicht darin, politische Lager zu verwalten, sondern den Raum offen zu halten, in dem Wahrheit, Barmherzigkeit, Umkehr und Gespräch weiterhin möglich bleiben. Denn wo das Gespräch endet, beginnt meist die Radikalisierung. Schluss Die Kirchen Europas stehen dabei in einer äußerst schwierigen Vermittlungsrolle. Sie dürfen weder nationalistische Ideologien sakralisieren, noch die realen Sorgen vieler Menschen geringschätzen. Gerade hierin liegt die eigentliche Herausforderung: Die Kirche muss universell bleiben, ohne heimatlos zu werden. Sie muss offen bleiben, ohne orientierungslos zu werden. Sie muss warnen können, ohne zu dämonisieren. Und sie muss zuhören, gerade dort, wo sie innerlich bereits den Kontakt zu verlieren droht. Vielleicht liegt genau hierin die tiefste Lektion der gegenwärtigen Krise: Nicht jede Radikalisierung beginnt mit Ideologie. Manche beginnt mit dem Gefühl, nicht mehr gehört und nicht mehr verstanden zu werden. Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link. --------------------------------------- Literaturverzeichnis Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. | ![]() Mehr zu | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Top-15meist-gelesen
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