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Rom und die orientalisch-orthodoxen Kirchen seit Fiducia supplicans

vor 2 Stunden in Kommentar, 3 Lesermeinungen
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Die koptisch-orthodoxe Kirche, die Krise der Segnungspraxis und die ökumenische Vertrauensfrage. Ein Essay von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) I. Einleitung: Eine neue ökumenische Krise an einer alten Bruchlinie
Die Beziehungen zwischen Rom und den orientalisch-orthodoxen Kirchen gehören zu den bemerkenswertesten ökumenischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Nach Jahrhunderten gegenseitiger Entfremdung, polemischer Missverständnisse und kirchengeschichtlicher Traumata hatte sich seit den Begegnungen zwischen Papst Paul VI. und Papst Shenouda III. ein vorsichtiger, aber realer Weg theologischer und geistlicher Annäherung eröffnet. Gerade die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und der koptisch-orthodoxen Kirche galten lange Zeit als eines der stabilsten Felder ökumenischer Verständigung.

Die gemeinsame Erinnerung an die Märtyrer, die altkirchliche Tradition Alexandriens, die geistliche Autorität des ägyptischen Mönchtums sowie die zunehmende Zusammenarbeit angesichts islamistischer Gewalt im Nahen Osten hatten zwischen Rom und der koptischen Kirche ein Klima gegenseitiger Wertschätzung geschaffen. Noch Papst Franziskus sprach 2023 vom „Ökumenismus des Blutes“ und nahm die einundzwanzig koptischen Märtyrer von Libyen in das Römische Martyrologium auf.¹

Umso schwerer wiegt die Entscheidung der Heiligen Synode der koptisch-orthodoxen Kirche vom 7. März 2024, den theologischen Dialog mit der katholischen Kirche offiziell auszusetzen.² Dieser Schritt markierte keinen bloß administrativen Vorgang, sondern einen tiefen ökumenischen Vertrauensbruch. Auslöser war die vatikanische Erklärung Fiducia supplicans vom 18. Dezember 2023, welche unter bestimmten Bedingungen spontane, nicht-liturgische Segnungen für Paare in „irregulären Situationen“ und für gleichgeschlechtliche Paare ermöglicht.³

Gerade dieser Punkt wurde von den orientalisch-orthodoxen Kirchen nicht als nebensächliche pastorale Anpassung wahrgenommen, sondern als Symptom einer tieferen moraltheologischen und anthropologischen Verschiebung innerhalb der katholischen Kirche. Die Krise betrifft daher nicht lediglich Fragen kirchlicher Segnungspraxis, sondern berührt grundlegende Themen wie Schriftverständnis, Anthropologie, Sakramentalität, kirchliche Autorität und die Glaubwürdigkeit ökumenischer Verbindlichkeit.

II. Die katholische Ausgangslage: Kontinuität der Lehre und Wandel der pastoralen Sprache
Die katholische Kirche hat ihre formelle Lehre zur Ehe nicht geändert. Der Katechismus der Katholischen Kirche hält weiterhin fest, homosexuelle Handlungen seien „in sich nicht in Ordnung“, homosexuelle Personen jedoch mit „Achtung, Mitleid und Takt“ zu behandeln.⁴ Ebenso erklärt Amoris laetitia ausdrücklich, dass zwischen gleichgeschlechtlichen Verbindungen und der sakramentalen Ehe keinerlei Analogie bestehe.⁵

Dennoch kam es seit dem Pontifikat Papst Franziskus zu einer deutlichen Veränderung der pastoralen Sprache und Gewichtung. Einen symbolischen Wendepunkt markierte seine Äußerung von 2013: „Wer bin ich, ihn zu verurteilen?“⁶ Dieser Satz bedeutete keine dogmatische Revision, wohl aber eine pastorale Neuakzentuierung. Nicht mehr primär das moralische Urteil über homosexuelle Akte stand im Mittelpunkt, sondern die konkrete Person, ihre Würde, ihre Lebensgeschichte und ihre geistliche Suche.

Hinzu kamen weitere Entwicklungen. 2020 wurde bekannt, dass Franziskus zivile Partnerschaftsgesetze für homosexuelle Paare unterstützte.⁷ Auch dies bedeutete keine sakramentale Gleichstellung mit der Ehe, wohl aber eine neue öffentliche Differenzierung zwischen kirchlicher Morallehre und staatlich-rechtlicher Anerkennung.

2023 erklärte Franziskus zudem, Homosexualität sei „kein Verbrechen“, und kritisierte entsprechende Strafgesetze als ungerecht.⁸ Wieder lag die Verschiebung weniger in der Dogmatik als in einer menschenrechtlich-pastoralen Perspektive. Die katholische Kirche begann zunehmend, zwischen moralischer Bewertung sexueller Akte und dem gesellschaftlichen Schutz homosexueller Menschen zu unterscheiden.


Die eigentliche Zäsur entstand jedoch durch den Kontrast zwischen dem vatikanischen Responsum von 2021 und Fiducia supplicans von 2023. Noch 2021 hatte die Glaubenskongregation erklärt, die Kirche habe „keine Vollmacht“, gleichgeschlechtliche Verbindungen zu segnen.⁹ Zwei Jahre später erlaubte Fiducia supplicans dagegen spontane Segnungen homosexueller Paare, sofern diese nicht liturgisch ritualisiert würden und nicht den Eindruck einer Eheschließung erweckten.¹⁰

Formal blieb die Ehelehre unverändert. Faktisch entstand jedoch eine neue pastorale Praxis kirchlicher Nähe und öffentlicher Segnungsbereitschaft gegenüber homosexuellen Paaren. Genau darin sahen viele orthodoxe Kirchen einen Bruch mit der bisherigen moraltheologischen Logik.

III. Die Krise von Fiducia supplicans aus orientalisch-orthodoxer Sicht
Für Rom liegt die entscheidende Unterscheidung darin, dass nicht die Verbindung selbst gesegnet werde, sondern einzelne Menschen, die um Gottes Hilfe bitten. Die Segnung solle spontan, kurz, nicht-liturgisch und ausdrücklich nicht eheanalog sein.¹¹

Die orientalisch-orthodoxe Rezeption folgt jedoch einer anderen theologischen Logik. Für die koptische Kirche ist die Segnung niemals rein individualistisch oder psychologisch zu verstehen, sondern besitzt immer auch eine objektive kirchlich-symbolische Dimension. Wenn zwei Menschen gemeinsam als Paar den Segen der Kirche empfangen, wird dies notwendig als positive kirchliche Bezugnahme auf diese Beziehung wahrgenommen. Die römische Unterscheidung zwischen „Segnung von Personen“ und „Nicht-Segnung der Verbindung“ erscheint daher aus orthodoxer Sicht praktisch kaum durchhaltbar.

Aus diesem Grund reagierte die koptisch-orthodoxe Synode außergewöhnlich scharf. In ihrer Erklärung vom 7. März 2024 bekräftigte sie ihre Ablehnung „aller Formen homosexueller Beziehungen“ und erklärte jede Segnung solcher Beziehungen als „Segnung der Sünde“.¹² Zugleich beschloss sie nach Konsultation mit den „Schwesterkirchen der orientalisch-orthodoxen Familie“, den theologischen Dialog mit Rom auszusetzen und die Ergebnisse der letzten zwanzig Jahre neu zu evaluieren.¹³

Dabei ist wissenschaftlich präzise zu unterscheiden: Nicht alle orientalisch-orthodoxen Kirchen erklärten einzeln denselben formellen Dialogabbruch. Aber die Irritation war eindeutig pan-orientalisch. Bereits am 23. Dezember 2023 hatten Vertreter der orientalisch-orthodoxen Kirchen eine gemeinsame „Request for Clarification on Fiducia Supplicans“ an das Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen gerichtet.¹⁴ Die erhaltene Antwort wurde als unzureichend angesehen.

Damit wurde deutlich: Das Problem betraf nicht nur die Kopten, sondern das gesamte orientalisch-orthodoxe Verständnis kirchlicher Anthropologie und Moraltheologie.

IV. Die tiefere theologische Problematik
Die eigentliche Krise liegt tiefer als in der Frage einzelner Segnungen. Für viele orientalisch-orthodoxe Kirchen erscheint Fiducia supplicans als Ausdruck einer methodischen Verschiebung innerhalb katholischer Theologie selbst.

Diese Wahrnehmung wurde zusätzlich durch die Arbeiten der Synoden-Studiengruppe 9 verstärkt. Deren Bericht vom Mai 2026 spricht nicht mehr primär von „kontroversen Fragen“, sondern von „emerging issues“, also „aufkommenden Themen“.¹⁵ Der Bericht betont Erfahrung, Zuhören, Unterscheidung, Humanwissenschaften und biographische Kontexte. Problematisch erschien konservativen Kritikern vor allem der Gedanke, dass nicht zuerst die „Korrektur“ problematischer Situationen im Mittelpunkt stehen solle, sondern deren Anerkennung und Unterscheidung.

Der niederländische Kardinal Willem Jacobus Eijk reagierte darauf mit ungewöhnlicher Schärfe. Er warf dem Bericht vor, homosexuelle Beziehungen implizit zu normalisieren und die klassische katholische Moraltheologie zu relativieren.¹⁶ Besonders kritisierte er, dass homosexuelle Zeugnisse im synodalen Dokument wiedergegeben würden, ohne zugleich die traditionelle katholische Lehre ausdrücklich zu referieren. Dadurch entstehe der Eindruck, die Kirche bewege sich von objektiver Normativität zu situationsbezogener Pastoral.

Gerade aus orientalisch-orthodoxer Sicht verstärkte dies die Sorge, Rom bewege sich in moraltheologischen Fragen von einer ontologisch-sakramentalen Ordnung hin zu einer stärker erfahrungsbezogenen und pastoralen Hermeneutik.

V. Die ökumenische Tragweite der Krise
Die Aussetzung des Dialogs wiegt deshalb besonders schwer, weil der katholisch-orientalisch-orthodoxe Dialog seit 2004 institutionell gefestigt war.¹⁷ Die gemeinsame Kommission hatte wichtige Texte über Communio, Sakramentalität und Kircheneinheit erarbeitet. Noch im Januar 2024 empfing Papst Franziskus die Kommission und sprach vom „Dialog der Liebe“, „Dialog der Wahrheit“ und „Dialog des Lebens“.¹⁸

Vor diesem Hintergrund war die koptische Entscheidung kein Randereignis, sondern ein ernstes ökumenisches Warnsignal. Für die orientalisch-orthodoxen Kirchen betrifft die Krise nicht bloß pastorale Einzelfragen, sondern die Frage, ob Rom weiterhin als verlässlicher Träger der gemeinsamen apostolischen Tradition wahrgenommen werden kann.

Diese Entwicklung hatte auch sichtbare diplomatische Folgen. Papst Tawadros II. nahm weder an der Beisetzung Papst Franziskus’, noch an der Inthronisation Leos XIV., noch an der großen ökumenischen Feier in Nicäa persönlich teil. Zwar entsandte die koptische Kirche jeweils offizielle Delegationen, doch die protokollarische Ebene blieb bewusst niedriger.¹⁹

Offiziell wurde dies nicht als Protest bezeichnet. Faktisch entstand jedoch der Eindruck einer deutlichen ökumenischen Abkühlung.

VI. Die Bemühungen Leos XIV. um ökumenische Schadensbegrenzung
Unter Papst Leo XIV. versucht Rom erkennbar, die Krise diplomatisch zu entschärfen. Bereits im Mai 2026 telefonierte Leo XIV. mit Tawadros II.; beide Seiten sprachen von einer „herzlichen und brüderlichen Atmosphäre“.²⁰ Auffällig war jedoch, dass Fiducia supplicans öffentlich nicht ausdrücklich erwähnt wurde.

Noch bedeutsamer war der Brief Leos XIV. zum Tag der koptisch-katholischen Freundschaft. Darin würdigte der Papst die Beziehungen zwischen dem Stuhl Petri und dem Stuhl des Markus und erklärte, Freundschaft sei für Christen kein bloßes Gefühl, sondern stehe „im Herzen unseres Lebens und Glaubens“.²¹ Besonders bemerkenswert war seine Hoffnung, die gemeinsame theologische Kommission möge ihre Arbeit „so bald wie möglich“ wieder aufnehmen.²²

Zugleich setzte Leo XIV. auf institutionelle Vermittlung. Kardinal Kurt Koch nahm im Mai 2026 demonstrativ an den Feierlichkeiten des koptisch-katholischen Freundschaftstages teil.²³

Doch genau hier bleibt die offene Schwachstelle römischer Diplomatie: Rom vermeidet bislang eine öffentliche Präzisierung oder Neubewertung von Fiducia supplicans. Die vatikanische Strategie besteht eher darin, den Konflikt sprachlich zu umrahmen und durch Gesten der Freundschaft zu entschärfen, ohne die eigentliche Kontroverse erneut öffentlich zu eröffnen.

Für die Kopten genügt dies bislang offenbar nicht. Aus ihrer Sicht geht es nicht um ein bloßes Missverständnis, sondern um die Frage, ob die katholische Kirche ihre moraltheologische und anthropologische Tradition stabil bewahrt.

VII. Schlussbetrachtung
Die gegenwärtige Krise zwischen Rom und der koptisch-orthodoxen Kirche offenbart ein tieferes Problem der gegenwärtigen Ökumene. Sie zeigt, dass ökumenische Verständigung nicht nur an Christologie, Primat oder Sakramentalität hängt, sondern zunehmend auch an Fragen von Anthropologie, Sexualmoral und pastoraler Hermeneutik.

Die katholische Kirche hat ihre Ehelehre formal nicht geändert. Dennoch haben sich seit Papst Franziskus Sprache, pastorale Praxis, Segnungspraxis und moraltheologische Gewichtungen deutlich verschoben. Genau diese Verschiebung wird von den orientalisch-orthodoxen Kirchen als Zeichen wachsender Unsicherheit in grundlegenden moraltheologischen Fragen gelesen.

Damit steht Papst Leo XIV. vor einer schwierigen Aufgabe. Einerseits versucht er, den ökumenischen Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen wiederzubeleben. Andererseits muss er klären, ob und wie die katholische Kirche ihre pastoralen Entwicklungen mit der Kontinuität ihrer moraltheologischen Tradition verbindet.

Die Zukunft des katholisch-orientalisch-orthodoxen Dialogs wird daher wesentlich davon abhängen, ob Rom die Spannung zwischen pastoraler Öffnung und dogmatischer Kontinuität überzeugend erklären kann — und ob die orientalisch-orthodoxen Kirchen bereit sind, diese Erklärung als glaubwürdig anzuerkennen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.

________________________________________
Endnoten
¹ Vgl. Martyrologium Romanum, Vatican News, 11. Mai 2023.
² Coptic Orthodox Church, Holy Synod Statement, 7. März 2024.
³ Dikasterium für die Glaubenslehre, Fiducia supplicans, 18. Dezember 2023.
⁴ Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2357–2359.
⁵ Franziskus, Amoris laetitia, Nr. 251.
⁶ AP News, 29. Juli 2013.
⁷ New Ways Ministry, Dokumentation 2020.
⁸ AP News, 25. Januar 2023.
⁹ Kongregation für die Glaubenslehre, Responsum ad dubium, 15. März 2021.
¹⁰ Fiducia supplicans, Nr. 31–41.
¹¹ Dikasterium für die Glaubenslehre, Presseerklärung vom 4. Januar 2024.
¹² Coptic Orthodox Church, Holy Synod Statement, 7. März 2024.
¹³ Ebd.
¹⁴ Joint International Commission for Theological Dialogue between the Catholic Church and the Oriental Orthodox Churches, Bericht Januar 2024.
¹⁵ Synod on Synodality, Study Group 9 Final Report, Mai 2026.
¹⁶ Willem Jacobus Eijk, Kommentar im National Catholic Register, 15. Mai 2026.
¹⁷ Christian Unity, Joint Commission Reports 2004–2024.
¹⁸ Franziskus, Ansprache an die Joint International Commission, Januar 2024.
¹⁹ Coptic Orthodox Church, Delegationsberichte 2025.
²⁰ Press Office of the Holy See, Communiqué, 15. Mai 2026.
²¹ Leo XIV., Brief an Tawadros II., 4. Mai 2026.
²² Ebd.
²³ Coptic Orthodox Church, Day of Friendship Celebration, 10. Mai 2026.


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Lesermeinungen

 maran atha vor 44 Minuten 
 

FS ist eine Augenwischerei seitens Rom! Eine derartige "Täuschung" (was auch eine anmaßende Unterschätzung der Kompetenz der einfachen Laien ist) ist absolut unangemessen und nicht akzeptabel für die Kirche Christi. Bedauernswert, dass wegen solch einem unbrauchbaren Dokuments die Beziehung gescheitert ist!


0
 
 naiverkatholik vor 1 Stunden 
 

behutsam und präzise

Danke wiederum für Darstellung des Themas in behutsamer, klarer, logischer und sprachlicher Präzision!


0
 
 girsberg74 vor 1 Stunden 
 

Aufschlussreich,

dieser Beitrag !


0
 

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