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Die Schwarze Madonna von Rocamadour. Ein jahrhundertealtes Marienheiligtum

vor 7 Stunden in Chronik, 1 Lesermeinung
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„In Rocamadour können Sie wirklich ermessen, in welchem Maß das christliche Mittelalter eine große Zivilisation war“ (Zitat von Michel Houellebecq in seinem Buch „Unterwerfung“). Von Lothar C. Rilinger


Rocamadour (kath.net) „In Rocamadour können Sie wirklich ermessen, in welchem Maß das christliche Mittelalter eine große Zivilisation war.“ – Diese Worte von Michel Houellebecq in seinem Buch „Unterwerfung“, diese Einstufung der kulturellen Bedeutung des Christentums nicht nur für die europäische Geschichte, sondern auch für dessen historische Stellung in der Welt, ließ mich neugierig auf diesen sakralen Ort werden, an dem schon Henry Plantagenet, der Hl. Dominikus, Bernard von Clairvaux, Königin Blanka von Kastilien und die Könige Ludwig der Heilige, Ludwig XI. sowie Philipp IV. und Philipp VI. ihre Sorgen und Nöte der dort verehrten Schwarzen Madonna anvertraut haben. Die Verehrung der heiligen Jungfrau von Rocamadour verbreitete sich im gesamten Europa. Als Spanien in der Schlacht von Las Navas gegen die Mauren kämpfte, wurde die Fahne der Schwarzen Madonna von Rocamadour vorangetragen und half den christlichen Spaniern zum Sieg über die islamischen Eroberer. Und Houellebecq bezieht sich auch auf den Dichter Péguy, der bekannt habe, „dass die eigentliche Göttlichkeit, das lebendige Herz seiner Frömmigkeit, nicht Gottvater und auch nicht Jesus Christus war, sondern die Jungfrau Maria“. Und diese tiefe Verbundenheit mit der Gottesmutter spürt der Pilger überall in Rocamadour.

Eng schmiegen sich die sieben Kirchen und Kapellen an den steilen Felsen, tief unter uns fließt träge der Fluss Alzou, immer wieder die Erinnerung an diesen Wallfahrtsort in die Welt tragend. Die Pilger vergangener Tage erklommen mühsam auf der Via Sancta mit ihren 233 steinernen Stufen, die Parvis des Églises, von der aus die sieben Kapellen und Kirchen betreten werden können. Wild und bedrohlich türmt sich die lotrechte Felswand über den Gebäuden auf, und – wie es uns schien – einzelne kleine Grotten waren in großer Höhe, die nur mit Hilfe von Seilen zu erreichen waren, zu erkennen. Auf diesem kleinen Platz stießen wir auch gleich auf eine Vertiefung im Felsen. Es ist eine Felsnische, in der der unverweste Leichnam eines Eremiten im Jahr 1168 gefunden worden war, als für einen frommen Einwohner des Ortes in der Nähe der schon zur Verehrung der Gottesmutter errichteten Kapelle ein Ort für dessen Grablege gesucht worden war. An dieser Stätte sollen sich danach mehrere Wunderheilungen gezeigt haben. Da dieser Leichnam mit einem großen Geheimnis über seine Herkunft umweht war, bildeten sich Legenden, die versuchen, dessen Herkunft zu erklären. Da das Grab sehr alt war, glaubte man, dass es sich um einen ägyptischen Eremiten gehandelt haben müsse. Mache meinten, dass es sich um den Hl. Sylvan handeln müsse. Doch die am weitesten verbreitete Legende geht davon aus, dass es sich um den Zöllner Zachäus, ein Jünger Jesu, gehandelt haben müsse. Er und seine Frau Veronika, die Jesu Christi das Schweißtuch gereicht hatte, damit der Herr sein mit Schweiß und Blut bedecktes Gesicht trocknen könne, soll es auf wundersame Weise in die Region Okzitanien verschlagen haben. Nachdem Veronika gestorben war, soll sich Zachäus als Eremit zurückgezogen haben, um sein Leben in Kontemplation zu beenden. Er baute eine kleine Kapelle zu Ehren Marias, die im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zum Zentrum der Marienverehrung wurde, zumal auch Wunderheilungen erfolgten. Über 30.000 Pilger täglich suchten im Mittelalter diesen Ort auf, um einen Ablass von Sündenschuld zu erbitten; er ist nach wie vor einer der bedeutendsten und meistbesuchten Marienwallfahrtsstätten in Frankreich, zumal er selbst im laizistischen Frankreich ein bedeutender Touristenanziehungsort geworden ist. Die vielen Parkplätze und Souvenirläden zeugen von der nach wie vor großen Anziehungskraft dieses pittoresken Ortes. 

Der Eremit gab dem Ort auch seinen Namen. Er wurde ursprünglich, in der okzitanischen Sprache, als Roc amator, als der „Felsliebende“ bezeichnet. Aus diesem Wort entwickelte sich in der französischen Hochsprache der Name Roc Amadour, der dann zu Rocamadour verschliffen wurde. Der Name des Eremiten wurde dann aus dem Namen des Ortes als Hl. Amadour abgeleitet.

Rocamadour war aber nicht nur eine Stätte der Marienverehrung – es war auch ein Ort, an dem Sünder versuchen konnten, sich von ihrer Sündenschuld zu befreien. Die Wallfahrt zu diesem Ort war auch eine Bußübung, die den Sündern in der Beichte auferlegt worden war, um die Absolution von Sünden zu erhalten. Am Tag vor ihrem Aufbruch nach Rocamadour besuchten die Büßer die Hl. Messe, um dann, bekleidet mit einem Büßergewand, das mit großen Kreuzen geschmückt war, loszuziehen – von jedermann als Sünder zu erkennen. In Rocamadour angekommen, wechselten sie ihr Büßergewand und zogen ein einfaches Hemd an, um dann die Via Sancta, diese 233 steinernen Stufen zur Gnadenkapelle auf Knien hinauf zu rutschen. Auch wenn wir uns nie dieser Bußübung – auch an anderen Orten – unterzogen haben, so berichtete aber eine Freundin aus dem Bayrischen, die lange Jahre in Rom gelebt hat, dass sie die Scala Sancta, die heilige Treppe in Rom, die im Lateran zur Kapelle Sancta Sanctorum führt, zweimal auf Knien hinaufgestiegen sei. Die Schmerzen in den Beinen seien gewaltig gewesen, und zum Schluss habe sie sich nur noch am Geländer von Stufe zu Stufe hinaufgezogen, anders hätte sie sich nicht mehr bewegen können. In Rocamadour wurde dieser Bußgang noch dadurch verschärft, dass dem Büßer Ketten um die Arme und um den Hals gelegt worden waren. Vor dem Altar mit der Schwarzen Madonna musste er um Verzeihung für seine Sündenschuld bitten. Der Priester sprach daraufhin die Absolution aus, nahm dem Sünder die Ketten ab und überreichte ihm eine Urkunde, aus der ersichtlich war, dass seine Sündenschuld vollständig getilgt worden ist.


Im 13. Jahrhundert erlebte dieser Wallfahrtsort seine größte Bedeutung. Aus ganz Europa strömten Gläubige nach Rocamadour, um die Gottesmutter um Fürsprache anzuflehen. Doch im Hundertjährigen Krieg litt das Oratorium stark unter den marodierenden englischen Soldaten und unter den Wegelagerern, die den kostbaren Kirchenschatz plünderten. In den Religionskriegen wurde dann das Sanktuarium zerstört, allerdings konnte die Schwarze Madonna gerettet werden. Im Hass auf die katholische Gläubigkeit wurde auch der unverweste Leichnam des Eremiten geschändet und sollte dann verbrannt werden. Doch das Feuer griff den Leichnam nicht an, so dass er von den marodierenden Soldaten mit Hämmern zerschlagen wurde. Der Strom der Pilger versiegte, und als dann noch die Laizisten-Gesetze 1905 verabschiedet wurden, sollte das Sanktuarium den – zum Glück nicht endgültigen – Todesstoß erhalten. Schon im 19. Jahrhundert bemühten sich die Bischöfe von Cahors um die Wiederbelebung der Wallfahrten und investierten hohe finanzielle Mittel, um die Gebäude zu restaurieren, damit die Sanktuarien im alten Glanz erstrahlen könnten. Rocamadour ist als Wallfahrtsstätte jetzt wieder so beliebt wie vor der Säkularisation und ein sehr bedeutender touristischer Magnet, wie die vielen Besucher in den Läden und in den Cafés der Hauptstraße, aber auch in den Kapellen zeigen.

Wir näherten uns allerdings den sieben Kapellen und Kirchen nicht in der von Alters her vorgeschriebenen Weise, indem wir die 233 Stufen zur Parvis des Églises erklommen haben, wir benutzen vielmehr den Fahrstuhl, der uns bequem von den Parkplätzen, die oberhalb der Kirche angelegt sind, zu den Kirchen brachte. Wir standen auf diesem von himmelhohen Felswänden und von in die Höhe strebenden Mauern umgebenden Platz, von dem aus sämtliche Kapellen betreten werden können. Auch wenn wir in die einzelnen Kapellen einen Blick warfen – gesucht haben wir die Chapelle Notre Dame, in der über dem Altar die Schwarze Madonna ausgestellt wird. Auf dem Eingang zu dieser Kapelle vorgelagerten kleinen Platz war die Nische, die Grablege des Eremiten, in den gewachsenen Felsen geschlagen. Sie ist mit einem Gitter abgetrennt. Viele Münzen lagen in ihr – wie im römischen Trevi-Brunnen sichtbarer Ausdruck der Hoffnung vieler Pilger, an diesen Ort zurückkehren zu können. 

Oberhalb dieses kleinen Platzes waren – allerdings nur sehr schwer – die Überreste eines Freskos aus dem 13. Jahrhundert zu erkennen, auf dem wir den Totentanz der drei Lebenden und der drei Toten erkennen können. Drei makaber aussehende Skelette versuchen, die Lebenden zu töten, um sie begraben zu können. Obwohl dieser Ort der Marienverehrung gewidmet ist, zeigten auf diese Weise die Gläubigen des Mittelalters, dass der Tod als ein unverzichtbarer und notwendiger Teil ihres Lebens angesehen wurde, nicht als den Schlusspunkt ihres Lebens, sondern als einen natürlichen Übergang in das eigentliche Leben, in dasjenige in der Nähe Gottes. Selbst in den Bitten um Fürsprachen der Gottesmutter gegenüber haben sie nicht vergessen, wie vergänglich das Leben ist. Memento mori! – diese Forderung war ihnen ständig gegenwärtig und erinnerte sie daran, dass sie jeden Moment bereit sein sollen, vor den Herrn zu treten. Sie waren sich bewusst, dass sie jederzeit aus dem irdischen Leben abgerufen werden können, um dann in der Herrlichkeit des Herrn, im Reich Gottes, das wahre Leben, wie es Joseph Ratzinger formuliert hat, führen zu können. Ihnen war aber auch bewusst, dass sie vorbereitet sein müssen, um nicht von der Nähe Gottes, als die wir das Paradies verstehen, ausgeschlossen zu sein und im Fegefeuer oder gar in der Hölle ein trostloses Leben, ein Leben in der Gottesferne, führen zu müssen. Dieses Fresko mahnte sie, sich nicht der Buße zu verschließen und die Wallfahrt zu nutzen, sich durch die Beichte und durch den Ablass vollständig von der Sündenschuld zu befreien. Was für eine Vorstellung haben die Gläubigen vergangener Jahrhunderte von der Ewigkeit gehabt. Das Sakrament der Beichte hat jetzt kaum noch eine Bedeutung. Oft wird seitens der Priester wöchentlich eine halbe Stunde Beichtgelegenheit angeboten – für mehrere Tausend Gemeindemitglieder – und in der Messe wird oft kein Confiteor gebetet, manchmal allerdings wird noch ein kleines Liedchen gesungen, das aber das Niveau einer Gebrauchsmusik kaum zu überschreiten vermag. Ein inbrünstiges Sündenbekenntnis jedenfalls ist kaum noch festzustellen. Letztendlich ist das Sakrament der Beichte nur noch erstrebenswert, um Todsünden zu bekennen. Die lässlichen Sünden werden nicht als Hinderungsgrund angesehen, um die Kommunion zu empfangen. Obwohl nur selten Beichtgelegenheiten angeboten werden, ist zu beobachten, dass fast alle Gottesdienstbesucher zum Kommunionsempfang in den Altarraum schreiten.

Als wir die Chapelle Notre Dame betraten, erfasste uns die besondere Heiligkeit dieses Raumes. Kein Fenster lässt Licht in den Raum eindringen, nur viele – sehr viele – Votivkerzen ließen die über dem Altar thronende Madonna aus der sie umgebenden Dunkelheit hervortreten. Der Rauch der brennenden Kerzen hat den Raum mit einer Patina überzogen, die das von den Kerzen ausstrahlende Licht abdämpfen und den Eindruck des Geheimnisvollen verstärken. Die Figur der Madonna stammt aus dem 12. Jahrhundert und wurde – wie wir lesen konnten – aus Nussbaumholz geschnitzt. In einer sehr starren Pose schaut die Madonna die betrachtenden Gläubigen an. Auf ihrem linken Knie steht das Jesuskind, sehr viel kleiner angelegt, allerdings als Erwachsenen dargestellt. Auch wenn die Figur in der Dunkelheit kaum zu erkennen war, das Mysterium, das sie umgibt, strahlte trotzdem aus ihr. Wie viele Gläubige haben schon vor ihr gebetet, wie viele Bitten um Fürsprache wurden ihr entgegengebracht, ja, wie viel Trost konnte sie in den Jahrhunderten spenden und die Gläubigen, erfüllt mit der von Maria ausgehenden Gnade, von dannen ziehen lassen. Zahllose Zeichen der Verehrung schmücken die Wände, hunderte von marmornen Votivplatten haben sich in den Jahrhunderten angesammelt – als Dank eines Soldaten für die Genesung nach seiner schweren Verwundung, wie wir lasen, als Dank für das Geschenk eines Kindes oder nur, um die Marienverehrung ausdrücken zu können. Überall trafen wir auf diese Votivplaketten, nicht nur in der Kapelle, sondern auch überall in dem geheiligten Bezirk. Diese vielen Dankesbezeugungen, auch aus neueren Zeiten, sind Zeugnisse einer tiefen Frömmigkeit, die immer noch im französischen Volk verankert ist. Sie nährt die Hoffnung, dass trotz der atheistischen Revolution und der staatlichen Laizismus-Gesetze von 1905 die Gottesfürchtigkeit und die Marienfrömmigkeit, ja, der Glaube an den Dreifaltigen Gott nicht vollständig getilgt werden konnte.

Gleich neben dem Eingang steht ein Schiffsmodell, das daran erinnert, dass die Seefahrer auf die Hilfe der Madonna vertraut haben – immer in der Hoffnung, dass sie ihnen in der Gefahr beistehen und sie vor Schiffbruch bewahren möge. Der mit der Transzendenz lebende Seemann vergangener Jahrhunderte vertraute noch auf die Hilfe Gottes und die Fürsprache der Gottesmutter bei Jesus Christus, da die Segelschiffe der damaligen Zeit vielmehr den Gefahren der Elemente ausgesetzt waren, dem Wind und Sturm und den Wellen, ohne dass die Menschen ihnen technische Errungenschaften entgegensetzen konnten. Und es passierten auch viel mehr Schiffbrüche, die meistens mit dem Tod der Seeleute endeten. Die Seefahrer waren sich dieser Gefahren bewusst, auch dass sie sich diesen fast wehrlos entgegenstellen mussten. Deshalb vertrauten sie auf die göttliche Hilfe – es war die einzige Hilfe, die ihnen in der Not zuteilwerden konnte. Sie fühlten sich noch in der Hand des Herrn aufgehoben und hofften, dass er sie nicht vergessen würde. Die Gottesfurcht schloss die Gottesliebe ein und dadurch hatten sie immer ein inniges Verhältnis zu Gott. Sie wussten, dass nur Gott in der Lage und auch bereit ist, ihnen in der Not zu helfen. Nur er kann sie vor Gefahren bewahren und ihnen eine glückliche Heimkehr ermöglichen. Die bretonischen Seefahrer errichteten deshalb sogar in Camaret die Kapelle Notre-Dame-de-Rocamadour, um gleichsam auch fern von Rocamadour ihrer Schutzheiligen nahe sein zu können.

Und dass nicht nur die Seefahrer vergangener Tage in großer Gefahr auf die Fürsprache Mariens bei Gott vertrauten, konnten wir nach Abschluss der Dritten Vendée Globe von dem Skipper Fabrice Amédéo erfahren. Am Beginn der weltweiten Regatta war eine Messe für die Skipper organisiert. Amédéo fühlte sich aber nicht angesprochen. Seine Mannschaft sollte aber der Segnung nicht fernbleiben, deshalb hat er eine junge Frau seiner Mannschaft delegiert. Der Rektor des Sanktuariums von Rocamadour hat auch das Schiff vom Skipper Amédéo gesegnet und hat ihm eine Statue der Schwarzen Madonna von Rocamadour, geschenkt. Diese hat er in seiner Kabine aufgestellt. „Ich habe gedacht, das kann nicht schaden.“ Im Indischen Ozean waren schwere Stürme, deshalb habe er sich – wie er bestätigt hat – an die Madonna gewandt und sie um Fürbitte angerufen, dass seine Mannschaft und sein Schiff die Stürme überstehen mögen. Es war in der Nacht zum 1. Januar 2025 in der Nähe von Neuseeland, als er während seines Gebetes ein Geräusch hörte. „Ich gehe auf die Brücke und sehe einen großen Dom, der grün leuchtete, über mir am Himmel. Wunderschön!“ Er hatte das Gefühl, dass der große Bogen ihn einhüllte. An sich war er kein Anhänger der Lehre Jesu Christi. Doch was er dort sah, sei eine ganz andere Art gewesen. Es sei ein Moment der intensiven Gemeinschaft, das er bis zu diesem Moment nicht gekannt habe. Zum ersten Mal im Leben habe er sich beschützt gewusst, von Liebe überflutet. „Die Angst, die ich seit dem Eintritt in den Indischen Ozean fühlte, verschwand völlig. Sie ist nicht mehr zurückgekommen.“ Dieses Geschenk der Liebe, zeige – so Èdouard de Vregille, der Gesprächspartner – die Authenzität dieser göttlichen Erfahrung.

Als wir vor der Schwarzen Madonna knieten, waren wir eingeschlossen in den Kreis von Gläubigen, die seit dem Mittelalter im Angesicht der Madonna mit dem Jesuskind beteten und Maria um ihre Fürsprache anflehten. Wir waren gefangengenommen von dem Charisma dieser Figur, die zwar nur ein recht grob bearbeitetes Stück Holz ist, doch erfüllt mit einem Geist, der das Artifizielle des Kunstwerks zu transzendieren vermag und uns vor Augen führte, dass sich nach J. Ratzinger die wahre Gottesliebe erst dann zeige, wenn auch Maria, die Theotokos, in diese Liebe einbezogen werde. Was für eine Kraft dieser Figur entströmen kann, wie sie Leben zu verändern vermag, ja, wie sie Personen zur Umkehr bewegen kann, konnten wir erfahren, als wir die von Francis Poulenc komponierte Litanies à la Vierge noire hörten – eine Komposition, die eng mit diesem Wallfahrtsort verbunden ist.

Im Jahr 1936 erfuhr Francis Poulenc vor der Schwarzen Jungfrau eine Umkehr, durch die uns eine Litanei geschenkt wurde, die den Weltruhm Poulencs als Komponist von geistlichen Werken begründete. Am Beginn seiner Laufbahn ließ er seiner Freude an der volkstümlichen Musik im Stil der Ginguette freien Lauf, Es war die Folge des Erbes seiner pariserisch-protestantischen Mutter, die – wie uns der Biograph von Poulenc, Xavier-Marie Garcette schrieb – „aus einer Familie stammte, die zwar sehr bürgerlich war, die es aber liebte, zu den Vergnügungsstätten und auf die Bälle des Volkes zu gehen, um sich zu vergnügen.“ Der Hang zum Spaß, zu Ausschweifungen und Unkonventionellem, bestimmte sein Leben, das ihn anfänglich nur säkulare Werke komponieren ließ. Doch sein Leben und sein Werk veränderten sich, als er von dem Unfalltod seines Freundes, des Komponisten Pierre-Octave Ferroud in Ungarn erfuhr. Zwar waren beide nicht eng befreundet, doch führte dieser Tod Poulenc die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen und stürzte ihn in eine existentielle Krise, die ihn mit der Frage konfrontierte: Was ist das Leben? „Der Mensch ist wie eine Blume auf dem Feld, warum sind wir auf der Erde“, fragte sich der Komponist, wie Garcette die Zweifel beschreibt.

In dieser Gemütsverwirrung traf Poulenc Freunde, mit denen er schon Tourneen durch Europa unternommen hatte, in Uzerche, um weitere Auftritte zu planen. Er war aber außerstande zu arbeiten, und in diesen Momenten erinnerte er sich, dass sein streng katholischer Vater oft von dem Marienwallfahrtsort Rocamadour bereichtet hat. Als Unterbrechung der Arbeitssitzungen schlug er vor, diesen in der Nähe liegenden Ort aufzusuchen. Als sie zurückkehrten, war Poulenc ein anderer Mensch. Was dort mit dem Komponisten geschah, ist ein Mysterium – unergründlich, unerforschbar. „In seiner Korrespondenz war Poulenc völlig schamlos, wenn es darum ging, von seinen Eskapaden oder gesundheitlichen Problemen zu berichten; verstand es hingegen, über die für ihn einschneidendsten Ereignisse vollkommen geheim zu bleiben,“ so Garcette. Aus seiner Jugend hat er den foi du charbonnier übernommen, jenen naiven, unreflektierten Glauben, der ihn dann veranlasste, „jedes Jahr nach Rocamadour zu pilgern, um der Jungfrau Maria all seine Hoffnungen und Qualen anzuvertrauen, und es niemals versäumte, alles, was ihm Gutes widerfuhr, Unserer Lieben Frau zuzuschreiben.“

Obwohl er zum Glauben seiner Kindheit zurückgefunden hatte, lebte er weiter sein ausschweifendes Leben. „Es gibt gewissermaßen zwei Männer in Poulenc, es gibt den Mönch und den Ganoven“ – gläubig, kirchentreu, aber sündhaft und vergnügungssüchtig. Wie eine Summe seines Lebens mutet die Zeile aus der Litanei von der Schwarzen Jungfrau von Rocamadour an, in der er sie anfleht: „Notre Dame, die Gottlosigkeit und Hass versucht haben zu zerstören!“ und hofft, dass die Gottesmutter uns in unserer Not helfen kann – immer wieder, voller Liebe, ja, dass sie uns auf dem Weg zu Gott beisteht und uns hilft, den Versuchungen, die uns auf diesem Weg ständig begegnen, zu widerstehen.

Im Angesicht der Schwarzen Madonna von Rocamadour wird aus dem Gauner der Mönch, der auf Gott und die Gottesmutter vertraut. Der Tod seines Wegbegleiters Ferroud hat Poulenc vor Augen geführt, wie schnell ein Leben enden kann – auch sein eigenes – und dass er trotzdem nicht in die Leere des Nichts fallen müsse, sondern Gott ihn immer auffangen werde. 

So wie es Poulenc in Rocamadour ergangen ist, haben es viele Pilger erfahren. Die Schwarze Madonna hat so manchen Gläubigen verwandelt und ihn auf einen anderen Lebensweg geführt – auf einen Weg, der ihn zu Gott geführt hat und damit zu einem besseren Lebensvollzug. Sie hat vielen Gläubigen wieder einen Lebenssinn geschenkt, einen Halt, der ihnen am Ende ihres Lebens daran denken lässt, dass das Leben doch als ein gelungenes angesehen werden könnte, trotz aller Leiden und Schmerzen, trotz vieler Verwerfungen und Mühsalen, die uns nach der Vertreibung aus dem Paradies verheißen worden sind, so dass die Transition ins Reich Gottes vielleicht doch ohne Furcht angenommen werden kann.

Foto (c) Lothar C. Rilinger


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Lesermeinungen

 Stefan Fleischer vor 6 Stunden 

Ja, wir müssen in unserem Glaubensleben

wieder viel katholischer, allumfassender werden. Es gibt so vieles in unserem Glauben, was unser Leben bewusster, erfüllter werden lässt. Die Verehrung der Gottesmutter ist eines davon. Der Einbezug des Kreuzes für unsere Erlösung ein anderes. Daneben gibt es noch ganz verschiedene Frömmigkeitsformen, Andachts- und/oder Bussübungen, etc. welche unser Gottesbeziehung sehr persönlich zu machen vermögen, ohne die Beziehung zu unserer Mutter, der Kirche, zu stören. Im Gegenteil. Je weniger einseitig, je mehr umfassend, allumfassend, unser Glaubensleben wird, desto inniger sind wir mit dem ganzen Volk der Erlösten verbunden, desto leichter fällt es uns, unsere Schwestern und Brüder im Glauben zu verstehen, auch wenn sie vielleicht aus einer ganz anderen Sicht der Dinge, aus ganz anderen Lebenserfahrungen heraus an unseren gemeinsamen, allumfassenden Glauben heran gehen. So wird uns dann die ganze Grösse und Herrlichkeit unseres Gottes immer mehr bewusst.


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