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Papst Leo an Seminaristen: „Das Priesterseminar ist stets ein Zeichen der Hoffnung für die Kirche“

vor 10 Stunden in Jugend, keine Lesermeinung
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„Es gibt einen Satz von Chesterton, der als Schlüssel zum Verständnis all dessen dienen kann, was ich Ihnen mitteilen möchte: ‚Nimmt man das Übernatürliche weg, findet man nicht das Natürliche, sondern das Unnatürliche‘.“ Von Petra Lorleberg


Vatikan (kath.net/pl) „Man sagt, Bäume ‚sterben stehend‘: Sie bleiben aufrecht, behalten ihr Äußeres, doch innerlich sind sie bereits verdorrt. Ähnliches kann im Leben eines Priesterseminars oder eines Seminaristen – und später im Leben eines Priesters – geschehen, wenn Fruchtbarkeit mit der Intensität der Aktivitäten oder mit bloßer Pflege des Äußeren verwechselt wird. Das geistliche Leben trägt nicht Frucht aufgrund dessen, was sichtbar ist, sondern aufgrund dessen, was tief in Gott verwurzelt ist. Wird diese Wurzel vernachlässigt, vertrocknet alles im Inneren, bis es schließlich still und leise ‚stehend stirbt‘.“ Darauf macht Papst Leo XIV. in seiner Ansprache an spanische Priesterseminaristen und ihre Angehörigen aufmerksam.

kath.net dokumentiert die Ansprache Seiner Heiligkeit Leo XIV. an Seminaristen und ihre Angehörigen aus den vier spanischen Priesterseminaren: Alcalá de Henares, Toledo, Interdiözesanes Priesterseminar Kataloniens und Cartagena in der Sala Clementina am Samstag, 28. Februar 2026 in voller Länge in eigener Arbeitsübersetzung:

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, Eure Eminenz, Priester, Seminaristen und Familien,

das Priesterseminar ist stets ein Zeichen der Hoffnung für die Kirche. Daher ist es mir eine große Freude, Sie zu treffen – sowohl diejenigen unter Ihnen, die sich in dieser Lebensphase befinden, als auch diejenigen unter Ihnen, die Sie begleiten.

Ich könnte über viele wichtige Aspekte Ihrer Ausbildung sprechen, die ich bereits in meinem Brief an das Priesterseminar St. Karl und St. Marcellus in Trujillo, Peru * – einer Institution, der ich mehrere Jahre angehörte – angesprochen habe und dessen Lektüre ich Ihnen bei Gelegenheit ans Herz legen möchte. Heute möchte ich mich jedoch auf etwas konzentrieren, das allem anderen stillschweigend zugrunde liegt und gerade deshalb Gefahr läuft, als selbstverständlich hingenommen zu werden, ohne es zu pflegen: eine übernatürliche Sicht der Wirklichkeit.


Es gibt einen Satz von Chesterton, der als Schlüssel zum Verständnis all dessen dienen kann, was ich Ihnen mitteilen möchte: „Nimmt man das Übernatürliche weg, findet man nicht das Natürliche, sondern das Unnatürliche“ (vgl. Häretiker, VI). Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, in sich gekehrt zu leben, sondern in einer lebendigen Beziehung zu Gott. Wenn diese Beziehung getrübt oder geschwächt wird, beginnt das Leben von innen heraus zu zerfallen. Was unnatürlich ist, ist nicht nur das, was anstößig ist, sondern es genügt, ohne Gott im Alltag zu leben und ihn aus den Kriterien und Entscheidungen, nach denen wir das Leben gestalten, auszuschließen.

Und wenn dies für jeden Christen gilt, ist es besonders schwerwiegend auf dem Weg der Priesterausbildung. Was könnte unnatürlicher sein als ein Seminarist oder Priester, der vertraut von Gott spricht, innerlich aber so lebt, als existiere seine Gegenwart nur auf der Ebene der Worte und nicht in den Tiefen des Lebens? Nichts wäre gefährlicher, als sich an die Dinge Gottes zu gewöhnen, ohne für Gott zu leben. Deshalb beginnt letztlich alles – und kehrt immer wieder zurück – in der lebendigen und konkreten Beziehung zu dem Einen, der uns ohne unser eigenes Verdienst erwählt hat.

Eine übernatürliche Sichtweise zu haben bedeutet nicht, vor der Realität zu fliehen, sondern vielmehr, Gottes Wirken in den konkreten Ereignissen des Alltags zu erkennen: Eine Perspektive, die weder improvisiert noch delegiert, sondern im gewöhnlichen Lebensablauf erlernt und geübt wird. Gerade deshalb ist die übernatürliche Sichtweise, die für das christliche Leben so entscheidend ist, umso wichtiger für diejenigen, die in persona Christi handeln. Von der prägenden Phase an verdient sie sorgsam gepflegt zu werden, denn sie ist das Prinzip, das allem anderen Einheit verleiht.

Diese glaubensvolle Sicht der Wirklichkeit muss täglich in konkrete Lebensentscheidungen umgesetzt werden; andernfalls können selbst an sich gute Praktiken – wie Studium, Gebet und Gemeinschaftsleben – innerlich leer und verzerrt werden und zu bloßer Befolgung verkommen. Ein einfacher und bewährter Weg, diese Sichtweise zu bewahren, ist, die Gegenwart Gottes zu üben, die das Herz wach hält und das Leben stets auf ihn ausrichtet.

Die Heilige Schrift drückt diese Wahrheit in einem einfachen Bild im ersten Psalm aus, wenn sie den Gerechten als einen „Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken“ (V. 3) beschreibt. Er ist nicht fruchtbar, weil es ihm an Schwierigkeiten mangelt, sondern weil er an einem Ort verwurzelt ist. Wind, Winter, Dürre und Beschneiden gehören zwar zu seinem Wachstum, doch weder Stürme noch Trockenheit können es zerstören, wenn seine Wurzeln tief und nah an der Quelle reichen. Die Heilige Schrift selbst kennt jedoch das Paradoxon des Feigenbaums, der trotz aller Pflege keine Früchte trägt (vgl. Lk 13,6–9).

Man sagt, Bäume „sterben stehend“: Sie bleiben aufrecht, behalten ihr Äußeres, doch innerlich sind sie bereits verdorrt. Ähnliches kann im Leben eines Priesterseminars oder eines Seminaristen – und später im Leben eines Priesters – geschehen, wenn Fruchtbarkeit mit der Intensität der Aktivitäten oder mit bloßer Pflege des Äußeren verwechselt wird. Das geistliche Leben trägt nicht Frucht aufgrund dessen, was sichtbar ist, sondern aufgrund dessen, was tief in Gott verwurzelt ist. Wird diese Wurzel vernachlässigt, vertrocknet alles im Inneren, bis es schließlich still und leise „stehend stirbt“.

Letztlich entspringt die übernatürliche Perspektive dem einfachsten und entscheidendsten Aspekt der Berufung: der Gemeinschaft mit dem Meister. Jesus rief die, die er erwählt hatte, „zu sich“ (Markus 3,14). Dies ist das Fundament jeder priesterlichen Ausbildung: bei ihm zu bleiben und sich von ihm innerlich formen zu lassen; Gott am Werk zu sehen und zu erkennen, wie er im eigenen Leben und im Leben seines Volkes wirkt. Daher sind zwar menschliche Ressourcen, Psychologie und Ausbildungsmethoden wertvoll und notwendig, doch können sie diese Beziehung nicht ersetzen. Der wahre Protagonist dieses Weges ist der Heilige Geist, der das Herz formt, uns lehrt, auf die Gnade zu antworten, und ein fruchtbares Leben im Dienst der Kirche vorbereitet. Alles beginnt jetzt, in den alltäglichen Ereignissen, in denen jeder Mensch entscheidet, ob er beim Herrn bleibt oder versucht, sich allein auf seine eigene Kraft zu verlassen.

Liebe Söhne, im Namen der Kirche danke ich euch für eure Großmut, dem Herrn nachzufolgen. Geht euren Weg stets in der Gewissheit, dass ihr nicht allein seid: Christus geht euch voran, die Heilige Jungfrau Maria begleitet euch, und die ganze Kirche stärkt euch mit ihren Gebeten.

Abschließend möchte ich allen anwesenden Familien meinen besonderen Dank aussprechen.

Im Vertrauen auf diese Gewissheit schreitet nun in Frieden und Treue voran. Der Herr segne euch. Herzlichen Dank.

* Weiterführender Link: Papst Leo XIV. schreibt Seminaristen: Priestersein ist „die vollkommene Hingabe des eigenen Lebens“

Foto aus dieser Begegnung (c) Vatican Media


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