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„O Rex Gentium“ – König der Völker, König des Staubs

22. Dezember 2025 in Spirituelles, keine Lesermeinung
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Gedanken zur O-Antiphon des 22. Dezember. Von Archimandrit Dr. Andreas Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) O Rex Gentium, et desideratus earum, lapisque angularis, qui facis utraque unum: veni, et salva hominem, quem de limo formasti. 
„O König der Völker und ihre ersehnte Hoffnung,
Eckstein, der du die Getrennten zu einem machst:
komm und rette den Menschen, den du aus Staub geformt hast.“

1. Ein König ohne Grenze – und doch aus Staub uns nah
Meine Lieben,
die sechste O-Antiphon weitet den Blick radikal:
Bislang haben wir von Weisheit, vom Gott des Exodus, von Israels Wurzel, vom Schlüssel Davids, vom Aufgang des Lichts gesprochen. Jetzt aber tritt ein Titel in die Mitte, der die ganze Welt umfasst:
„O Rex Gentium“ – O König der Völker.
Nicht: „König meines Volkes“,
nicht: „König meiner Kirche“,
nicht: „König meines Milieus“,
sondern: König der Völker – aller Völker.
Und zugleich endet diese Antiphon ganz leise, ganz persönlich:
„…komm und rette den Menschen, den du aus Staub geformt hast.“
In wenigen Zeilen spannt sie einen unglaublichen Bogen:
•    von der Weltgeschichte
•    bis zur Handvoll Staub, aus der du und ich geformt sind.
Der König der Völker ist kein abstrakter Weltherrscher,
sondern der, der einmal mit seinen eigenen Händen den Lehm der Erde genommen hat,
um ein Menschenantlitz zu formen.

2. Sehnsucht der Nationen – Christus im Herzen aller Suche
„…et desideratus earum…“ – „und ihre ersehnte Hoffnung“.

Die Antiphon sagt etwas Kühnes:
Die Völker, die Kulturen, die Religionen, die großen Geschichten der Menschheit –
sie alle tragen eine Sehnsucht in sich.
Manchmal klar formuliert, häufig verschüttet, oft verzerrt –
aber doch vorhanden.
Die Tradition hat das so gelesen:
Ob Menschen es wissen oder nicht – ihr tiefstes Begehren gilt Gott,
gilt einem Reich, das gerecht ist,
gilt einer Mitte, die trägt.

Und nun sagt die Antiphon:
Diese Sehnsucht hat Gestalt:
•    nicht in einer Idee,
•    nicht in einer Theorie,
•    nicht in einer Ideologie,
sondern in einer Person: Christus.
Er ist der „Desideratus gentium“ –
der Ersehnte der Völker.


Damit sagt die Kirche etwas sehr Demütiges:
•    Sie ist nicht der Mittelpunkt – Christus ist es.
•    Sie besitzt ihn nicht – sie bezeugt ihn.
•    Und überall, wo Menschen nach Gerechtigkeit, Wahrheit, Frieden, Sinn hungern,
ist in gewisser Weise eine versteckte Richtung auf ihn hin.

Wer „O Rex Gentium“ betet, wird misstrauisch gegenüber jeder Engführung:
Christus ist mehr als meine Kultur, meine Nation, meine Konfession.
Er ist der König der Völker – und seine Anziehungskraft reicht weiter als unsere Grenzen.

3. Eckstein – der die Getrennten trägt, nicht plattwalzt
„…Eckstein, der du die Getrennten zu einem machst.“
Das Bild des Ecksteins ist sehr körperlich:
Zwei Mauern treffen sich in einem Stein, der sie verbindet und trägt.
Ohne ihn bräche der Bau auseinander.

Die Väter sagen:
•    Eine Mauer ist Israel, die andere die Völkerwelt.
Beide laufen in Christus zusammen.
•    Eine Mauer ist die Menschheit, die andere Gott.
In Christus berühren sich beide – wahre Gottheit, wahre Menschheit.
•    Eine Mauer bist du, eine der andere –
und Christus ist der Punkt, an dem ihr euch nicht mehr zerschlagt, sondern zusammenfindet.

Wichtig ist:
Der Eckstein nivelliert nicht.
Er macht nicht alles gleich.
Er trägt Unterschiedliches, ja Fremdes, und bringt es in tragfähige Verbindung.

In einer Zeit, in der Einheit oft mit Uniformität verwechselt wird,
ist das äußerst heilsam:
•    Christus gründet keine Gleichmacherei.
•    Er gründet eine Einheit in der Verschiedenheit,
eine Versöhnung, die Unterschiede nicht auslöscht, sondern trägt.
Wenn die Antiphon sagt: „du machst die Getrennten zu einem“,
dann ist das mehr als „wir vertragen uns ein bisschen besser“.
Es bedeutet: In dir, Christus, entsteht ein neuer Mensch (Eph 2) –
eine neue Weise, Mensch zu sein: versöhnt mit Gott, versöhnt untereinander, versöhnt mit sich selbst.

4. König in einer zerrissenen Welt
„O König der Völker… Eckstein, der du die Getrennten zu einem machst…“
Man hört diesen Ruf heute anders als vor hundert Jahren:
•    Kriege, ethnische Spannungen, Religionskonflikte,
•    erstarkende Nationalismen,
•    Ideologien, die sich absolut setzen,
•    Spaltungen in Gesellschaft und Kirche.

O Rex Gentium ist damit ein unglaublich aktuelles Gebet:
•    Es ruft nicht nach einem starken Mann,
•    nicht nach einer Ideologie,
•    nicht nach einem System,
sondern nach einem König, der durch seine Wunden herrscht:
Christus, der Gekreuzigte.

Seine „Herrschaft“ zeigt sich nicht in Gewalt,
sondern in der Kraft der Versöhnung:
•    Er trägt Narben – auch von unserer Feindschaft.
•    Er kennt die Spaltung, weil sie durch sein eigenes Herz gegangen ist.
•    Er reißt Mauern nieder, indem er sie an seinem Leib ertragen hat.

Wer „O Rex Gentium“ betet, ruft im Grunde:
Herr, komm in diese zerrissene Welt –
in unsere nationalen, politischen, kirchlichen, persönlichen Spaltungen –
nicht um sie einfach zu überstreichen,
sondern um sie von innen her zu heilen.

5. „Hominem, quem de limo formasti“ – König des Staubs
Der letzte Satz der Antiphon ist von schlichter Schönheit:
„Komm und rette den Menschen, den du aus Staub geformt hast.“

Hier geschieht etwas Wichtiges:
•    Die große Weltgeschichte,
•    die Völker,
•    die Nationen,
•    der Eckstein,
•    der König –
alles konzentriert sich auf einen einzelnen Menschen:
den Staubmenschen, den Erdling, den geformten Lehm.
Das bist du.
Das bin ich.

Zwei Wahrheiten begegnen sich hier:
1.    Demut:
Wir sind Staub.
Begrenzte, verletzliche, zerbrechliche Wesen.
Wir vergehen. Wir irren. Wir enttäuschen. Wir werden enttäuscht.

2.    Würde:
Dieser Staub ist geformt.
Nicht zufällig, nicht wertlos,
sondern von Gottes Hand berührt.
In dein Staubsein hat er seinen Atem hinein gehaucht.
Die Antiphon wagt ein kühnes Gebet:
Gerade du, der mich aus Staub geformt hast –
lass mich jetzt nicht fallen.
Vollende, was du begonnen hast.

Es ist, als ob der Mensch zu Gott sagt:
Du kennst meine Zerbrechlichkeit – du hast mich ja so gemacht.
Aber wenn ich dir etwas „zumuten“ darf, dann dies:
Lass dein Werk nicht unvollendet.
Rette den, den du selbst mit so viel Liebe geformt hast.

6. Gebet: Mit den Völkern – als Staub – zum König
Zum Schluss können wir O Rex Gentium in ein gemeinsames, stilles Gebet kleiden:
O König der Völker,
Ersehnter aller Nationen,
Eckstein, der du die Getrennten zu einem machst,
wir bringen dir unsere zerrissene Welt:
die Kriege und die verschlossenen Grenzen,
die lauten Parolen und die stummen Opfer,
die verletzten Beziehungen,
die zerspaltenen Kirchen.
Du bist der König, der nicht von oben herab regiert,
sondern von unten her –
vom Kreuz, vom Staub,
vom Ort der Schwachen her.

Wir bringen dir auch unseren eigenen Staub:
unsere Müdigkeit, unsere Angst,
unsere Schuld, unsere Brüche,
das, was in uns zerfallen ist.
Du hast uns aus Erde geformt.
Forme uns neu.
Mach aus uns Menschen des Friedens,
lebendige Steine deines Hauses,
Zeichen deiner versöhnenden Herrschaft.
O Rex Gentium,
König der Völker,
König unseres Staubs:
komm
und rette den Menschen,
den du aus Staub geformt hast.

Wer „O Rex Gentium“ betet, stellt sich in die Mitte der Menschheit – nicht über andere, sondern an ihre Seite:
•    als Staub, der um Rettung bittet,
•    als Teil der Völker, die nach einer Mitte suchen,
•    als lebendiger Stein, der sich in Christus zum Bau der Einheit fügen lässt.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.

Symbolbild (c) Pater Andreas Fritsch FSO


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