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Über 20 Jahre Christen bespitzelt: Wolfgang Schnur gestorben

22. Jänner 2016 in Chronik, 2 Lesermeinungen
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Der Vertrauensanwalt der Kirche wäre 1990 fast DDR-Ministerpräsident geworden, doch zehn Tage vor der Wahl wurde er als langjähriger Stasi-Mitarbeiter enttarnt.


Wien/Berlin (kath.net/idea) Der Vertrauensanwalt der evangelischen Kirche in der DDR, Wolfgang Schnur, ist tot. Medienberichten zufolge starb er im Alter von 71 Jahren in einem Krankenhaus in Wien. Schnur erlag einem Krebsleiden. Nach der Friedlichen Revolution 1989 war er einer der bekanntesten Politiker und Kirchenmänner in der noch bestehenden DDR. Als Spitzenkandidat der „Allianz für Deutschland“ – dem Wahlbündnis aus Christlich-Demokratischer Union der DDR (CDU), Demokratischem Aufbruch (DA) und Deutscher Sozialer Union (DSU) – wäre er 1990 fast der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR geworden. Doch zehn Tage vor der Wahl wurde er als langjähriger Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit enttarnt. Später kam heraus, dass er bereits 1964 eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hatte. 1993 entzog ihm die Berliner Justizverwaltung seine Zulassung als Anwalt. 1996 verurteilte das Berliner Landgericht Schnur wegen Verrats von DDR-Bürgerrechtlern an die Stasi zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung. Danach bestritt er seinen Lebensunterhalt als Berater verschiedener Projekte.


Seine Spitzeleien füllen 41 Ordner mit je 300 Seiten

Als IM „Torsten“ und „Dr. Ralf Schirmer“ hatte Schnur mehr als 20 Jahre lang Bürger bespitzelt und verraten – Freunde und Mandanten, Wehrdienstverweigerer und Würdenträger aus den Reihen von Kirche und Bürgerrechtsbewegung. Seine Mitschriften füllen 41 Ordner mit jeweils mindestens 300 Seiten; zwei weitere Ordner sind verschwunden. In der evangelischen Kirche genoss er höchstes Vertrauen. Zunächst wurde er Mitglied des Konsistoriums der pommerschen Kirche in Greifswald, später gehörte er zeitweise zur Leitung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Er war Vizepräses der Evangelischen Kirche der Union (Region Ost). Außerdem wurde er Sprecher des Evangelischen Jungmännerwerks. Damit konnte er die kirchliche Jugendarbeit ausspionieren. Dort lernte er unter anderem den Begründer der Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“, den Dresdner Pfarrer Harald Bretschneider, kennen. Bretschneider war als Landesjugendpfarrer für die Betreuung der sogenannten Bausoldaten und Wehrdienstverweigerer zuständig.


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