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SucheSuchen Sie im kath.net Archiv in über 70000 Artikeln: ![]() ![]() ![]() ![]() Top-15meist-diskutiert
| ![]() 'Amoris Laetitia' oder das Lehramt, das sich selbst abschafftvor 1 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung Leo XIV. muss das Schreiben seines Vorgängers lehramtlich korrigieren, wenn er die Einheit der Kirche erhalten will. Ein Gastkommentar von Martin Grichting Chur (kath.net) Das Apostolische Schreiben «Amoris Laetitia» (AL) ist ein Kunststück. Dieses besteht darin, die Lehre der Kirche in der Theorie beizubehalten, sie aber in der Praxis abzuschaffen. Denn es steht nun Priestern und anderen «Begleitern» zu, im eigenen Namen betreffend Menschen, die im Ehebruch leben, «pastorale Unterscheidungen» vorzunehmen. Wenn es gute Gründe gibt, dürfen dann solche Personen die Sakramente der Eucharistie und der Busse empfangen, ohne an ihrer Praxis, welche die Ehe bricht, etwas zu ändern. Das Wort Gottes und die Lehre der Kirche werden durch «pastorale Unterscheidungen» in tausend unvergleichbare Einzelfälle pulverisiert. Und jeder, der mit seiner Lebenspraxis gegen die Lehre der Kirche anlebt, wird einen verständnisvollen «Begleiter» und «Unterscheider» finden, der vertretbare Gründe anerkennt, die es im konkreten Fall ermöglichen, das zu tun, was man nicht tun darf. Der Willkür ist Tür und Tor geöffnet. Die Kirche weiss seit der Publikation von AL nicht mehr, was geschieht. Und sie will es auch nicht mehr wissen. Das AL-Kunststück wird nicht zum ersten Mal aufgeführt. Es waren bereits Jesuiten, die im 17. Jahrhundert mit dem Trick des begründeten Einzelfalls gearbeitet haben. Der einzige Unterschied zu heute besteht darin, dass diese Jesuiten nicht Päpste waren. Blaise Pascal (1623‒1662) deckt in seinen «Briefen in die Provinz» («Les Lettres Provinciales», 1656/1657) das Spiel der Jesuiten auf. Er tut dies mittels eines Dialogs mit einem fiktiven Modell-Jesuiten. «Man kann nie zu viele Einzelfälle berücksichtigen», zitiert Pascal seinen Gesprächspartner (8. Brief). Dreh- und Angelpunkt des Jesuitentricks ist dabei der Begriff der «Probabilität». Dieser bedeutet nicht im heutigen Sinn Wahrscheinlichkeit, sondern eine Meinung, die mit guten Gründen vertretbar ist. Er ist «die Grundlage und das ABC unserer ganzen Morallehre», wie Pascals Jesuit bemerkt (5. Brief). Gemäss dem Jesuiten Escobar ist Probabilität so zu verstehen: «Eine Meinung wird probabel genannt, wenn sie auf ernsthafte Erwägungen gegründet ist. Daher ist es zuweilen möglich, dass ein einzelner ernster Gelehrter eine Meinung als probabel ausweisen kann. Denn ein Mann, dem das Studium in besonderem Masse obliegt, würde keine Meinung vertreten, wenn er dazu nicht durch einen guten und hinreichenden Grund bewogen würde». Pascal spürt schon damals, dass in diesem zirkelschlüssigen Gedankenkonstrukt die Grundlage für alle Verwirrung sowie Willkür liegt, und wendet ein: «Wer gibt mir denn die Gewissheit, dass bei der Freiheit, die Ihre Theologen sich herausnehmen, alles mit der Vernunft zu prüfen, das, was dem einen als gewiss erscheint, auch den anderen so erscheinen wird? Die Verschiedenheit der Urteile ist so gross…». Daraus entsteht ein Wortgefecht. Der Jesuit gibt zu, dass die Kasuisten oft verschiedener Ansicht sind. «Aber das schadet nichts: jeder macht die seinige Meinung probabel und sicher». Und das sei gut so. Pascal erwidert: «Aber dann muss man doch in grosser Verlegenheit sein, wenn man wählen soll». Darauf erwidert der Jesuit: «Keineswegs, man braucht nur der Meinung zu folgen, die einem am meisten zusagt». Pascal wendet ein: Und wenn die andere probabler oder sicherer sei? Der Jesuit zitiert dagegen einen Autoren seines Ordens: «Man darf das tun, was man einer probablen Meinung folgend für erlaubt hält, selbst wenn die gegenteilige Meinung sicherer ist. Und dafür genügt die Ansicht eines einzigen gewichtigen Theologen». Die Lehre der Probabilität binde auch den Beichtvater. Pascals Modelljesuit erklärt es so: «Die Beichtväter sind verpflichtet, jedem Pönitenten, der eine probable Meinung vorbringt, die Absolution zu geben, und das gilt bei Strafe der Todsünde, damit sie sich daran halten. Das haben unsere Patres überzeugend dargetan, unter anderem der Pater Bauny, der sagt: Wenn der Beichtende einer probablen Meinung folgt, muss ihm der Beichtvater die Absolution geben, auch wenn seine Meinung der des Pönitenten entgegengesetzt ist». Wo der Probabilismus-Trick endet, kann man schon bei Pascal nachlesen. Er zitiert einen Jesuiten-Autor, der vertritt, «dass Personen jeglichen Standes, und sogar die Priester, den Leib Jesu Christi noch am selben Tag empfangen dürfen, an dem sie sich mit schändlichen Sünden befleckt haben; dass man, weit davon entfernt, durch eine solche Kommunion eine Unehrerbietigkeit zu begehen, deswegen zu loben sei; dass die Beichtväter niemanden davon abhalten dürfen, sondern denen, die soeben solche Sünden begangen haben, raten sollen, noch zur selben Stunde zu kommunizieren. Denn wenn die Kirche es auch verboten hat, so ist dieses Verbot doch durch die allgemeine Praxis der ganzen Welt ausser Kraft gesetzt worden». Und Pascal bemerkt: «So weit kommt es, ehrwürdige Patres, wenn man in der ganzen Welt Jesuiten hat. Und so sieht nun die allgemeine Praxis aus, die Ihr eingeführt habt und aufrechterhalten wollt» (16. Brief). Die faktisch geschaffene Wirklichkeit verändert also zuletzt den theoretischen Überbau und triumphiert über ihn. Im «Kommunistischen Manifest» von 1848 haben es Karl Marx und seine Genossen so formuliert: «Bedarf es tiefer Einsicht, um zu begreifen, dass mit den Lebensverhältnissen der Menschen, mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen, mit ihrem gesellschaftlichen Dasein auch ihre Vorstellungen, Anschauungen und Begriffe, mit einem Worte auch ihr Bewusstsein sich ändert?». Marx erscheint vor dem Hintergrund der Jesuiten des 17. Jahrhunderts als Nachahmer. Auch die von AL thematisierte Frage des Ehebruchs wird von Pascal bereits diskutiert. Er lässt von seinem Jesuiten-Gesprächspartner den schon erwähnten P. Étienne Bauny zitieren. Dieser habe denen, die in nächste Gelegenheiten zu sündigen verstrickt seien, erlaubt, in dieser Lage zu verbleiben, «wenn sie sich den Gelegenheiten nicht entziehen können, ohne der Welt Anlass zur Nachrede zu geben oder selber dadurch Unannehmlichkeiten zu haben». Ebenso lehre Bauny: «Man darf und muss eine Frau lossprechen, die einen Mann bei sich hat, mit dem sie oft sündigt, wenn sie ihn nicht auf schickliche Weise vor die Tür setzen kann oder irgendeinen Grund hat, ihn bei sich zu behalten, sofern sie sich vornimmt, fortan nicht mehr mit ihm zu sündigen». Denn es gelte: «Man darf eine Gelegenheit unmittelbar und als solche, primo et per se, suchen, wenn das zeitliche und ewige Wohl des Nächsten oder unser selbst es verlangt». Pascal bemerkt süffisant dazu: «Dann ist also die Pflicht, die nächsten Gelegenheiten zur Sünde zu meiden, erheblich gemildert worden, wenn man von ihr dispensiert ist, sobald einem Unannehmlichkeiten daraus erwachsen» (10. Brief). Die Bedeutung von Pascals «Briefen in die Provinz» besteht nicht zuletzt darin, dass er zeigt, dass der Probabilitäts- und Einzelfalls-Trick auf alle möglichen Themen angewandt werden kann: Mord ist keiner mehr, wenn er nicht für Geld verübt wird; die Verpflichtung, aus seinem materiellen Überfluss die Armen zu unterstützen, tritt in der Praxis nicht ein, weil die Reichen ja legitimerweise zuerst den eigenen Lebensstand erhalten dürfen und so faktisch nichts übrig bleibt für andere. Gehe es um Tötung und Rache, Duell, Diebstahl und Eigentum, Wucher, Lüge, Eid sowie Täuschung und um simonistische bzw. unerlaubte Geschäfte mit geistlichen Dingen: Die Norm bleibt in der Theorie stets unangetastet. Aber durch immer feinere kasuistische Unterscheidungen und Begriffsdistinktionen wird mittels «probabler» Meinungen in der Praxis ein Verhalten erlaubt, das materiell dem widerspricht, was die Norm verlangt (6. Brief und folgende). Wozu das führt, bringt Pascal auf den Punkt, indem er einen Kritiker des erwähnten P. Bauny zitiert. Dieser habe über den Jesuiten gesagt: «Ecce qui tollit peccata mundi!» – «Seht, er nimmt hinweg die Sünden der Welt» (4. Brief). Die Probabilitäts- und Einzelfall-Methode ist auch heute universalisierbar. Da sie neuerlich von einem Papst propagiert wird, ist sie es erst recht. Wenn man die Unauflöslichkeit der Ehe dekonstruieren kann, kann man mit probablen, vertretbaren Gründen alles dekonstruieren. AL ist deshalb ein Bumerang, der das kirchliche Lehramt treffen wird. Denn zu allem und jedem kann man vertretbare Gegengründe vorbringen. Auch die den beiden letzten Päpsten so lieben Stellungsbezüge zu Klima, gerechtem Krieg, Todesstrafe, Migration und KI sind dann nur noch probable Meinungen, zu denen es konträre probable Meinungen gibt, die man im Einzelfall mit gleichem Recht den päpstlichen vorziehen kann. Pascal zitiert in diesem Sinn den Jesuiten Diana: «Ich gebe zu, dass der Papst dies als Oberhaupt der Kirche gesagt hat. Aber er hat es nur innerhalb der Sphäre der Probabilität seiner Meinung gesagt». Und Pascals jesuitischer Gesprächspartner ergänzt: «Wie Sie sehen, werden die Ansichten der Päpste auf diese Weise nicht angetastet: das würde man in Rom auch nicht dulden, wo Diana in so hohem Ansehen steht. Er sagt ja nicht, die Entscheidungen der Päpste seien nicht probabel, sondern indem er ihre Meinung im Bereich der Probabilität belässt, kann er zugleich sagen, dass auch die gegenteilige Meinung probabel ist» (6. Brief). Nicht nur die zehn Gebote sind dekonstruierbar, sondern auch die kirchliche Disziplin. Eine diesbezügliche Weiterentwicklung der AL-Methode stellt eine Stellungnahme der Schweizer Bischofskonferenz vom November 2025 dar. Darin wird darauf verzichtet, von kirchlichen Laienmitarbeitern Kohärenz zu verlangen. Unter Bezugnahme auf AL heisst es zu Laien, die in ausserehelichen, ehebrecherischen oder gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben: «Vielmehr legen wir eine Standortbestimmung vor, welche die aktuellen Lebenswirklichkeiten ernst nimmt und zur geistlichen Unterscheidung einlädt. Die Lebenswirklichkeit eines Menschen ist einmalig und man kann evangeliumsgemäss nur gerecht handeln, wenn man diese ganzheitlich berücksichtigt. Zwei Menschen können das Gleiche tun, und ist es nicht dasselbe». Pascal hätte dazu bemerkt: «Sie geben ihrer menschlichen und politischen Klugheit den Anschein einer göttlichen und christlichen Klugheit» (5. Brief).
Auch jeder Theologieprofessor einer deutschen staatlichen Fakultät legt probable Meinungen vor, wenn er dem kirchlichen Lehramt widerspricht, sei es betreffend die Gotteslehre, die Ekklesiologie oder die kirchliche Disziplin. So lange er die kirchlichen Gegenposition ebenfalls als probable Meinung gelten lässt, hat er nichts zu befürchten. Das gleiche gilt auch für die Staatsbischöfe auf ihrem synodalen Weg. Die AL-Methode als Probabilismus 2.0, die intransparente «Unterscheidung» des Einzelfalls im Hinterzimmer mittels probabler Meinungen: es ist die Begründung eines suizidalen Lehramts, das sich selbst dekonstruiert. Dieser Prozess wird vor nichts Halt machen. Die faktische Zerstörung der kirchlichen Glaubenslehre wird in den Herzen der Gläubigen immer mehr das Vertrauen in den göttlichen Beistand des kirchlichen Lehramts untergraben und damit ihren Gottesglauben. Dies kann nur abgewendet werden, indem AL lehramtlich im Sinne der immerwährenden Lehre der Kirche korrigiert wird. An dieser hängt ihre Einheit. Im 17. Jahrhundert war sich die Kirche der Gefahr bewusst, die ihr drohte. So wurden in den Jahren 1665 und 1666 vom Heiligen Offizium (das heutige Dikasterium für die Glaubenslehre) 45 Sätze von Kasuisten verurteilt (Denzinger-Hünermann [DH], 17. Auflage, Freiburg/Basel/Wien 2017, Nr. 2021‒2065). Im Jahre 1669 folgten weitere 65 Sätze (DH 2101‒2165). Darin gibt es Punkte, die auch im Hinblick auf AL relevant sind. Vor allem DH 2061 ist einschlägig, hier in eigener Übersetzung, da Denzinger den Sinn verfälscht: «Ein Mann, der im Konkubinat lebt, ist nicht dazu zu verpflichten, seine Konkubine fortzuschicken, wenn sie für seine Annehmlichkeiten – gemeinhin ‚regalo‘ genannt – allzu nützlich ist, sofern er ohne sie ein allzu beschwerliches Leben führen würde, andere Speisen ihm grossen Widerwillen bereiten würden und eine andere Dienerin nur sehr schwer zu finden wäre». Es wird bereits hier der Taschenspielertrick verwendet – und von der Kirche verurteilt –, wie er in der AL-Diskussion und in der Geschiedenen-Wiederverheirateten-Debatte immer wieder auftaucht: In Tat und Wahrheit handelt es sich um eine Konkubine. Aber mittels einer Begriffsverschiebung wird daraus eine Haushälterin gemacht. Und der arme Mann müsste schlechter essen, wenn er seine «Köchin» wegschicken würde. Bei den heutigen (päpstlichen) AL-Kasuisten wird nicht mehr das weniger delikate Essen vorgeschoben, wenn eine Konkubine beibehalten werden soll, sondern es sind z.B. Kinder, um die man sich ja irgendwie sorgen muss. Auch zu den kirchlichen Verurteilungen in den folgenden Punkten steht AL im Widerspruch. DH 2160: «Einem Beichtenden, der die Gewohnheit hat, gegen das Gesetz Gottes, der Natur und der Kirche zu sündigen, ist die Lossprechung, auch wenn keine Hoffnung auf Besserung zum Vorschein kommt, weder zu verweigern noch aufzuschieben, sofern er nur mündlich äussert, er empfinde Schmerz und nehme sich Besserung vor». DH 2161: «Bisweilen kann losgesprochen werden, wer in der nächsten Gelegenheit zu sündigen weilt, die er vermeiden kann und nicht will, ja, die er sogar direkt und absichtlich sucht oder sich in sie begibt». DH 2162: «Die nächste Gelegenheit zu sündigen ist nicht zu fliehen, wenn sich irgendein nützlicher oder ehrenvoller Grund darbietet, sie nicht zu fliehen». DH 2163: «Es ist erlaubt, für unser geistliches oder zeitliches Gut oder das des Nächsten direkt die nächste Gelegenheit zu sündigen zu suchen». Aufgrund der lehramtlichen Zuständigkeit sowie des Jurisdiktionsprimats liegt es an Papst Leo XIV., die Kirche heute vor verderblichen Lehren zu schützen. In seiner Enzyklika «Magnifica humanitas» hat er unter Beweis gestellt, dass er auch Autoren ernst nimmt, die nicht zum klassischen Kanon katholischer Glaubenslehrer gehören (J. R. R. Tolkien, Hannah Arendt, Viktor Frankl). Deshalb sollte Leo XIV. betreffend AL auf Heinrich Heine hören. Denn Narren sagen nicht selten die Wahrheit. In die «Die romantische Schule» (1833) bemerkte der deutsche Literat zu Pascals Gegnern: «Nie hat der menschliche Geist grössere Kombinationen ersonnen als die, wodurch die alten Jesuiten den Katholizismus zu erhalten suchten. Aber es gelang ihnen nicht, weil sie nur für die Erhaltung des Katholizismus und nicht für den Katholizismus selbst begeistert waren. (…). Aber vergebens gewährten ihre Beichtiger die freundlichsten Absolutionen und buhlten ihre Kasuisten mit jedem Laster und Verbrechen. (…). Mit Recht sagte einst Barrault: Die Jesuiten konnten die Erde nicht zum Himmel erheben, und sie zogen den Himmel herab zur Erde. Fruchtlos war all ihr Tun und Wirken. Aus der Lüge kann kein Leben erblühen, und Gott kann nicht gerettet werden durch den Teufel». Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. | ![]() Mehr zu | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Top-15meist-gelesen
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