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Pornografie, NoFap und die Rückkehr der Selbstbeherrschung

vor 8 Stunden in Kommentar, 2 Lesermeinungen
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Von der sexuellen Befreiung zur sexuellen Versklavung? - Gastbeitrag von Michael W. Busch


München (kath.net)

Während viele Intellektuelle noch immer die sexuelle Revolution als großen Fortschritt feiern, entdeckt eine wachsende Zahl junger Menschen freiwillig Enthaltsamkeit, Pornografie-Verzicht und digitale Askese neu. Damit rücken sie oft unbewusst in die Nähe christlicher Vorstellungen, die Sexualität nie als Selbstzweck und auch Keuschheit nicht als Verneinung der Sexualität verstanden, sondern als Einübung der inneren und äußeren Freiheit, den anderen niemals bloß als Objekt des eigenen Begehrens zu behandeln. Was verbirgt sich hinter diesen Entwicklungen? Wie konnte aus der Verheißung grenzenloser Freiheit der Wunsch nach freiwilliger Selbstbegrenzung entstehen?

Die sexuelle Revolution der späten 1960er Jahre wollte die Sexualität aus den Bindungen von Ehe, Religion und gesellschaftlichen Tabus lösen. Der „Muff unter den Talaren“ sollte weggeblasen werden. Es ging um Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und das Recht auf sexuelle Lust, frei von gesellschaftlicher Ächtung, frei von Zwängen jedweder Art. Niemand und besonders nicht die Kirche sollten das Recht haben, in das eigene Schlafzimmer „hineinzuregieren“. Was als Emanzipationsbewegung begann, entpuppte sich rasch als Kommerzialisierung und „Verdinglichung“ des menschlichen Körpers, der zur handel- und konsumierbaren Massenware wurde. Schon früh kamen selbst aus der links-feministischen Ecke Warnrufe, dass die sexuelle Befreiung nur eine verschleierte Form der noch subtileren sexuellen Ausbeutung von Frauen sei. So argumentierte die Soziologin Kathleen Barry in ihrem grundlegenden Werk „Female Sexual Slavery“ (1979), dass die vermeintliche Befreiung von traditionalistischen und religiösen Tabus den patriarchalen Zugriff auf Frauenkörper nicht überwunden, sondern vielmehr institutionalisiert und als Freiheit getarnt habe. Aus dieser Perspektive wandelte sich die sexuelle Revolution in eine neue gesellschaftliche Pflicht zur allzeitigen sexuellen Verfügbarkeit, die primär männlichen Bedürfnissen dient. Der Verlust religiöser Moralvorstellungen führte somit nicht zur emanzipatorischen Selbstbestimmung, sondern erleichterte die kapitalistische Normalisierung von Gewalt und Objektifizierung durch eine globalisierte Porno- und Prostitutionsindustrie. Selbst die vermeintlich „freiwillige“ Prostitution erweise sich laut Barry als die Internalisierung eines tiefsitzenden Machtgefüges – einer strukturellen Form sexueller Versklavung, die Frauen jegliche echte Existenzgrundlage entzieht und damit den säkularen Mythos einer rein befreienden Moderne radikal infrage stellt.

Aufgegebene Traditionen hinterlassen eine Leerstelle

Wenn man „alte Zöpfe“ abschneidet, d.h. Traditionen abschafft, als vermeintlich einengend erkannte Ehr-, Moral- und Schamvorstellungen überwindet, entsteht eine Leerstelle. Diese füllt sich häufig mit beliebigen, persönlich als richtig eingestuften Verhaltensweisen, die zumeist hedonistische Züge tragen. Was bei der Abschaffung traditioneller Sichtweisen übersehen wird, ist die stützende Funktion von Regelmäßigkeit, die Hilfe, die Institutionen, Rituale und Werte leisten, um den Prozess der Persönlichkeitsreifung zu begleiten. Das wussten auch die Kommunisten in der DDR, die die Jugendweihe an die Stelle der Konfirmation setzten, oder die Nazis, die kirchliche Prozessionen und Feste durch profane Aufmärsche und pompös inszenierte Parteitage zu verdrängen versuchten. Viele tiefreligiöse Rituale und Handlungen wurden durch profane Substitute ersetzt. In einer sexuell befreiten Welt fühlen sich viele Menschen unter Druck gesetzt und in ihrer Wahlfreiheit überfordert. Daher folgen sie nicht selten dem Mainstream, der aber oft lediglich Ausdruck einer auf Konsum, Sex und Machtfantasien ausgerichteten Scheinwelt des Films, der Werbung und des Influencertums auf sozialen Medien ist. Die Medien geben Halt und zeigen, wohin man streben sollte, was eine wünschenswerte Richtung ist, um glücklich zu werden. Die wünschenswerte Richtung entspricht jedoch nicht der Realität, sondern einem überzeichneten, verzerrten Ideal. Dass über diesen Vergleich oft das Gefühl der Unzulänglichkeit entsteht, ja Depressionen die Folge sein können, ist durch zahlreiche empirische Studien, die die Auswirkungen exzessiven Konsums sozialer Medien untersucht haben, wissenschaftlich belegt worden. Wer ein reiches virtuelles Leben hat, verarmt bisweilen im realen Leben. Wer virtuellen Austausch hat, dem fehlt es an echtem sozialen Austausch. Traditionelle Werte wie Selbstbeherrschung, d.h. dem Willen, an sich zu arbeiten und sich nicht durch äußere Reize treiben zu lassen, Monogamie, Reinheit und Integrität haben dabei kaum noch Platz, auch wenn es durchaus genügend Beispiele für in dieser Hinsicht positive Filme und Influencer gibt. An die Stelle von Gott und Jenseitsorientierung treten das Subjekt und die Diesseitsorientierung. Langfristige, auf Werten basierende Erwägungen, die eine Bereitschaft zum Verzicht, zum Opferbringen und Sparen mit sich bringen, werden von kurzfristigen, auf Spaß, Nützlichkeit und Bequemlichkeit ausgerichteten Faktoren abgelöst. Es gilt, den Augenblick gänzlich auszukosten, das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Von der Verzichts- zur Genusskultur

Aus kulturtheoretischer Sicht beschreibt diese Transformation exakt den radikalen Wandel, den Geert Hofstede (1928-2020) als Übergang von einer Kultur des Restraint – der religiös-moralischen Triebunterdrückung und disziplinierten Zurückhaltung – hin zu einer Epoche der Indulgence definiert, in der die Nachgiebigkeit gegenüber den eigenen Impulsen zur gesellschaftlichen Leitmaxime erhoben wird. Die Genussorientierung manifestiert sich in einer Priorisierung des persönlichen Glücks, der Freizeit und eines positiven Hedonismus, bei dem der Konsum von Gütern und sexuellen Freiheiten gesellschaftlich legitimiert wird. Gepaart mit einem ausgeprägten Gefühl der Selbstbestimmung und dem hohen Stellenwert von Meinungsfreiheit, wird das Individuum in einer Indulgence-Kultur dazu ermutigt, seine Wünsche und Emotionen ungehindert zu realisieren. Das seligere Geben wird durch eigennützigeres Nehmen, notfalls auf Kosten anderer, ersetzt. In von „Restraint“ geprägten traditionellen Gesellschaften wird die Befriedigung von Bedürfnissen und Trieben dagegen durch strikte soziale Normen, religiöse Gesetze oder moralische Tabus reglementiert und unterdrückt. Das Pflichtbewusstsein steht dort über dem persönlichen Vergnügen. Das Ausleben von Emotionen wird in der Öffentlichkeit stark kontrolliert.

All das scheint einer zyklischen Entwicklung zu folgen. Auf Not folgt asketische Anstrengung und Opferbereitschaft, die im Protestantismus als religiöse Pflicht (Berufung) verstanden wurde. Darauf folgt durch den wirtschaftlichen Erfolg bedingter Wohlstandsgenuss. Dieser führt zu einer fortschreitenden Säkularisierung: Der ursprüngliche religiöse Sinn verblasst, das Kapital wird rein weltlich verzehrt. Es folgt schließlich die Dekadenz als völlige Entfremdung von den spirituellen und moralischen Wurzeln, darauf wieder Not usw. Zum Ausdruck kommt dieses Verständnis in der sprichwörtlich gewordenen Kaufmannsweisheit „Der Vater erstellt's, der Sohn erhält's, dem Enkel zerfällt's“. Thomas Mann (1875-1955) hat dies in seinem 1901 erschienenen Roman „Buddenbrooks“ meisterhaft verarbeitet. Er dehnt dieses volkstümliche Modell des wirtschaftlichen Niedergangs im Buch lediglich über vier statt drei Generationen aus. Der Niedergang vollzieht sich dabei als schleichender Prozess, bei dem der geschäftliche Erfolg paradoxerweise die künstlerische und nervliche Sensibilität der Nachkommen bedingt, die sie letztlich unfähig für den harten Markt macht. Auch der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle (1961-2016) scheint diese kulturgeschichtliche Einsicht im Sinn gehabt zu haben, als er 2010 vor einem Vollversorgerstaat warnte, der keine Leistungsmentalität hervorzubringen imstande sei: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern.“


Nichts Neues unter der Sonne

Eine noch ältere religionssoziologische Beschreibung der Dekadenzphase befindet sich im alttestamentlichen Buch Amos (6, 4–7). Sie weist erstaunliche Parallelen zu den letzten Jahrzehnten unserer Zeit auf und zeigt wiederum, dass das, was wir aktuell erleben, nicht wirklich neu ist, sondern lediglich für die gegenwärtige Generation eine Ersterfahrung darstellt. Das Buch Amos stammt aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. „Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern. Zum Essen holt ihr euch Lämmer aus der Herde und Mastkälber aus dem Stall. Ihr grölt zum Klang der Harfe, ihr wollt Musikinstrumente erfinden wie David. Ihr trinkt den Wein aus Opferschalen, ihr salbt euch mit feinsten Ölen, aber über den Untergang Josefs sorgt ihr euch nicht. Darum müssen sie jetzt in die Verbannung, allen Verbannten voran. Das Fest der Faulenzer ist vorbei.“ Und später schreibt der Apostel Paulus: „Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott ist der Bauch, ihr Stolz ist ihre Schande und sie trachten nur nach irdischen Dingen“ (Phil. 3, 19). Eine ähnliche geistliche Diagnose findet sich auch in den Schippacher Schriften der katholischen Mystikerin Barbara Weigand (1845-1943). Dort wird der modernen Gesellschaft immer wieder der Hang zu einer zügellosen Vergnügungssucht vorgeworfen, die Gott zunehmend an den Rand drängt und stattdessen das gemeinsame Feiern zum Lebensinhalt erhebt. Freude, Feiern und maßvolle Erholung werden dem Menschen dabei keineswegs abgesprochen; sie sollen jedoch nicht zum Mittelpunkt allen Trachtens und Strebens werden: „Meine Tochter! Siehe, es fällt dir schwer, dich in der Familie von der Arbeit zu trennen, deine Arbeit nicht zu tun. Du möchtest, wie die übrigen, deinen Berufsgeschäften obliegen, und es ist recht von dir, daß du immer tätig sein willst, denn Satan hat nichts lieber als eine müßige Seele, die da bereit ist, all seinen Einflüsterungen zu folgen; denn Müßiggang öffnet dem Feind die Türe, die Türe der Augen, der Ohren, des Mundes. Die Türen sind leicht geöffnet für Satan; durch ein Wort, einen Blick findet er schon Eingang. Wo Menschen müßig stehen, da finden sie ihren Zeitvertreib durch lieblose Reden, um sich zu unterhalten, oder zu schauen und sich umzusehen, ob sie nicht etwas für ihre Neugierde fänden, irgendwie ihren Hochmut zu befriedigen, oder eine sinnliche Neigung zu ergötzen, oder auch, daß sie Neuigkeiten hören wollen und anhören wollen die lieblosen Reden der Menschen“ (Offenbarungen an Barbara Weigand, Bd. 2, Elsenfeld-Schippach, 2001, S. 225). Langeweile wird heutzutage immer mehr durch Netflix, Videospiele und soziale Medien erstickt. Dabei handelt es sich allerdings, sofern nicht professionell betrieben, um keine konstruktive Arbeit, sondern um reinen Zeitvertreib. Wenn die Zeit dann immer gedrängter und knapper erscheint, wundern sich die Leute, wo sie geblieben ist. Unabhängig davon beschränken immer mehr Menschen ihre Internet-Zeit durch bewusstes Self-Tracking. Die Moderne ist wie so oft durch Ambivalenz gekennzeichnet. Sehr widersprüchliche Verhaltensweisen und Bewegungen existieren gleichzeitig nebeneinander.

Die NoFap-Bewegung

Gerade die jüngeren Generationen sind zunehmend sensibilisiert für die Gefahren, die von falschen Einflüsterungen, gezielten Beeinflussungsversuchen und den permanenten Ablenkungen durch (soziale) Medien ausgehen. Vor diesem Hintergrund rücken die Themen mentale Gesundheit und Digital Detox immer stärker in den Fokus einer zeitgemäßen Lebensführung. Der bewusste, zeitweise Verzicht auf die Nutzung digitaler Medien wie Smartphones, Computer und Social-Media-Plattformen soll wieder ein achtsames, diszipliniertes und fokussiertes Leben ermöglichen (Focus Time, Me-Time, Quality Time mit geliebten Menschen). Dieses gezielte Medienfasten dient nicht nur dazu, den alltäglichen digitalen Stress spürbar zu reduzieren, sondern hilft dem Individuum auch, sich von virtuellen Zwängen zu befreien und wieder präsenter am realen, analogen Miteinander teilzuhaben. Eine erstaunlich verbreitete Erscheinung unter jungen Männern stellt die NoFap-Bewegung dar. Vom Wortursprung her bezeichnet NoFap den bewussten Verzicht auf Masturbation (und den damit in der Regel verbundenen Konsum von Pornografie), um eine vermeintliche Abhängigkeit zu überwinden und die sexuelle sowie mentale Gesundheit zu verbessern. In einschlägigen Online-Foren wie Reddit (r/NoFap) oder Plattformen zur sogenannten Semen Retention herrscht die enthusiastische Überzeugung vor, dass sexuelle Enthaltsamkeit die kognitive Energie drastisch steigert. Zunächst handelte es sich um Selbsthilfegruppen zur Bewältigung von Pornoabhängigkeit und zwanghaftem Sexualverhalten, die sich im Anschluss stärker in die Richtung bewegt haben, sich allgemein von kurzfristigen Belohnungen bzw. Kicks nicht mehr beherrschen zu lassen, sondern selbst wieder die Kontrolle über sein Leben zu gewinnen, leistungsstärker und bindungsfähiger zu werden. Die Argumentation der Communitys stützt sich dabei im Wesentlichen auf vier Säulen: das Lichten von subjektiv empfundenem „Brain Fog“ zugunsten eines geschärften Fokus, die Resensibilisierung des Dopamin-Belohnungssystems für alltägliche Aufgaben, die gezielte mentale Umwandlung sexueller Energie (Transmutation) in Lebenskraft sowie ein immenser psychologischer Schub der eigenen Willensstärke durch radikale Selbstdisziplin. Das im Grunde einfache Argument lautet: Die Psyche gleicht einem geschlossenen Dampfsystem. Wenn man das Ventil (Sex) schließt, steigt der Druck, und man kann den Dampf sinnvoll nutzen, um Arbeits- und Beziehungsturbinen (Denken, Sport, sozialer Austausch) anzutreiben. Demgegenüber steht eine reflektierte alternative Sichtweise innerhalb der Bewegung, die den erlebten Energieschub kritisch erdet. Neben ausgeprägten Placebo-Effekten und temporären Entzugserscheinungen wie dem depressiven „Flatline“-Phänomen verweisen Skeptiker darauf, dass die kognitiven Gewinne primär das Resultat einer überwundenen, dysfunktionalen Pornosucht sind. Wissenschaftlich gesicherte Belege für weitergehende Wirkungen einer vollständigen sexuellen Enthaltsamkeit sind bislang nur begrenzt vorhanden. Eine kleine Interventionsstudie von Jochen Straub und Casper Schmidt (2022), in der 21 Männer drei Wochen lang auf Pornografie und Masturbation verzichteten, berichtete zwar über Verbesserungen hinsichtlich Müdigkeit, Energie und Motivation. Aufgrund der geringen Stichprobengröße und des Studiendesigns lassen sich daraus jedoch keine allgemeinen Aussagen über die realen Wirkungen sexueller Enthaltsamkeit ableiten. Der vermeintliche neurobiologische Sprung entpuppt sich somit oft schlicht als die Rückgewinnung von mentaler Bandbreite und Lebenszeit, die zuvor durch exzessiven Medienkonsum blockiert waren. Dennoch: Der Grundgedanke, dass zumindest temporäre Enthaltsamkeit freier macht und konstruktiver werden lässt, eint die Community. Der heute weit verbreiteten Sicht, sich doch so oft wie nur möglich etwas „Gutes“ zu gönnen, je nach Lust und Laune, um Stress abzubauen und Langeweile zu überbrücken, setzt die NoFap-Bewegung ein deutliches Fragezeichen entgegen. Weiche ich am Ende nur der kritischen Selbstanalyse, der Arbeit und der konsequenten Zielverfolgung aus?

Selbstbeherrschung als Basis für fokussiertes Arbeiten

Ob kulturgeschichtlich zutreffend oder psychologisch retrospektiv konstruiert: Die NoFap-Community verweist beständig auf historische Koryphäen, deren immense Schöpfungskraft auf eine bewusste Triebsublimierung zurückgeführt wird. Lange vor der Entstehung moderner Online-Bewegungen nutzten angeblich Denker und Erfinder wie Nikola Tesla (1856-1943), Immanuel Kant (1724-1804), Isaac Newton (1643-1727), Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Mahatma Gandhi (1869-1948) zeitweise oder lebenslang die sexuelle Enthaltsamkeit als strategisches Werkzeug zur Steigerung ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit. In ihren Biografien und Schriften wird der Sexualtrieb bemerkenswerterweise oft mit fast identischen Metaphern belegt wie in heutigen Internetforen – als eine Art biologischer Akkumulator, dessen Energie nicht durch kurzfristige Befriedigung zerstreut, sondern in abstrakte, kreative oder intellektuelle Höchstleistungen transformiert werden muss. Im Hinduismus, Yoga und der ayurvedischen Medizin wird die sexuelle Energie ebenfalls als die höchste Form der physischen und spirituellen Lebenskraft angesehen. Ihre bewusste Erhaltung und Umwandlung gilt als Fundament für Gesundheit, Willenskraft und innerer Erleuchtung. Diese historische Kontinuität verdeutlicht, dass das Streben nach mentaler Klarheit durch physische Askese kein neuartiges Internetphänomen ist, sondern eine tief verwurzelte Konstante menschlicher Selbstoptimierung darstellt. Die bekannteste populärwissenschaftliche Darstellung dieser These findet sich in Napoleon Hills (1883-1970) Longseller „Denke nach und werde reich“ (1937). Kapitel 10 behandelt darin „Die Umwandlung der Sexualkraft“. Er schreibt darin: „Die meisten Männer lernen nie, dass es für sexuelle Energie wesentlich nützlichere (wohlgemerkt, ich sage nicht: »bessere«, »edlere« oder »sinnvollere«!) Verwendungsmöglichkeiten gibt, als es der rein physische Gebrauch ist. Und die meisten, die irgendwann doch zu dieser Erkenntnis gelangen, schaffen dies erst, nachdem sie sich – wie man so schön sagt - »die Hörner abgestoßen haben«. Mit »abgestoßenen Hörnern« lässt sich allerdings auch im geistigen Bereich weit weniger effektiv arbeiten. Daher kann ich jedem, der schon in jungen Jahren ein klares Lebensziel hat und vom ausgeprägten Verlangen getrieben wird, es auch tatsächlich zu erreichen, nur dringend empfehlen, seine Sexualenergie nicht planlos zu vergeuden. Ich wiederhole: Es geht hierbei nicht darum, sich jeden sexuellen Genuss zu versagen, sondern darum, seine geschlechtliche Energie klug und verantwortungsbewusst zu verwalten und nach Möglichkeit alle »Überschüsse«, unter denen die Konzentrationsfähigkeit gerade junger Männer oft genug erheblich leidet, zu sublimieren und für ein höheres Ziel einzusetzen. Und wer dies schafft, der ist – wie jung er an Jahren auch sein mag – wahrhaft reif“ (München: Ariston Verlag, 2014, S. 190–191). Es geht also nicht um Beseitigung der Sexualität, sondern um Beherrschung, nicht um Triebverleugnung, sondern um Triebsublimierung. Bereits Sigmund Freud (1856-1939) sprach von diesem psychischen Abwehrmechanismus, bei dem sexuelle oder aggressive Triebenergien in gesellschaftlich anerkannte, kulturelle oder schöpferische Aktivitäten umgewandelt werden. Im Gegensatz zur Verdrängung gilt die Sublimation bei Freud als reif und gesund, da sie nicht zu neurotischen Erkrankungen führt.

Selbstbeherrschung als Basis qualitativ hochwertiger Beziehungen

Die eigentliche Pointe der NoFap-Bewegung liegt jedoch weder in der sexuellen Enthaltsamkeit noch in der Hoffnung auf gesteigerte kognitive Leistungsfähigkeit. Ihr Kern besteht in der Wiederentdeckung einer Tugend, die in der christlichen Tradition seit Jahrhunderten als Voraussetzung wahrer Freiheit gilt: der Selbstbeherrschung. Freiheit bedeutet in diesem Verständnis nicht die möglichst ungehemmte Befriedigung jedes spontanen Impulses, sondern die Fähigkeit, den eigenen Impulsen nicht willenlos ausgeliefert zu sein. Damit berührt die Bewegung – häufig ohne sich dessen bewusst zu sein – einen Gedanken, der die christliche Anthropologie seit ihren Anfängen prägt. Bereits der Apostel Paulus mahnt die Christen in Thessalonich, ihren Körper „in Heiligkeit und Ehre“ zu beherrschen und sich nicht wie die Heiden von ungeordneter Begierde treiben zu lassen (1. Thess 4, 3–5). Sexualität erscheint hier nicht als etwas Verwerfliches, sondern als Ausdruck einer Liebe, die den Partner niemals zum bloßen Mittel der eigenen Bedürfnisbefriedigung degradiert. Diesen Gedanken hat Johannes Paul II. in seiner „Theologie des Leibes“ auf bemerkenswerte Weise weiterentwickelt. Nach seiner Auffassung offenbart sich die Würde des Menschen gerade darin, dass der Leib niemals bloß Objekt des Konsums sein darf. Wo Sexualität den anderen lediglich als Instrument der eigenen Lustmaximierung wahrnimmt, verliert sie ihren personalen Charakter. Liebe erschöpft sich dann im egozentrischen Konsum des Körpers; echte, ganzheitliche Begegnung wird durch Gebrauch ersetzt. Keuschheit bedeutet in dem Zusammenhang nicht Sexualfeindlichkeit, sondern die Einübung jener inneren Freiheit, die den Menschen befähigt, im anderen zuerst die Person und nicht den Lustgewinn zu sehen. Diese Sicht entspricht ausdrücklich der Lehre der Kirche. Der Katechismus der Katholischen Kirche versteht Keuschheit als gelungene Integration der Sexualität in die Person und damit die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein (KKK 2337). Keuschheit wird daher nicht als Unterdrückung der Sexualität gesehen, sondern als Ausdruck jener inneren Freiheit, die den Menschen befähigt, seine Triebe verantwortet zu ordnen und in den Dienst der Liebe zu stellen.

Es wäre allerdings ein Missverständnis, darin den Versuch zu sehen, den Menschen zu einem asexuellen Wesen erziehen zu wollen. Auch gläubige Männer nehmen die Schönheit einer Frau wahr. Begehren gehört zur menschlichen Natur; es bildet im Normalfall den Anfang jeder Liebesbeziehung. Die christliche Tradition verurteilt daher nicht das spontane Wahrnehmen von Schönheit, sondern die Reduktion des anderen auf ein bloßes Objekt des eigenen Vergnügens. Genau darauf zielt Jesu radikale Mahnung in der Bergpredigt: „Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt. 5,28). In einer von sexuellen Reizen durchdrungenen Medienwelt scheint dieser Anspruch kaum erfüllbar – und doch war er schon zur Zeit Jesu eine Zumutung. Die Geschichte der Susanna (Daniel 13) zeigt eindrücklich, wie der ungeordnete Blick den Menschen allmählich seiner Urteilskraft berauben kann. Jesu Wort zielt deshalb tiefer als auf die bloße äußere Handlung. Jeder Gedanke besitzt die Tendenz, den nächsten hervorzubringen. Aus einem flüchtigen Reiz bzw. Eindruck entsteht eine Vorstellung, aus der Vorstellung ein Wunsch, aus dem Wunsch schließlich eine Entscheidung. Die eigentliche Sünde steht daher meist am Ende einer langen Kette innerer Prozesse. Diese geistige Dynamik wurde bereits von den Wüstenvätern – etwa Evagrius Ponticus (345–399) und Johannes Cassian (360–435) – sowie später in der Philokalie, dem einflussreichsten spirituelle Lehrwerk der orthodoxen Kirche, mit großer psychologischer Präzision beschrieben. Der geistliche Kampf beginnt nicht erst bei der Tat, sondern lange zuvor im Herzen des Menschen. Aus den genannten Quellen lässt sich heute noch viel Kraft im geistigen Kampf um Reinheit schöpfen. Es sollte unter dem Blickwinkel der Ewigkeit nicht vergessen werden, dass erst die gereinigte Seele das Purgatorium verlassen bzw. den Himmel betreten darf, denn nur die reinen Herzen werden Gott schauen (Mt. 5, 8) – ein Zustand, den die Theologie als visio beatifica bezeichnet. Wie bei oxidiertem Metall muss nach Katharina von Genua (1447-1510) von der Seele zunächst der Rost durch das Feuer der göttlichen Liebe weggeschmolzen werden, damit sie glänzend wird und vor das Angesicht Gottes treten kann.

Das Spiel mit der Sucht: Sexualität als Geschäftsmodell

Gerade im Streben nach Selbstbeherrschung und Reinheit, nach „koscherem Sex“ im Sinne einer exklusiven Intimität, wie es der medienwirksam auftretende Rabbi Shmuley Boteach in seinem 1999 erschienenen internationalen Bestseller forderte, liegt der eigentliche Gegensatz zur digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. Das Geschäftsmodell der Pornoindustrie besteht darin, den menschlichen Sexualtrieb zu monetarisieren und zu verstetigen, seine Anfälligkeit für Suchtverhalten dauerhaft auszunutzen. Aufmerksamkeit wird zur Ware, Begierde zum ökonomischen Rohstoff, der Körper zum konsumierbaren Produkt. Der alte Werbesatz „Sex sells“ beschreibt längst nicht mehr nur eine Marketingstrategie, sondern ein zentrales Funktionsprinzip des digitalen Kapitalismus. Je länger der Nutzer auf einer Plattform verweilt, desto höher der ökonomische Ertrag. Die Logik des Marktes verlangt daher nicht Mäßigung, sondern permanente Reizsteigerung. Der Mensch wird dabei weniger als Person denn als Konsument, ja Sklave seiner eigenen Triebe verstanden, der Technik raffiniert designter Sucht hilflos ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund erscheinen die letzten Überlegungen Benedikts XVI. in einem neuen Licht. In seinen Reflexionen über die Ursachen der kirchlichen Missbrauchskrise beschrieb er die kulturellen Umbrüche der späten 1960er Jahre als eine Epoche, in der sich die Vorstellung durchsetzte, es gebe im Bereich der Sexualität keine objektiven Maßstäbe mehr. Wo Freiheit ausschließlich negativ – als Befreiung von Normen – verstanden werde, verliere sie ihren inneren Bezug zur Wahrheit und damit letztlich auch zur Würde des Menschen. Benedikt beklagt dabei nicht die berechtigte Überwindung autoritärer Strukturen, sondern den Verlust eines Menschenbildes, das Freiheit stets mit Verantwortung verbindet. Die amerikanische Tänzerin Gabrielle Roth (1941-2012) hat dieses Paradoxon in passende Worte gefügt: „Hast du die Disziplin, die es braucht, um ein freier Geist zu sein?“

Die Wiederentdeckung der Freiheit

Vielleicht erklärt gerade dies die wachsende Faszination vieler junger Menschen für Formen freiwilliger Askese. Sie erleben täglich, dass unbegrenzte Verfügbarkeit nicht automatisch glücklich macht. Wer ständig konsumiert, wird nicht notwendig freier; häufig wird er vielmehr abhängiger. Der Wunsch nach Digital Detox, Dopamin-Fasten oder NoFap ist deshalb weniger Ausdruck eines neuen Puritanismus als vielmehr der Versuch, die Verfügung über das eigene Leben zurückzugewinnen. Der Verzicht wird nicht zum Selbstzweck, sondern zum Mittel einer Freiheit, die den Menschen befähigt, wieder wirklich zu wählen, bewusst nein zu sagen. Bemerkenswerterweise wird diese Einsicht auch von der modernen Verhaltenspsychologie gestützt. Der amerikanische Psychologe Walter Mischel (1930-2018) konnte mit seinem berühmten „Marshmallow-Test“ zeigen, dass die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub (deferred gratification) bei Kleinkindern ein wichtiger Prädiktor für späteren schulischen und beruflichen Erfolg, für Selbstkontrolle, emotionale Stabilität und eine geringere Suchtanfälligkeit ist. Zwar wurden die ursprünglichen Ergebnisse später differenziert und um soziale Einflussfaktoren ergänzt, doch blieb der Grundgedanke bestehen: Wer lernt, unmittelbare Bedürfnisse zugunsten langfristiger Ziele zurückzustellen, gewinnt an persönlicher Handlungsfreiheit. Auch Kinder, die im Test versagten, können später noch ihren „Willensmuskel“ stärken. Mischel hat sich den Rest seines Forscherlebens mit der Frage beschäftigt, welche konkreten Techniken dabei helfen können. In seinem kurz vor seinem Tod veröffentlichten Buch „Der Marshmallow-Effekt: Wie Willensstärke unsere Persönlichkeit prägt“ (2015) hat er seine Erkenntnisse noch einmal zusammengeführt. In Anbetracht dessen erscheint die christliche Tugend der Keuschheit nicht als lebensfremde Askese, sondern als besondere Ausprägung jener Fähigkeit zum freiwilligen Belohnungsaufschub, die auch die moderne Psychologie als Voraussetzung gelingender Persönlichkeitsentwicklung erkennt. Jeder auch noch so kleine Sieg gegen sich selbst, jede noch so kleine Impulskontrolle gegen Strebungen der Bequemlichkeit und unmittelbaren Lustbefriedigung auf Kosten langfristig gesetzter Ziele erscheint dabei als Stärkung der Willenskraft und des Selbstwertgefühls, als wahrhaftige, nicht vorgetäuschte Form der Selbstbestimmung. Freiheit des Menschen erwächst nur aus seiner Fähigkeit, nein zu ablenkenden, und ja zu innerlich wirklich gewünschten Aspekten zu sagen.

Hierin liegt die eigentliche Ironie der Gegenwart. Die sexuelle Revolution wollte den Menschen von Scham und Verboten befreien. Im digitalen Zeitalter sehen sich hingegen immer mehr Menschen gezwungen, sich aus eigener Kraft gegen die totale Vermarktung ihres Begehrens zu wehren. Ausgerechnet in einer Kultur grenzenloser Verfügbarkeit wird die freiwillige Selbstbegrenzung wieder zur Voraussetzung echter Freiheit. In diesem Sinn könnte die christliche Tugend der Keuschheit überraschend aktuell sein – nicht als Relikt vergangener Moralvorstellungen, sondern als zeitlose Schule der Freiheit und der Liebe, als Voraussetzung einer aufrichtigen und ganzheitlichen Beziehungsgestaltung. Gerade darin liegt vielleicht die bleibende Aktualität der christlichen Anthropologie. Sie versteht Keuschheit nicht als Verneinung des Menschen, sondern als die Kunst, lieben zu lernen. Wer gelernt hat, den eigenen Impulsen nicht willenlos ausgeliefert zu sein, gewinnt Freiheit für sich und damit auch für den anderen. Vielleicht ist dies die eigentliche Herausforderung einer Kultur, in der nahezu alles käuflich geworden ist: die Wiederentdeckung jener Freiheit, die sich nicht im Konsum erschöpft, sondern in der Fähigkeit, sich selbst zu verschenken. Damit schließt sich der Kreis. Was die sexuelle Revolution als Befreiung des Menschen verstand, könnte sich im digitalen Zeitalter dort als unvollständig erweisen, wo Freiheit mit bloßer Bedürfnisbefriedigung verwechselt wird. Wahre Freiheit beginnt erst dort, wo der Mensch fähig wird, nicht alles zu tun, was er tun könnte, sondern das Gute zu wählen – für sich selbst und seine Umgebung.


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Lesermeinungen

 Fink vor 5 Stunden 
 

Eine geballte Ladung Information und Meinung zu einem wichtigen Thema.

Ohne Unterkapitel. Sozusagen ohne Punkt und Komma.
Was soll man da kommentieren ?


0
 
 Hope F. vor 7 Stunden 
 

Früchte der "Freiheit"

kann man jeden Tag sehen, wo Frauen Gewalt angetan wird. Schuld daran ist auch die vermehrte Abkehr von Gott, da er "unfrei" macht. Aber Gott läßt jeden Menschen selbst entscheiden und gibt lediglich eine Richtschnur vor. Soll die Frau wirklich das tun, was der Patriarch will und ihm stets zu Diensten sein? Darf sie nicht selbst entscheiden? Bei Gott ist Liebe sich verschenken aber nicht einfordern. Gegenseitiger Respekt ist unerläßlich. Die aktuelle Rechtsprechung schützt leider auch heute noch eher die Täter als die Opfer und die kath. Kirche in Deutschland schweigt!


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