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Das kirchliche Amt zwischen Wahrheit und Selbstreferenz – Vom Selbstausdruck zum Christuszeugnis

vor 8 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung
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„Kein Bischof, kein Priester… handelt aus sich selbst. Amt ist immer relational: auf Christus hin, auf Kirche hin, in Gemeinschaft mit der Überlieferung… Ein isoliertes Amt ist kein katholisches Amt.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net/pl) Leitsatz: Warum das kirchliche Amt niemals Bühne des eigenen Ich sein darf
Wo das Amt zur Bühne des eigenen Ich wird, zerfällt zuerst die lex orandi, dann die lex credendi und schließlich die Glaubwürdigkeit der Kirche. Wo das Amt aber Dienst der Wahrheit bleibt, wird die Person nicht ausgelöscht, sondern verwandelt: vom Selbstausdruck zum Christuszeugnis.

Vorwort
Das kirchliche Amt steht heute in einem doppelten Druck. Einerseits erwartet man vom Bischof, Priester und Prediger persönliche Glaubwürdigkeit, menschliche Nahbarkeit, Authentizität und eine Sprache, die existentiell berührt. Andererseits birgt gerade diese Erwartung die Gefahr, dass das Amt unmerklich vom Dienst an Christus und seiner Kirche in den Raum subjektiver Selbstdeutung abgleitet. Dann wird der Amtsträger nicht mehr transparent für das ihm anvertraute Mysterium, sondern beginnt, sich selbst – seine Sicht, seine Empfindung, seine Deutung, seine Vision – in den Mittelpunkt zu stellen.

Diese kleinen Ausführungen möchten helfen, den inneren Sinn des kirchlichen Amtes und seines Auftrags neu zu bedenken. Sie will weder eine unpersönliche Amtstheologie vertreten noch die legitime personale Dimension der Verkündigung leugnen. Sie will vielmehr daran erinnern: Das kirchliche Amt ist kein Raum religiöser Selbstverwirklichung, sondern sakramentaler Dienst an der Wahrheit, an der Kirche und an der Liturgie. Es geht nicht um die Auslöschung der Person, sondern um ihre Läuterung und Verwandlung. Das Ziel ist nicht Anonymität, sondern personale Demut; nicht Ausdruck des Ich, sondern um das Durchscheinen Christi in unserer Welt, in unsere Situation.

I. Die Grundthese
Ein guter Bischof, Priester und Prediger darf kein „Ego-Tripper“ sein, weil das kirchliche Amt seinem Wesen nach nicht Selbstentfaltung, sondern Selbsthingabe ist. Es ist nicht Ausdruck persönlicher Originalität, sondern Teilnahme an einer Sendung, die der Kirche vorausliegt. Wer geweiht ist, empfängt nicht die Vollmacht, sich religiös selbst zu inszenieren, sondern die Aufgabe, das ihm Anvertraute treu zu bewahren, zu verkünden, zu feiern und zu bezeugen.

Darum gilt:
1. Das Amt ist empfangen, nicht erfunden.
2. Das Wort ist anvertraut, nicht produziert.
3. Die Liturgie ist gegeben, nicht gemacht.
4. Die Kirche ist Leib Christi, nicht Resonanzraum persönlicher Selbstdeutung.

Wo diese Ordnung verlorengeht, tritt an die Stelle des Dienens die Selbstbehauptung; an die Stelle der Treue die Deutungshoheit; an die Stelle der sakramentalen Form die persönliche Präferenz; an die Stelle geistlicher Autorität die religiöse Selbstdarstellung.

II. Biblische Grundlegung: Das Amt lebt aus Ent-Egoisierung
Die Heilige Schrift kennt keine Selbstverkündigung des Amtsträgers. Das apostolische Amt ist von innen her anti-narzisstisch. Es lebt aus der Rücknahme des eigenen Ich zugunsten Christi.

Der Apostel Paulus sagt unmissverständlich:
„Nicht uns selbst verkünden wir, sondern Jesus Christus als den Herrn“ (2 Kor 4,5).
Damit ist die Versuchung jeder Selbstzentrierung bereits zurückgewiesen. Der Prediger ist nicht Inhalt seiner Predigt, sondern Diener des Wortes.

Johannes der Täufer formuliert das bleibende Gesetz jedes geistlichen Dienstes:
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30).
Nicht das eigene Profil, nicht die eigene Sichtbarkeit, nicht die eigene Wirksamkeit ist das Ziel des Dienstes, sondern das Offenbarwerden Christi.
Auch das Herrenwort aus Mk 9,35 bleibt grundlegend:
„Wer der Erste sein will, sei der Diener aller.“
Im Reich Gottes ist Vorrang niemals Selbststeigerung, sondern Selbsthingabe. Das Amt ist daher nicht Ort der Machtinszenierung, sondern Form des Dienstes.

Die tiefste Gestalt dieses Dienstes liegt in der Kenosis Christi selbst:
Nicht Selbstbehauptung, sondern Entäußerung;
nicht Selbstdurchsetzung, sondern Gehorsam;
nicht Glanz des Ich, sondern Hingabe bis ans Kreuz.

Darum muss jeder geistliche Dienst immer wieder an der Frage geprüft werden:
Spreche ich, damit Christus gehört wird – oder damit ich selbst wahrgenommen werde?

III. Patristische Orientierung: Das Ich im Dienst des Wir
Die Väter der Kirche haben das geistliche Amt niemals als Feld persönlicher Selbsterhöhung verstanden.

1. Augustinus: „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ“
Augustinus bringt das Wesen des Amtes in einen unübertrefflichen Satz: „Vobis enim sum episcopus, vobiscum sum christianus.“ - Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ.

In diesem Satz liegt eine ganze Spiritualität des Amtes. Der Bischof steht nicht über der Kirche als religiöses Genie, sondern in der Kirche als Getaufter. Das Amt ist eine verantwortliche Beziehung für andere, keine Bühne für das eigene Selbstbild.

2. Gregor der Große: Die Gefahr, sich selbst im Dienst zu suchen
Gregor der Große warnt eindringlich davor, dass der Hirte sich im Dienst selbst suche. Diese Warnung ist von erschreckender Aktualität. Es ist möglich, dass jemand kirchlich handelt, predigt, leitet, liturgisch zelebriert und pastoral auftritt – und doch im Tiefsten nur sich selbst sucht: Anerkennung, Einfluss, Resonanz, Deutungshoheit, Bestätigung des eigenen Bildes.

Gerade deshalb braucht jeder Amtsträger die tägliche Gewissenserforschung:
Diene ich wirklich der mir anvertrauten Herde – oder benutze ich den Dienst, um mein eigenes Bild aufrechtzuerhalten?

3. Johannes Chrysostomus: Der Prediger steht zwischen Gott und Volk
Johannes Chrysostomus versteht den Prediger als einen, der zwischen Gott und dem Volk steht. Das heißt: Er ist Vermittler, nicht Mittelpunkt. Er darf das Wort nicht sich selbst angleichen, sondern muss sich selbst dem Wort angleichen.

Predigt wird geistlich falsch, wenn sie nicht mehr Auslegung der Schrift, sondern Auslegung und zur Show der eigenen Persönlichkeit wird.

IV. Die gegenwärtige Versuchung: Vom „Wir glauben“ zum „Ich meine“
Die Kirche der Gegenwart lebt in einer Kultur, die Authentizität, Erlebnisnähe, subjektive Wahrnehmung und persönliche Ausdruckskraft hoch bewertet. Vieles daran ist verständlich und nicht einfach falsch. Die Verkündigung darf nicht abstrakt, unpersönlich oder lebensfern sein. Dennoch zeigt sich hier eine ernste Gefahr.


Es gibt bei den Predigten Formulierungen, die zunächst harmlos erscheinen:
„Was mich bewegt“, - „Ich sehe das so“, - „Meine Vision“, - „Ich will“, - „Ich empfinde“, „Ich meine“. Solche Redeweisen sind nicht schon an sich problematisch. 

Theologisch prekär werden sie dann, wenn das „Ich“ nicht mehr Zeuge des Evangeliums bleibt, sondern zum Maßstab wird. Dann verschiebt sich die geistliche Grammatik: vom Credimus zum Ich meine, - von der Offenbarung zur meiner Erfahrung nach, - von der Kirche zu meiner Person, - von der überlieferten Wahrheit zu meiner  individuellen Deutung.

Die Kirche ist jedoch keine Bühne individueller Selbstbeschreibung. Sie ist Sakrament, Zeichen und Werkzeug des Heils. Darum darf der Amtsträger nicht Ursprung der Botschaft sein wollen, sondern muss transparent werden für den, der ihn gesandt hat. Darum gilt: Zu einer authentisch-kirchlichen Verkündigung gehört der solide Vortrag einer Predigt vom Ambo oder der Kathedra aus - und nicht diese „show-master-haften“, sich selbst-inszenierenden, mit dem Mikrophon in der Hand im Mittelgang der Kirche auf und ab gehenden, meist nur peinlichen Auftritte. 

V. Drei innere Gefährdungen des Amtes 
1. Relativismus
Relativismus bedeutet im kirchlichen Raum nicht einfach Bescheidenheit oder Sensibilität, sondern die Erosion des Gedankens, dass der Kirche eine verbindliche Wahrheit anvertraut ist. Wenn Wahrheit nur noch als Perspektive erscheint, wird das Amt zum Moderator verschiedener Meinungen. Predigt wird dann religiöse Kommunikation, nicht Zeugnis. Lehre wird Angebot, nicht verbindliche Orientierung. Liturgie wird Ausdruck wechselnder Erfahrungen, nicht sakramentale Form des Glaubens.

Wo aber Wahrheit relativiert wird, zerfällt am Ende auch die Gestalt des Amtes. Denn wer nicht mehr von einer empfangenen Wahrheit her denkt, wird zwangsläufig vom eigenen Urteil ausgehen.

2. Subjektivismus
Subjektivismus verlegt den Maßstab ins Innere des Einzelnen. Dann lautet die Leitfrage nicht mehr:
Was hat die Kirche als Auftrag empfangen?
Sondern: Was empfinde ich? Was halte ich für stimmig? Was scheint mir passend?

Gerade in Predigt und geistlicher Rede ist dies gefährlich. Natürlich soll der Prediger persönlich sprechen. Aber Predigt darf nie privat werden. Das Zeugnis des Predigers soll nicht sein Innenleben ausbreiten, sondern die Wahrheit des Evangeliums so durch sein Leben hindurch aufleuchten lassen, dass Christus erkennbar wird.

3. Individualismus
Individualismus löst das Amt aus der Communio der Kirche. Dann erscheint der Bischof als Visionär eigener Reformprojekte, der Priester als autonomer Gestalter, der Prediger als origineller Interpret. Doch kein Bischof, kein Priester und kein Prediger handelt aus sich selbst. Das Amt ist immer relational: auf Christus hin, auf die Kirche hin, in Gemeinschaft mit der Überlieferung, in Bindung an die lex credendi, in Treue zur lex orandi. Ein isoliertes Amt ist kein katholisches Amt.

VI. Lex orandi – lex credendi: Die Liturgie schützt vor dem Ego
Der tiefste Ort, an dem das Amt vor Selbstinszenierung bewahrt wird, ist die Liturgie. Denn die Liturgie ist gerade nicht der Raum persönlicher Selbstentfaltung, und Selbstdarstellung, sondern der Raum, in dem die Kirche betet, was sie glaubt, und glaubt, was sie betet.

Lex orandi – lex credendi bedeutet: Die Weise des Betens formt die Weise des Glaubens. Darum ist liturgische Treue niemals bloßer Rubrizismus, sondern Dienst an der Wahrheit.

Wenn der Amtsträger die Liturgie personalisiert, instrumentalisiert oder improvisatorisch umformt, geschieht mehr als nur eine Geschmacksverschiebung. Dann wird das Band zwischen Gebet und Glaube geschwächt. Wo die Liturgie zur Bühne persönlicher Akzente wird, wird das Mysterium verdunkelt.

Die Liturgie ist nicht Eigentum des Zelebranten. Sie ist nicht der Ort, an dem der Priester seine Kreativität vorführt oder der Bischof seine persönliche Agenda inszeniert. Sie ist Handlung Christi und der Kirche. Sie formt den Diener. Sie ist älter als seine Vorlieben, größer als seine Empfindungen und heiliger als seine Stilentscheidungen.

Darum gilt: Ein guter Zelebrant tritt nicht zwischen Volk und Mysterium, sondern dient so, dass das Mysterium frei sichtbar wird.

VII. Das Amt als Dienst an der Wahrheit
Ein Schlüsselbegriff für das rechte Amtsverständnis ist die Formel:
„Cooperatores veritatis“ – Mitarbeiter der Wahrheit (Wahlspruch von Papst Benedikt XVI.). Dieser Ausdruck fasst das Wesen des geistlichen Dienstes in großer Präzision zusammen. Der Amtsträger ist nicht Eigentümer der Wahrheit, nicht Erfinder der Wahrheit, nicht Regisseur der Wahrheit. Er ist Mitarbeiter an einer Wahrheit, die ihm vorausliegt, die ihn trägt, die ihn richtet und der er zu dienen hat.

Das hat mehrere Konsequenzen:
Er verkündet nicht seine Ideen, sondern das Evangelium. - Er predigt nicht sich selbst, sondern Christus. - Er deutet die Wirklichkeit nicht autonom, sondern im Licht von Schrift, Tradition und Kirche. - Er handelt nicht beliebig, sondern in sakramentaler und kirchlicher Bindung.

Das Amt ist daher niemals ein Feld der Selbstverwirklichung. Es ist Dienst an einer Wahrheit, die „gelegen oder ungelegen“ zu verkünden ist. Wer sich selbst verwirklichen will, wird zustimmungsorientiert, strategisch und imagebewusst sprechen. Wer Mitarbeiter der Wahrheit ist, wird pastoral klug und menschlich feinfühlig handeln, aber nicht auf Kosten der Wahrheit.

VIII. Predigt: persönlich, aber nicht privat
Die Predigt gehört zu den sensibelsten Feldern des Amts. Denn gerade hier wird Authentizität erwartet. Eine lebendige Predigt muss persönlich sein. Aber sie darf nicht privatisiert werden.
Die rechte Ordnung der Predigt lautet:
1. Schrift, 2. Auslegung, 3. Anwendung

Die falsche Ordnung lautet:
1. Ich, 2. Meine Sicht, 3. Religiöse Illustration
Ein guter Prediger spricht aus seinem Leben heraus, aber nicht über sich selbst. Er bringt Erfahrung ein, aber er ordnet sie der Schrift unter. Er verwendet persönliche Sprache, aber nicht als Selbstdarstellung, sondern als Zeugnisform.
Drei Fragen helfen bei der Prüfung jeder Predigt:
1. Wird Christus in dieser Predigt größer – oder der Prediger interessanter?
2. Führt diese Predigt tiefer in die Schrift und in das Mysterium – oder vor allem in die Gedankenwelt des Predigers?
3. Bleibt der Hörer beim Evangelium zurück – oder vor allem beim Eindruck einer sich selbst inszenierenden Persönlichkeit?

IX. Das rechte Gegenbild: der transparente Hirte
Das Gegenbild zum „Selbst-Darsteller“ ist nicht der seelenlose Funktionär, sondern der transparente Hirte. Er hat Persönlichkeit, aber seine Persönlichkeit wird nicht zum Thema. Er besitzt Profil, aber sein Profil dient der Wahrheit. Er spricht in eigener Stimme, aber nicht aus eigenmächtiger Quelle.

Der transparente Hirte:
spricht persönlich, aber nicht privat; leitet entschieden, aber nicht selbstherrlich; feiert würdig, aber nicht selbstinszenierend; lehrt klar, aber nicht ideologisch; hört zu, aber ohne Relativismus; ist demütig, ohne unentschieden zu sein; ist väterlich, ohne paternalistisch zu werden.
Er darf „ich“ sagen, aber sein „ich“ ist eingebettet in ein größeres „wir“:
in das Wir der Kirche,- in das Wir der Liturgie, - in das Wir der Heiligen, - in das Wir der apostolischen Überlieferung.

X. Konsequenzen für Bischöfe
Der Bischof hat die besondere Aufgabe, in seiner Person die Einheit von Lehre, Liturgie und Leitung sichtbar zu machen. Gerade deshalb ist bei ihm die Gefahr wie auch die Verantwortung besonders groß.

Ein Bischof darf nicht zu einem religiösen Meinungsführer eigener Prägung werden. Er ist nicht zuerst Kommentator des kirchlichen Zeitgeschehens, sondern Hüter des Glaubens, erster Liturge seiner Kirche und sichtbares Prinzip der Einheit.

Für den Bischof bedeutet dies:
- Er spricht nicht primär aus persönlicher Vorliebe, sondern aus dem Auftrag der Kirche. - Er pflegt keinen Stil der permanenten Selbstreferenz. - Er deutet synodales Hören nicht als Auflösung lehrmäßiger Verbindlichkeit. - Er versteht liturgische Leitung nicht als Repräsentation seiner Person, sondern als Dienst am Sakrament der Einheit. - Er fördert Priester nicht nach persönlicher Gefügigkeit, sondern nach Wahrheitstreue, geistlicher Reife und kirchlicher Communio.

Ein Bischof, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt, beschädigt notwendig das bischöfliche Amt. Ein Bischof hingegen, der in Demut und Klarheit dient, lässt die Kirche als Kirche aufscheinen.

XI. Konsequenzen für Priester und Diakone
Der Priester ist Mitarbeiter des Bischofs und Diener des Volkes Gottes. Seine Identität ist weder autonom noch selbstbegründet. Er hat Anteil an einem empfangenen Amt.

Für den Priester und Diakon bedeutet dies:
- Er ist nicht Herr der Liturgie, sondern ihr Diener. - Er ist nicht Autor eigener Glaubensgestalten, sondern Ausleger des Empfangenen. - Er ist nicht Therapeut religiöser Stimmungen, sondern Zeuge der Wahrheit. - Er lebt nicht aus der Resonanz der Gemeinde, sondern aus Christus. - Er darf in Predigt und Seelsorge persönlich sein, aber nie ich-süchtig.

Ein Priester, der sich ständig ausdrücken muss, wird innerlich unfrei. Ein Priester, der in Christus ruht, muss nicht dauernd sich selbst zeigen.

XII. Konsequenzen für Priesteramtskandidaten und Seminaristen
Gerade in der Ausbildung muss das richtige Verhältnis von Person und Amt geklärt werden. Das Seminar darf nicht der Ort sein, an dem eine religiöse Selbstkarriere vorbereitet wird, sondern der Raum, in dem das Ich geordnet, gereinigt und auf den Dienst hin geformt wird.
Ein Kandidat für das Priestertum muss lernen: - dass Berufung nicht Selbstverwirklichung, sondern Ruf und Antwort ist; - dass liturgische Bildung Treue zum Mysterium einübt; - dass Predigt nicht Selbstausdruck, sondern Wortdienst ist; - dass geistliche Reife sich in Demut, Lernfähigkeit und Gehorsam zeigt; - dass kirchliche Sendung nicht aus Originalität, sondern aus Treue wächst.

Wichtige Prüfsteine in der Ausbildung sind daher: Kann der Kandidat zurücktreten, damit Christus sichtbar wird? - Kann er eine liturgische Form empfangen, ohne sie sofort mit sich selbst zu überformen? - Kann er sprechen, ohne sich selbst zu inszenieren? - Kann er leiten, ohne sich darin zu suchen? - Kann er Korrektur annehmen, ohne narzisstisch zu reagieren?

XIII. Konsequenzen für die theologische Ausbildung in Homiletik und Liturgie
Die theologische Ausbildung – insbesondere in den Bereichen Homiletik und Liturgie – trägt eine besondere Verantwortung für die Gestalt des kirchlichen Amtes von morgen. Denn hier entscheidet sich, ob zukünftige Priester und Diakone lernen, sich selbst auszudrücken – oder Christus zur Sprache zu bringen.

Es geht dabei nicht um eine Rückkehr zu einem formalistischen, rein schematischen oder bloß definitorischen Zugang. Eine solche Verkürzung würde dem lebendigen Charakter der Verkündigung ebenso widersprechen wie eine subjektivistische Beliebigkeit. 

Ziel ist vielmehr eine geistlich und theologisch durchdrungene Objektivität, die fähig macht, das Evangelium und die Lehre der Kirche in Treue und zugleich in lebendiger Gegenwart zu erschließen.
Homiletik darf daher nicht primär als Technik der Rhetorik oder als Schulung persönlicher Ausdruckskraft verstanden werden. Sie ist vielmehr Einübung in den Dienst am Wort. Der zukünftige Prediger muss lernen, nicht sich selbst zu entfalten, sondern die Schrift auszulegen; nicht originell zu sein, sondern wahr; nicht Wirkung zu erzielen, sondern Zeugnis zu geben. Eine Predigt ist dann gelungen, wenn sie Christus sichtbar macht – nicht den Prediger interessant.


Ebenso darf die liturgische Ausbildung nicht in erster Linie als Raum kreativer Gestaltung oder persönlicher Stilbildung verstanden werden. Sie ist Einübung in die objektive Form der Kirche. Der Seminarist muss lernen, die Liturgie nicht als Ausdruck seiner selbst zu begreifen, sondern als Handlung Christi und der Kirche, die er in Treue empfängt und in Ehrfurcht vollzieht. Gerade darin liegt seine Freiheit: nicht in der Variation, sondern in der Hingabe an das Gegebene.
Für die Ausbildung bedeutet dies konkret:
1. Sie muss die Unterscheidung einüben zwischen persönlicher Beteiligung und subjektiver Überformung.
2. Sie muss helfen, das eigene Erleben in die größere Wahrheit der Kirche einzuordnen.
3. Sie muss die Fähigkeit fördern, das Evangelium objektiv, das heißt in Übereinstimmung mit Schrift, Tradition und Lehramt, zu verkünden.
4. Sie muss zugleich die Sensibilität entwickeln, diese Wahrheit so zur Sprache zu bringen, dass sie im Heute gehört werden kann, ohne dabei verändert oder relativiert zu werden.

Das Ziel ist eine Verkündigung, die weder formalistisch erstarrt noch subjektivistisch zerfließt, sondern aus der Einheit von Wahrheit und Leben lebt. Eine solche Verkündigung ist glaubwürdig, weil sie nicht aus der Selbstinszenierung des Predigers hervorgeht, sondern aus der inneren Teilnahme an dem, was verkündet wird.

Darum gilt für die Ausbildung:
Der Seminarist muss nicht lernen, sich selbst interessant zu machen, sondern Christus glaubwürdig zu bezeugen.
Er muss nicht lernen, eine eigene religiöse Sprache zu erfinden, sondern die Sprache der Kirche so zu sprechen, dass sie im Heute verständlich wird.
Er muss nicht lernen, im Zentrum zu stehen, sondern durchsichtig zu werden für das, was größer ist als er selbst.

Nur so wird die Homiletik zum Dienst am Wort und die Liturgie zur Schule der Wahrheit – und nur so kann das kirchliche Amt bewahrt werden vor der Versuchung, Bühne des eigenen Ich zu werden.

XIV. Geistliche Gewissenserforschung für Amtsträger
Jeder Bischof, Priester, Diakon und Priesteramtskandidat sollte sich regelmäßig einige einfache, aber ernste Fragen stellen:
1.    Suche ich in meinem Dienst wirklich Christus – oder vor allem mich selbst?
2.    Freue ich mich mehr darüber, dass das Evangelium ankommt, oder darüber, dass ich gut angekommen bin?
3.    Wird in meiner Predigt die Schrift erschlossen – oder meine Person?
4.    Behandle ich die Liturgie als heilige Gabe – oder als Ausdrucksraum eigener Akzente?
5.    Spreche ich aus der Tradition der Kirche – oder vor allem aus meiner momentanen Sicht und Empfindung?
6.    Ist mein Stil von Demut geprägt – oder von dem Bedürfnis, wahrgenommen zu werden?
7.    Kann ich in der Communio dienen – oder brauche ich Sonderrollen und Selbstprofilierung?
8.    Bin ich Mitarbeiter an der Wahrheit – oder suche ich eine religiöse Form meiner Selbstbehauptung?

XV. Praktische Leitsätze für den Alltag des Amtes
Für die Liturgie
1.    Feiere so, dass Christus und das Mysterium sichtbar werden, nicht deine Person.
2.    Verwechsle Würde nie mit Selbstdarstellung.
3.    Hüte die Form der Kirche, statt sie ständig persönlich zu kommentieren oder umzubauen.

Für die Predigt
1.    Beginne bei der Schrift, nicht bei dir selbst.
2.    Verwende persönliche Erfahrungen sparsam und dienend.
3.    Frage vor jeder Predigt: Dient dies dem Evangelium oder meinem Profil?

Für Leitung und Kommunikation
1.    Vermeide dauernde Selbstreferenz.
2.    Sprich kirchlich, nicht bloß individuell.
3.    Unterscheide Zeugnis von Selbstausstellung.
4.    Höre zu, ohne die Wahrheit zu relativieren.
5.    Sei klar, ohne hart zu werden; demütig, ohne unentschieden zu sein.

Für die geistliche Existenz
1.    Pflege das verborgene Leben mit Gott.
2.    Wer im Gebet vor Gott steht, muss sich vor Menschen weniger in Szene setzen.
3.    Nur der innerlich entlastete Mensch kann dienen, ohne sich im Dienst selbst zu suchen.

XVI. Schlussüberlegung: Nicht ich, sondern Christus
Die letzte Antwort auf alle Versuchungen des „Ego“ liegt nicht in bloßer Disziplin, sondern in einer Mitarbeit an einem persönlich-geistlichen Umwandlungsprozess. Paulus sagt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

Das ist keine Auslöschung der Person. Es ist ihre Läuterung und Erfüllung. Das Ich wird nicht vernichtet, sondern durchsichtig. - Es verliert seine Selbstzentrierung und gewinnt seine Wahrheit. - Es hört auf, Bühne zu sein, und wird Fenster. - Es hört auf, Ursprung sein zu wollen, und wird Stimme. - Es hört auf, sich selbst zu behaupten, und beginnt, Christus durchzulassen.

Die wahre Größe des kirchlichen Amtes zeigt sich darin:
Nicht originell zu sein, sondern wahr. - Nicht sich selbst zu verkünden, sondern Christus.- Nicht Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sondern Menschen in das Mysterium hineinzuführen. - Nicht das eigene Bild zu pflegen, sondern das Bild Christi in die Welt zu tragen und es im persönlichen Leben ansichtig zu machen.

Bischof, Priester und Verkündiger sind keine Ämter religiöser Selbstverwirklichung oder kirchlicher Selbstinszenierung, sondern sakramentale Dienste der Bindung an Christus, an die Wahrheit, an die Kirche und an die Liturgie.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 

 


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