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Wenn die Herrlichkeit ausziehtvor 43 Minuten in Kommentar, keine Lesermeinung Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden
Ezechiel, Amos und die geistliche Gefahr einer satten Kirche. Von Diakon Ulrich Franzke
Essen (kath.net/uf) In der Leseordnung der kath. Kirche steht für die 19. und 20. Woche im Lesejahr II das Buch Ezechiel, auch als Hesekiel bekannt. So hörte ich am Mittwoch der 19. Woche in der Lesung den Text aus Ezechiel 9 und 10, der mich wegen seiner Brutalität stark verstörte. Da ziehen Männer mit Werkzeugen zum Zertrümmern durch Jerusalem. Menschen sollen erschlagen werden, Alte und Junge, Frauen und Kinder. Nur diejenigen, denen zuvor ein Taw auf die Stirn gezeichnet wurde, bleiben verschont. Und dann fällt ein Satz, der sich beim Hören festsetzte: „Beginnt in meinem Heiligtum!“ Aber was soll man mit einem solchen Text anfangen?
Zu Hause nahm ich die Bibel noch einmal zur Hand. Ich las die Stelle erneut. Dann noch einmal. Schließlich ging ich ein Kapitel zurück. Erst jetzt begann sich das Bild zu öffnen. Ezechiel berichtet eine Vision. In Kapitel 8 wird er in dieser Vision nach Jerusalem geführt. Und dort sieht er nicht etwa zuerst die Bosheit Babylons, die Gottlosigkeit der Heiden oder die militärische Bedrohung Israels. Er sieht den Tempel. Den Ort, an dem Gott inmitten seines Volkes wohnen will. Und ausgerechnet dort sieht er die Gräuel: Götzendienst, fremde Kulte, Menschen, die im Heiligtum stehen und ihrem Gott den Rücken zukehren. Das neunte Kapitel ist die Antwort darauf. Das Gericht beginnt. Nicht draußen. Nicht bei den Feinden Israels. Nicht in Babylon. Sondern mitten in seinem Heiligtum, in seinem Tempel. Und dann folgt Kapitel 10: Die Herrlichkeit des Herrn verlässt den Tempel. Vielleicht ist das das eigentlich Erschreckende dieser ganzen Vision. Der Tempel steht noch. Seine Mauern stehen. Seine Priester sind nicht verschwunden. Die religiöse Ordnung existiert. Man könnte vermutlich weiterhin organisieren, verwalten, beraten und Gottesdienst feiern. Aber die Herrlichkeit Gottes zieht aus. Ein Heiligtum kann also äußerlich noch vorhanden sein, während etwas Entscheidendes bereits verloren gegangen ist. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los.
Und irgendwann kam mir ein anderer Prophet in den Sinn. Amos hatte rund anderthalb Jahrhunderte vor Ezechiel im Nordreich Israel gelebt. Es war keine Zeit offensichtlicher nationaler Katastrophen. Im Gegenteil. Es war eine Zeit politischen Erfolges und wirtschaftlichen Wohlstands. Amos blickt sehr kritisch auf diese Gesellschaft. Gemäß Lutherübersetzung spricht er die wohlhabenden Frauen Samarias als die „fetten Kühe von Baschan“ an. Sie leben gut, während die Armen ausgepresst werden. Und an Religion fehlt es keineswegs: Gleich anschließend spottet Amos über den eifrigen Kult in Bet-El und Gilgal. „Bringt her, lasst uns saufen“, sprechen die Frauen Samarias zu ihren Herren. Und der Prophet kündigt ihnen mit einer Bildsprache, die heute vermutlich einige kirchliche Kommunikationsberater in akute Atemnot versetzen würde, an, dass man sie eines Tages an Haken fortschleppen werde. An anderer Stelle zeichnet Amos dazu das Bild luxuriöser Häuser, prächtiger Mahlzeiten, von Wein und Musik und von Menschen, die sich ihres Lebens und Wohlstands erfreuen.
Das Problem ist nicht, dass Menschen essen, trinken oder Wohlstand besitzen. Das Problem ist die Sattheit. Eine Sattheit, die blind macht. Diese Sattheit zeigt sich bei Amos gerade darin, dass der Wohlstand der einen mit der Entrechtung und Ausbeutung der anderen zusammengeht. „Weh den Sorglosen auf dem Zion und den Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria“, ruft Amos. Man fühlt sich sicher. Das Leben funktioniert. Die religiösen Feste finden statt. Opfer werden gebracht. Lieder werden gesungen. Die Institutionen stehen. Und Gott? Gott lässt durch Amos sagen, dass ihm dieser Kult zuwider ist. Wenige Jahrzehnte später fällt Samaria, das Nordreich. Wenige Jahre nach Ezechiel wird der Tempel in Jerusalem zerstört.
Zurück zu Ezechiel und dem schon genannten Taw. Das Taw ist der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets. In frühen semitischen und althebräischen Schriftformen hatte es eine kreuzartige Gestalt. Die frühe kreuzartige Gestalt des Taw hat Christen später an das Zeichen des Kreuzes denken lassen. Entscheidender aber ist: Wer trägt dieses Taw? Das Taw wird denen auf die Stirn geschrieben, die über die Gräuel Jerusalems seufzen und stöhnen. Es sind diejenigen, denen nicht gleichgültig geworden ist, was im Heiligtum geschieht. Sie haben sich nicht daran gewöhnt. Sie sehen, dass etwas falsch geworden ist, und es schmerzt sie.
Und mit dieser Erkenntnis traf mich der Satz plötzlich selbst: „Beginnt in meinem Heiligtum!“ Ich konnte ihn nicht mehr bequem beim Jerusalem Ezechiels stehenlassen. Ich bin Diakon. Ich gehöre zum Klerus. Ich stehe selbst im Heiligtum. Würde der Mann im leinenen Gewand mir das Taw auf die Stirn zeichnen? Gehöre ich zu denen, die noch seufzen und stöhnen, wenn Gott aus der Mitte seines Heiligtums verdrängt wird? Erschreckt mich noch, wenn etwas dem Evangelium widerspricht? Oder habe auch ich mich längst an manches gewöhnt, worüber ich eigentlich erschrecken müsste?
Und wenn ich mir diese Fragen stellen muss, dann gelten sie erst recht allen, denen in der Kirche Verantwortung für Lehre, Leitung und Verkündigung übertragen ist. „Beginnt in meinem Heiligtum“ ist keine Einladung, zuerst auf die Gottlosigkeit der Welt zu zeigen. Der Blick des Propheten fällt zunächst auf diejenigen, die Gott kennen, die in seinem Namen sprechen und die in seinem Heiligtum Dienst tun. Vielleicht liegt darin die eigentliche Härte dieses Textes. Denn woran würde man heute erkennen, dass Gott aus der Mitte gerät? Sicher nicht daran, dass sein Name überhaupt nicht mehr fällt. In der Kirche lässt sich sehr viel von Gott reden. Man kann Gottesdienste feiern, Hirtenworte schreiben, Sitzungen mit einem geistlichen Impuls beginnen und jede Menge Prozesse geistlich begleiten. Die wichtigere Frage lautet: Welcher Gott kommt darin vor?
Ich sage in Gesprächen gelegentlich: Wer Gott nur als den „lieben Gott“ sieht, verkürzt ihn. Natürlich ist Gott Liebe. Aber Liebe ist nicht Gleichgültigkeit. Der liebende Gott ruft den Menschen. Er will etwas von ihm. Er fordert Antwort. Er fordert Entscheidung. Und er fordert Umkehr. Der liebende Gott ist auch ein fordernder Gott.
Die öffentliche Verkündigung Jesu beginnt bei Markus nicht mit der Versicherung, dass eigentlich alles ganz in Ordnung sei: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Umkehr steht nicht irgendwo am Rand der christlichen Botschaft. Sie steht an ihrem Anfang. Wenn aber Umkehr und Buße aus der Verkündigung verschwinden, verändert sich nicht nur der kirchliche Wortschatz. Dann verändert sich zwangsläufig auch das Gottesbild. Aus dem Gott, der ruft, fordert, vergibt und verwandelt, wird leicht ein Gott, der vor allem bestätigt. Ein Gott, dessen Liebe damit verwechselt wird, dass er zu unseren Entscheidungen freundlich nickt. Ein Gott, der tröstet, aber möglichst nichts mehr verlangt.
Nur ist der Jesus der Evangelien dafür erstaunlich schlecht geeignet. Er vergibt, aber er spricht auch von Umkehr. Er heilt, aber er fordert Nachfolge. Er begegnet Menschen mit grenzenloser Liebe und stellt sie zugleich vor Entscheidungen. Er spricht vom engen Tor, vom Kreuz und davon, das eigene Leben verlieren zu können. Dieser Jesus ist tröstlich. Harmlos ist er nicht.
Der Jesus des Evangeliums ist für jede Kirche unbequem, die sich vor allem danach sehnt, nicht mehr unbequem zu sein.
Vielleicht liegt darin eine Versuchung unserer Zeit. Eine Kirche, die gesellschaftlich an Bedeutung verliert, möchte nicht auch noch durch unbequeme Botschaften Menschen verschrecken. Man sucht Anschlussfähigkeit, Zustimmung, Anerkennung. Daran ist noch nichts Verwerfliches. Das Problem beginnt dort, wo nicht mehr die Sprache für das Evangelium gesucht wird, sondern ein Evangelium, das möglichst gut zur Sprache der Zeit passt.
Was aber bleibt von der Frohen Botschaft, wenn nichts mehr der Umkehr bedarf? Wovon erlöst Christus, wenn Sünde kaum noch vorkommt und die Möglichkeit des endgültigen Nein des Menschen praktisch nicht mehr verkündet wird? Wozu das Kreuz, wenn der Mensch eigentlich nur Bestätigung braucht? Vielleicht ist auch das eine Form von Sattheit. Amos sah Menschen, die satt waren an Wohlstand und Sicherheit. Ezechiel sah Menschen, die sich des Tempels sicher waren. Und wir?
Das Neue Testament kennt für geistliche Sattheit ein ausgesprochen wenig diplomatisches Bild. Zur Gemeinde von Laodizea sagt Christus: „Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ Laodizea ist keine heidnische Stadt, an die sich ein Prophet von außen wendet. Es ist eine christliche Gemeinde.
Damit kehrt die Frage des Taw zurück: Worüber seufze und stöhne ich noch? Über sinkende Kirchensteuereinnahmen? Über Personal? Über leere Kirchen? Über schwindenden gesellschaftlichen Einfluss? Oder darüber, dass Gott selbst kleiner werden könnte in unserer Verkündigung? Die Kirche in Deutschland hat über Jahrzehnte in einem Wohlstand gelebt, von dem frühere Generationen kaum hätten träumen können. Viel Gutes konnte damit getan werden. Aber Wohlstand ist geistlich nicht folgenlos. Amos wusste das. Nun beginnen Sicherheiten zu schwinden. Mitglieder gehen, Gebäude werden aufgegeben, Kirchen werden abgerissen, Strukturen zusammengelegt, finanzielle Möglichkeiten werden enger.
Vielleicht liegt ein Teil unserer Krise aber schon in der Zeit davor, in der wir uns noch sehr sicher fühlten. Kann auch ein Klerus satt werden? Nicht nur an Geld. Auch an institutioneller Sicherheit, gesellschaftlicher Anerkennung, Gremien, Verfahren und der beruhigenden Gewissheit, dass der kirchliche Betrieb morgen schon irgendwie weitergehen wird. Dann steht da wieder Amos: „Weh den Sorglosen.“ Und Ezechiel: „Beginnt in meinem Heiligtum.“ Natürlich stehen weder Assyrien noch Babylon vor unseren Stadttoren. Die Geschichte Israels ist keine Schablone, mit der man den Untergang moderner Gesellschaften berechnen könnte.
Aber die geistliche Frage lässt sich damit nicht erledigen. Was geschieht mit einer Kirche, wenn sie stärker danach fragt, wie sie von der Welt wahrgenommen wird, als danach, was Gott von ihr verlangt? Was geschieht, wenn ihre Hirten sich mehr davor fürchten, Menschen zu verärgern, als ihnen jene Wahrheit vorzuenthalten, die ihnen zum Heil gegeben ist? Diese Fragen richte ich zuerst an mich selbst. Ezechiel lässt mir keinen anderen Weg. Aber sie enden nicht bei mir.
Wer in der Kirche lehrt und leitet, trägt eine besondere Verantwortung dafür, dass Christus nicht so lange entschärft wird, bis von seiner Zumutung kaum etwas übrigbleibt. Ein Bischof ist nicht dazu geweiht, den Zeitgeist mit Weihwasser zu versehen. Ein Priester ist nicht dazu bestellt, das Evangelium so lange abzurunden, bis niemand mehr an seinen Kanten Anstoß nimmt. Und ein Diakon darf nicht schweigen, nur weil Schweigen gelegentlich bequemer wäre. Die Kirche schuldet der Welt nicht die Versicherung, dass sie Gott eigentlich nicht braucht. Sie schuldet ihr Christus.
Doch Ezechiel endet nicht in Kapitel 10. Das ist wichtig. Derselbe Prophet, der die Herrlichkeit Gottes aus dem Tempel ziehen sieht, darf später die Verheißung verkünden: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Und er sieht das Feld voller Totengebeine, in die neues Leben kommt. Ezechiel ist kein Prophet der Hoffnungslosigkeit. Er zerstört falsche Hoffnungen. Die Hoffnung auf sichere Mauern. Auf Wohlstand. Auf Institutionen. Auf religiöse Selbstverständlichkeiten. Jerusalem fiel. Der Tempel wurde zerstört. Der Tempel ging unter. Gott nicht.
Vielleicht liegt darin sogar eine Hoffnung für eine Kirche, deren Sicherheiten schwinden. Nicht alles, was uns genommen wird, nimmt uns Gott. Manches könnte freilegen, worauf es immer angekommen wäre. Ezechiel begegnet der Herrlichkeit Gottes schließlich auch fern von Jerusalem, im Exil. Gott ist größer als unsere Mauern. Größer als unsere Strukturen. Größer als unsere Sicherheiten.
Vielleicht beginnt kirchliche Erneuerung deshalb nicht mit einem weiteren Prozess, sondern dort, wo wir wieder erschrecken können, wenn Gott aus unserer Mitte gerät. Wo wir uns wieder rufen lassen. Zur Umkehr. Zur Entscheidung. Zum Kreuz. Zu Jesus Christus. 
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