Vatikan sieht Kirche vor Traditionsbruch

22. Oktober 2026 in Weltkirche


Allgemeine Krise und Generationsbruch: Schwund überkommener Glaubensüberzeugungen ist laut Glaubensbehörde nicht nur im reichen Westen ein Problem


Vatikanstadt (kath.net/KAP) Der Vatikan sieht die katholische Kirche vor einem Abbruch der Glaubensweitergabe. In einem am Donnerstag veröffentlichten Arbeitspapier drängt er die Bischöfe weltweit, sich der Herausforderung zu stellen und neue Vermittlungsformen zu suchen. Als Faktoren für den "Epochenwandel" nennt das 88-seitige Schreiben der Glaubensbehörde neben weitreichender Enttäuschung, Individualismus und Säkularisierung auch veränderte Beziehungen in einer digitalisierten Welt.

Auf den Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche infolge von Missbrauchsskandalen geht die Veröffentlichung nicht ein. Im Vorfeld des Schreibens mit dem Titel "Kommt zu mir. Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Wandel der Zeit" hatte der Vatikan die über 110 Bischofskonferenzen weltweit um Stellungnahmen gebeten. Etwa ein Drittel schickte den Angaben zufolge keine Rückmeldungen.

Im Mittelpunkt der Problemskizze steht die Frage, wie man heutigen Menschen eine Glaubensbeziehung zu Jesus Christus ermöglichen könne, noch vor einer Vermittlung spezifischer Lehrinhalte. Zwar stelle die Familie den "ersten und wesentlichen Ort der Weitergabe des Glaubens" dar, heißt es. Allerdings sei diese Grundlage "in vielen Teilen der Welt weggebrochen", vor allem in Ländern mit alter christlicher Tradition.

"Generationsbruch"

Das Schreiben konstatiert einen "Generationsbruch". Viele Getaufte kämen nur noch bei Feiern wie Hochzeiten oder Beerdigungen mit der Kirche in Berührung. Zudem täten viele sich schwer, "die Sprache der Kirche zu verstehen". Weitere Schwierigkeiten seien bedingt durch "Formen existenzieller Armut", durch eine soziale Fragmentierung in Städten oder durch die Lage im ländlichen Raum.

Mit Bezug auf einzelne Weltregionen verweist der Text auch etwa auf einen Traditionsbruch im ehemaligen Ostblock, ein verändertes Familienbild in Ländern Lateinamerikas und Asiens sowie auf die Konkurrenz durch neue Religionsgemeinschaften in Afrika.

Privatisierung von Religion

Wenn es um die zunehmende Trennung zwischen Individuum und Gemeinschaft geht, wird auf die Einsendung der österreichischen Bischöfe verwiesen, die auf eine fortschreitende Privatisierung der Religion hingewiesen hatten; dies gehe mit einer Tendenz einher, sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Christliche Erfahrungen könnten jedoch nicht gleichsam im Herzen begraben werden, ohne Auswirkungen auf die Wirklichkeit von Welt und Gesellschaft zu haben, liest man dazu.

Die Kirche müsse "synodaler und missionarischer" werden, wird in dem Dokument gefordert. Dabei gelte es vor allem, Begabungen unter den Gläubigen zu fördern. In dem Zusammenhang spricht das Schreiben von einer "Notwendigkeit, den Raum für die Mitwirkung von Frauen in der Leitung kirchlicher Prozesse zu erweitern". Einen größeren Schwerpunkt räumt die Glaubensbehörde der Predigt in Gottesdiensten ein, ohne dabei auf die Frage der entsprechenden Fähigkeiten von Klerikern einzugehen.

Die "Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens" sollen nach dem Willen des Leiters der Glaubensbehörde, Kardinal Víctor Manuel Fernández, in den einzelnen Diözesen erörtert werden. Für eine weitere inhaltliche Vertiefung sei zudem die Kurienbehörde für Neuevangelisierung zuständig, die von Erzbischof Rino Fisichella geleitet wird. Außerdem soll sich die neu besetzte Internationale Theologische Kommission in den kommenden Jahren kulturellen Formen der Glaubensvermittlung widmen.

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