„Bringt sie mir her!“ – Vom Geheimnis der göttlichen Fülle

2. August 2026 in Spirituelles


„Es gibt Erfahrungen, die wohl jeder von uns kennt. Man steht vor einer Aufgabe und spürt: Meine Kraft reicht nicht aus… Was kann ich schon tun?“ Sonntagspredigt von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis (A) (Mt 14,13–21)

Christus sieht den Menschen

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt Erfahrungen, die wohl jeder von uns kennt. Man steht vor einer Aufgabe und spürt: Meine Kraft reicht nicht aus. Man blickt auf die eigene Familie, auf die Gesundheit, auf die Sorgen eines geliebten Menschen oder auf die Nöte unserer Zeit und denkt unwillkürlich: Was kann ich schon tun? Unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Unsere Zeit ist begrenzt. Unsere Geduld, unsere Kraft und manchmal auch unsere Hoffnung scheinen an ihre Grenzen zu stoßen.

Vielleicht ist genau das die Erfahrung, die uns heute mit den Jüngern verbindet. Sie stehen vor einer riesigen Menschenmenge. Es wird Abend. Die Vorräte sind verschwindend gering. Fünf Brote und zwei Fische – mehr ist nicht da. Die Jünger rechnen. Und ihre Rechnung stimmt. Nach menschlichem Ermessen reicht das niemals aus.

Schon der Beginn des Evangeliums lenkt unseren Blick auf das eigentliche Wunder. Jesus hat gerade erfahren, dass Johannes der Täufer ermordet worden ist. Er sucht die Stille. Doch die Menschen folgen ihm bis an den einsamen Ort. Man könnte verstehen, wenn er sie fortschicken würde. Stattdessen schreibt Matthäus den so wunderbaren Satz des Evangeliums: „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen.“

Im griechischen Urtext steht ein Wort, das ein Erbarmen bezeichnet, das aus der tiefsten Mitte des Herzens kommt. Das Wunder beginnt also nicht erst mit der Brotvermehrung. Es beginnt mit dem Blick Christi. Er sieht nicht einfach nur eine Menschenmenge. Er sieht jeden einzelnen Menschen. Er sieht die Kranken und Erschöpften, die Suchenden und Verunsicherten, die Einsamen und jene, die längst meinen, niemand nehme sie noch wahr.

Der heilige Cyrill von Alexandrien sagt, Christus offenbare hier das Herz des guten Hirten. Der Hirte kennt seine Schafe nicht als Nummern einer Herde; er kennt ihre Wunden. Gerade deshalb geht er ihnen entgegen und nimmt sich ihrer an.

So handelt Gott bis heute. Sein Erbarmen beginnt immer mit seinem liebenden Blick, der tiefer sieht. Noch bevor er unsere Probleme löst, schenkt er uns seine Nähe. Noch bevor seine Hand heilt, richtet sein Blick den Menschen auf. Wer sich von Christus angesehen weiß, beginnt bereits anders zu leben.

„Bringt sie mir her!“

Die Jünger handeln vernünftig. Sie sehen den Mangel und sagen: „Schick die Leute weg.“ Auch wir kennen diese Haltung. Wir sehen zuerst das, was fehlt: zu wenig Kraft, zu wenig Zeit, zu wenig Gesundheit, zu wenig Hoffnung, zu wenig Glaube. Wie oft begleitet uns das kleine Wort „nur“: Ich habe nur wenig Zeit. Ich kann nur wenig helfen. Ich bin nur ein gewöhnlicher Mensch.

Jesus verwendet dieses Wort nie. Er fragt nicht nach dem, was fehlt. Er fragt nach dem, was da ist.

„Was habt ihr?“ - „Fünf Brote. Zwei Fische. Nicht mehr!“. -  „Dann bringt es her!“

Der alte Wüstenvater Abba Poimen sagt: „Gib Gott das Kleine, das du hast; er selbst wird daraus das Große machen.“ Darin liegt eine der tiefsten geistlichen Wahrheiten unseres Glaubens. Gott erwartet keine außergewöhnlichen Menschen. Er erwartet vertrauende Menschen. Er beginnt nicht mit unserer Stärke, sondern mit unserer Hingabe.

„Bringt sie mir her!“ Dieser Satz von Jesus ist wie ein Schlüssel für das ganze Evangelium. Diese Worte gelten nicht nur den Broten und Fischen. Sie gelten unserem ganzen Leben. Bringt mir eure Freude. Bringt mir eure Sorgen. Bringt mir eure Krankheit. Bringt mir eure Schuld. Bringt mir eure Tränen. Bringt mir eure zerbrochenen Hoffnungen. Bringt mir eure Liebe. Bringt mir euer Weniges.

Der heilige Gregor der Große schreibt, Gott verlange unsere Gaben nicht deshalb, weil er ihrer bedürfe. Er bittet um sie, damit unser Herz lernt zu vertrauen. Darum beginnt das eigentliche Wunder nicht erst mit der Brotvermehrung. Es beginnt dort, wo ein Mensch aufhört, alles allein tragen und regeln zu wollen, wo er sein Leben vertrauensvoll in die Hände Christi legt.

Das Brot des Lebens

Nun folgt eine Szene, die jeder Christ sofort wiedererkennt. Jesus nimmt die Brote. Er erhebt den Blick zum Himmel. Er spricht den Lobpreis. Er bricht das Brot. Und er gibt es den Jüngern.

Schon die ersten Christen hörten darin den Vorausklang der Eucharistie.

Der heilige Augustinus sagt, Christus teile nicht nur Brot aus. Er schenke sich selbst als das wahre Brot des Lebens. Denn der Hunger des Menschen reicht tiefer als der Hunger des Leibes. Der Mensch hungert nach Liebe, nach Wahrheit, nach Vergebung und nach Heimat. Nur Gott selbst kann diesen Hunger stillen.

Darum bringen wir in jeder Eucharistie nicht nur Brot und Wein zum Altar. Wir bringen unser ganzes Leben: unsere Arbeit und unsere Freude, unsere Tränen und unsere Schuld, unsere Hoffnung, unsere offenen Fragen und unsere verborgenen Wunden. Wir bringen ihm das Wenige, das wir sind. Und Christus nimmt alles in seine Hände.

Der heilige Maximus Confessor schreibt, dass Christus im gebrochenen Brot die zerbrochene Menschheit wieder sammelt. Was durch Sünde, Angst und Egoismus auseinandergefallen ist, führt er in seiner Liebe neu zusammen. So geschieht in jeder Eucharistie still und verborgen das Wunder der Verwandlung: Gott macht aus unserem Wenigen und Zerbrochenen seine Fülle.

Die Fülle Gottes

Am Ende werden nicht nur alle satt. Zwölf Körbe bleiben übrig. Für die Kirchenväter ist das kein Zufall. Der heilige Hilarius von Poitiers sieht in den zwölf Körben die Apostel, durch die Christus seine Gaben in alle Welt trägt. Für Cyrill von Alexandrien bezeugen sie, dass Gottes Gnade niemals erschöpft werden kann.

Bei uns wird vieles weniger, wenn wir es verschenken. Bei Gott geschieht das Gegenteil. Je mehr Liebe er schenkt, desto größer offenbart sich ihre Fülle. Darum braucht niemand zu fürchten, Gott könne seiner müde werden. Sein Erbarmen ist größer als unsere Schuld. Seine Geduld größer als unser Versagen. Seine Liebe tiefer als alles Leid dieser Welt.
Hier fügt sich die zweite Lesung wunderbar in das Evangelium ein. Paulus kennt Schwierigkeiten, Verfolgung, Not, Angst und Leiden. Und dennoch fragt er: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ Seine Antwort lautet: Nichts. Nicht weil das Leben leicht wäre, sondern weil die Liebe Christi größer ist als alles, was uns bedroht.

Und der Prophet Jesaja ruft uns in der heutigen Lesung zu: „Kommt, ihr Durstigen, kommt zum Wasser! Kommt und esst!“ Gott wartet nicht auf vollkommene Menschen. Er lädt uns ein, so zu kommen, wie wir sind – mit unseren fünf Broten, unseren zwei Fischen, mit unserem kleinen Glauben und unserem oft so armen Herzen. Denn in seinen Händen wird das Wenige zur Fülle.

Mit Zuversicht leben

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir heute diese Kirche verlassen, werden nicht alle Fragen unseres Lebens beantwortet sein. Manche Krankheit wird uns weiter begleiten. Die Sorge um einen geliebten Menschen wird vielleicht bleiben. Manche Wunde unseres Herzens braucht Zeit, bis sie heilt. Der Glaube nimmt uns Leid, Abschied und Tränen nicht einfach weg.

Aber er schenkt uns etwas Größeres: die Gewissheit, dass wir keinen Weg unseres Lebens allein gehen müssen. Christus sieht uns heute mit demselben erbarmenden Blick, mit dem er einst die Menschen am See von Galiläa angesehen hat. Er kennt unsere Namen, unsere Sehnsucht, unsere Ängste und unsere Wunden. Er wartet nicht darauf, dass wir stark werden. Er lädt uns ein, mit allem zu ihm zu kommen.

„Bringt sie mir her!“ Bringt mir eure Sorgen. Bringt mir eure Krankheit. Bringt mir eure Schuld. Bringt mir eure Einsamkeit. Bringt mir eure Hoffnung. Bringt mir euer ganzes Leben.

Was wir in seine Hände legen, bleibt niemals ohne Frucht. Nicht immer nimmt Christus uns die Last ab. Aber er trägt sie mit uns. Nicht immer verändert er sofort unsere äußeren Lebensumstände. Aber er verwandelt unser Herz. Er schenkt Licht mitten in der Dunkelheit, Frieden mitten in der Unruhe, Hoffnung mitten in der Angst und Kraft, wenn unsere eigene Kraft zu Ende geht.

So geschieht auch heute das Wunder der Brotvermehrung. Nicht weil plötzlich alle Schwierigkeiten verschwinden, sondern weil Gottes Liebe aus unserem Wenigen seine Fülle werden lässt. Der Herr braucht nicht viel. Er sucht nur ein Herz, das sich ihm anvertraut.

Darum dürfen wir mit Hoffnung leben. Nicht weil wir alles verstehen oder alles bewältigen könnten. Sondern weil wir wissen: Seine Liebe ist größer als unsere Ohnmacht, seine Treue stärker als unsere Angst und sein Erbarmen tiefer als alles Leid dieser Welt.

So dürfen wir mit den Worten des Apostels Paulus unseren Weg gehen: „Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,38–39)
Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.


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