
28. Juli 2026 in Aktuelles
Romano Guardini und Ludwig Wittgenstein: Die sakrale Lebensform des Glaubens im Horizont der Modernismus-Krise. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) In der Denkgeschichte des 20. Jahrhunderts stellt das fünfte Kapitel – „Liturgie als Spiel“ – in Romano Guardinis Erstlingswerk Vom Geist der Liturgie aus dem Jahr 1918 eine profunde Zäsur dar. Guardini diagnostizierte darin eine tiefgreifende Fehlentwicklung des modernen Denkens: den Utilitarismus und Moralismus, der auch vor der Theologie nicht Halt macht und den Blick für das Sakrale verstellt. Der Sinn des Glaubens erschließt sich nicht primär durch theoretische Reflexion oder funktionale Zweckmäßigkeit, sondern durch die Praxis einer objektiven, gelebten Form. Pragmatisch veranlagte, primär auf Nützlichkeit fixierte Gemüter suchen in allen menschlichen Handlungen nach einer äußeren Finalität, sei es im Dienst einer Pädagogik, einer gesellschaftlichen Umgestaltung oder einer moralischen Unterweisung. Wenn jedoch der Gottesdienst nach seinem Ertrag befragt wird, verfehlt man sein tiefstes Wesen. Guardini setzt dieser schleichenden Verzweckung eine fundamentale Ontologie des Kultes entgegen, die strikt zwischen der bloßen Zielsetzung und dem immanenten Sinn unterscheidet. Während der Nutzen pragmatisch ist und auf ein außerhalb seiner selbst liegendes Resultat abzielt, ruht der Sinn in sich selbst. Er ist reines Manifestieren des Wesens, ein Dasein vor Gott aus eigenem Wert. Wie die Natur ihre Farben, Formen und Düfte in absichtsloser Fülle verschwendet, wie das Kind spielt, um sein aufkeimendes Leben auszuströmen, und wie der wahre Künstler schafft, um die Wahrheit in der Form darstellen zu lassen, so entfaltet sich die Liturgie als das göttliche Spiel der Seele vor Gott. Sie ist nicht da, um eine bestimmte psychologische oder soziologische Wirkung im Menschen zu erzeugen, sondern damit die Seele vor Gott sei, ihr Leben vor Ihm ausgieße und in Seiner Welt lebe. In der Liturgie wird das Beten im höchsten Sinne „zweck-los“ und so frei von jeglichem Verwertungsdruck und doch überreich an Sinn. Es ist kein Befolgen einer pragmatischen Absicht mehr, sondern das freie Eintreten der Seele in das göttliche Leben selbst.
Diese liturgische Phänomenologie Guardinis findet eine überraschende Parallele in der „Zweiten Philosophie“ Ludwig Wittgensteins. Obwohl Guardini und Wittgenstein aus völlig unterschiedlichen Denktraditionen schöpfen und historisch unabhängig voneinander agierten – der eine aus der katholischen Phänomenologie und der lebendigen Tradition der Kirche, der andere aus der Wiener Sprachkritik und Analytik –, begegnen sie sich in einer zentralen Erkenntnis: Sinn erschließt sich nicht durch theoretische Begründung, gnostische Zusatzbelehrung oder funktionale Ausrichtung, sondern durch das Einüben, Auskosten und Bewohnen einer Praxis.
Der erste systematische Berührungspunkt liegt in der Wahl des Begriffs des Spiels zur Befreiung vom Verstandesreduktionismus. Beide Denker nutzen diese Metapher, um das menschliche Denkorgan vor der Verengung durch den Szientismus und den Positivismus zu retten. So wie Guardini den Kultus vor der Instrumentalisierung durch Pädagogik und Politik schützt, so wendet sich Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen (erst 1953 veröffentlicht, obwohl die entscheidenden Gedanken bereits seit den späten 1930er Jahren entwickelt wurden) gegen die tradierte Annahme, Sprache sei lediglich ein Instrument zur Abbildung von Tatsachen oder zur rein funktionalen Informationsübermittlung. Das Wort Spiel wählt Wittgenstein gerade deshalb, weil Spiele keine mathematisch-strikte, universelle Logik besitzen, sondern durch eine unerschöpfliche Vielgestaltigkeit von Praxis, Regeln und Bewegungen charakterisiert sind. Das Spiel eröffnet einen Freiheitsraum, der nicht durch externe Vorgaben begründet werden muss, sondern in sich selbst gründet.
Darüber hinaus ist das Spiel weder bei Guardini noch bei Wittgenstein eine formlose, romantische Willkür, sondern von höchster Strenge und Disziplin geprägt. Bei Wittgenstein bedeutet ein Sprachspiel zu spielen, einer Regel zu folgen. Ein solches Regelbefolgen ist eine Praxis und immer in eine umfassende Lebensform eingebettet. Eine Sprache zu sprechen bedeutet, sich eine ganze Lebensform vorzustellen. Man kann ein Sprachspiel nicht rein theoretisch von außen verstehen, sondern muss es erlernen und mitvollziehen. Überträgt man diese Einsicht auf die Theologie Guardinis, so offenbart sich die Liturgie als das primäre, überindividuelle Sprachspiel des Glaubens. Sie ist ein von heiligen Regeln, Rubriken und jahrhundertealten Traditionen geformter Raum, der strengste Schulung, höchste Sammlung und tiefsten Ernst verlangt. Die Bedeutung der liturgischen Zeichen liegt – ganz im Sinne von Wittgensteins berühmtem Diktum, dass die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache sei – einzig in ihrem rituellen Gebrauch: in der Kniebeuge, im Sacrum Silentium, in der gesungenen Oration und in jeder ehrfürchtigen Geste. Wer nicht in das Handeln der Liturgie eintritt, kann den Glauben nicht von außen verstandesmäßig sezieren.
Ein dritter Wesenszug ist die strikte Verweigerung der Erklärungs-Sucht und die Absage an jeglichen Gnostizismus. Gegen die Versuchung, das Heil an ein theoretisches Zusatzwissen oder eine ununterbrochene Verstandesanalyse zu binden, betonen beide den Primat der Performanz. Wittgenstein bemerkt dazu, dass die Philosophie einfach alles hinstellt und nichts erklärt oder folgert, da im tatsächlichen Handeln bereits alles offen zutage liege. Ebenso erklärt die Liturgie bei Guardini nicht, sondern sie verwirklicht sich im eigentlichen Tun. Der Drang der Moderne, das Mysterium dauernd zu kommentieren, zu begründen und pädagogisch zu zergliedern, raubt der Liturgie ihren sakralen Kern. Das Betreten des liturgischen Raumes ist der bewusste Ausstieg aus der gnostischen Spekulation zugunsten der Unmittelbarkeit des kultischen Daseins. Das Höchste lässt sich nicht in rein theoretischen Sätzen sagen, sondern zeigt sich in der gelebten Wirklichkeit der heiligen Form.
Vor dem Hintergrund dieses Verständnisses der Liturgie als erhabenes Heiliges Spiel und rituelles Sprachspiel lässt sich auch Guardinis hypothetische Position in der Auseinandersetzung um die nachkonziliare Liturgiereform zwischen dem Vetus Ordo und dem Novus Ordo präzise verorten. Guardinis späte Skepsis gipfelte in der fundamentalen Frage, ob der moderne Mensch überhaupt noch zum liturgischen Akt fähig sei – sprich: ob er die Fähigkeit zum Symbolverständnis und zur Anbetung nicht weitgehend verloren habe. Guardinis liturgische Theologie ruht dabei auf zwei unumstößlichen Pfeilern: Erstens auf einer christologischen Fundierung im Geheimnis der Inkarnation. Weil das Wort Fleisch geworden ist (Verbum caro factum est), braucht der christliche Gottesdienst die leibhafte Materie, das Bild und die fest umrissene Form. Ein Ritus, der Christus auf einen moralischen Lehrer reduziert, verfehlt den Realismus der Menschwerdung. Die Strenge des Vetus Ordo behütete die Transzendenz Christi (Christus Pantokrator) und den Charakter des Sühnopfers. Zweitens ruht seine Theologie auf einer ekklesiologischen Fundierung, wonach die Kirche als das objektive Subjekt der Liturgie auftritt. Wie Guardini in seinem 1922 erschienenen Werk Vom Sinn der Kirche darlegte, ist die Liturgie niemals das Erzeugnis einer lokalen Gruppe, sondern das Handeln des gesamten Corpus Christi Mysticum. Ein Novus Ordo, der in Soziologismus oder ständige Eigenkreation abgleitet, bricht das Sprachspiel der Gesamtkirche und ersetzt die vertikale Anbetung durch horizontale Selbstdarstellung. Guardinis Erbe fordert daher eine prophetisch-kritische Hermeneutik der Kontinuität. Der Vetus Ordo war in seinen Verfallssymptomen oft von einem blinden Rubrizismus bedroht, den Guardini überwinden wollte, um eine verinnerlichte Teilnahme (participatio actuosa) zu ermöglichen. Die Gefahren mancher Formen des Novus Ordo hingegen liegen in der Banalisierung, der Entmystifizierung und dem Verlust des Kosmischen.
Diese doppelten Gefahren treten jedoch erst dann sichtbar in ihrer vollen Tragweite hervor, wenn man Guardinis Phänomenologie und Wittgensteins Sprachphilosophie in den Epochenhorizont der Modernismus-Krise einbettet, wie sie von Papst Pius X. in seiner wegweisenden Enzyklika Pascendi dominici gregis (1907) analysiert wurde. Pius X. legte offen, dass der Modernismus im Kern auf zwei verhängnisvollen Irrtümern ruht: dem philosophischen Agnostizismus, der dem menschlichen Verstand den Zugang zum Metaphysischen abspricht, und der Lebensimmanenz, die Religion zu einem bloß subjektiven, aus dem Unterbewusstsein aufsteigenden Gefühl degradiert. Die Konsequenz dieser Immanenzphilosophie für den Kult ist verheerend: Wenn die Offenbarung nicht mehr von außen als objektives Depositum Fidei an den Menschen ergeht, sondern nur der Ausfluss des immanenten Triebes ist, dann verliert auch die Liturgie ihren objektiv-sakramentalen Charakter. Sie verkommt zu einer bloß wandelbaren Symbolik zur Befriedigung soziologischer Bedürfnisse und fällt genau jener Auslieferung an das Nützlichkeitsdenken anheim, vor der Guardini warnte.
In diesem historischen Spannungsfeld erweist sich Guardinis Konzept des Heiligen Spiels als eine tiefgehende Überwindung des Modernismus. Guardini begegnet dem modernistischen Immanentismus nicht mit einem starren, bloß juristischen Formalismus, sondern durch die Reorganisation des katholischen Formbewusstseins. Gerade indem er die Liturgie der Gefahr der Funktionalisierung durch Politik, Pädagogik oder Moral entzieht, richtet er sie wieder ganz auf ihren transzendenten Urgrund aus: das Opus Dei, die reine Anbetung der Majestät Gottes. Die Liturgie dient nicht dem Subjekt, sondern stellt das Subjekt vor Gott.
Gleichzeitig liefert Wittgensteins Diktum von den unhintergehbaren Sprachspielen das wissenschaftstheoretische Fundament, um das Antimodernismus-Dekret gegen den modernistisch-historistischen Reduktionismus abzusichern. Seine Sprachphilosophie eröffnet Möglichkeiten, den antimodernistischen Einwand gegen einen funktionalistischen Begriff des Ritus philosophisch neu zu formulieren. Der Modernist behauptet, Dogmen und Riten seien bloße, beliebig austauschbare Hüllen für das subjektive religiöse Gefühl. Wittgenstein folgend kann dem entgegengestellt werden, dass der Sinn eines Zeichen- und Ritualsystems unauflöslich mit seiner stetigen Ausübung innerhalb der jeweiligen Lebensform verwoben ist. Wer die sakrale Form – den Ritus, die gebotene Stille, die feierliche Sprache, die Ausrichtung – zerstört oder ständig neu erfindet, zerstört nicht bloß eine äußere Hülle, sondern löst das Sprachspiel des Glaubens selbst von innen her auf.
Die Synthese aus Guardinis Phänomenologie, Wittgensteins Sprachphilosophie und dem lehramtlichen Antimodernismus zeigt schließlich das unerschütterliche Wesen des Gottesdienstes: Die Liturgie ist die sakramentale Lebensform der Kirche – das höchste aller Sprachspiele. Sie lässt sich weder von der immanentistischen Modernismus-Strömung funktionalisieren noch gnostisch hinterfragen. Ihr Sinn erschließt sich weder durch intellektuelle Abstraktion noch durch pragmatisch orientierten Nutzen, sondern einzig dadurch, dass der Mensch – von der Gnade getragen – in ihre vorgegebenen Regeln, Zeichen und Gesten eintritt und das heilige Spiel vor Gott in tiefer Anbetung feiert.
Foto (c) Armin Schwibach
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