
29. Juli 2026 in Kommentar
Wann haben wir aufgehört, Gott zu vermissen? Von Diakon Ulrich Franzke
Essen (kath.net/uf) Es ist lange her. Lange bevor ich am Erzbischöflichen Diakoneninstitut Köln Theologie studierte und mich auf das Diakonat vorbereitete, absolvierte ich den Würzburger Fernkurs Theologie. In einer mündlichen Prüfung stellte mir einer der Prüfer eine einfache Frage: „Was ist eigentlich die Hölle? Wie müssen wir sie uns vorstellen?“ Eine gefährliche Frage. Sie fordert geradezu dazu heraus, von Feuer und Schwefel zu sprechen, von Dämonen, ewigen Qualen und siedendem Öl. Bilder dafür gibt es genug. Ob in Dantes Inferno, in mittelalterlichen Darstellungen oder in den Visionen von Fatima: Immer versucht der Mensch, das Unsagbare in Bilder zu fassen. Ich antwortete jedoch nicht mit einem Bild, sondern mit einem einzigen Satz: „Die Hölle ist der Ort der größtmöglichen Gottesferne.“ Der Prüfer war zufrieden. Die Prüfung ging weiter.
Für mich war diese Frage damit zunächst beendet. Heute glaube ich, dass sie damals erst begonnen hat. Denn wenn die Hölle tatsächlich der Ort der größtmöglichen Gottesferne ist, dann lässt mich seit vielen Jahren eine andere Frage nicht mehr los: Kann man jemanden vermissen, den man nie gesucht hat?
Vor einigen Wochen stand ich nach einer Veranstaltung noch mit einigen Damen zusammen. Man sprach über Gott, den Himmel und die Hölle. Eine ältere Dame, die ich auch schon öfter in der Kirche gesehen hatte, sagte fast beiläufig: „Ach, dann gehe ich doch lieber in die Hölle. Da ist sowieso mehr los.“ Die anderen lachten. Ich nicht. Denn plötzlich bekam jener Prüfungssatz eine Bedeutung, die ich viele Jahre zuvor noch nicht erkannt hatte.
Was sagt der Satz „Die Hölle ist der Ort der größtmöglichen Gottesferne“ eigentlich aus? Über die Hölle – und letztlich über uns? Kann ein Mensch die größtmögliche Gottesferne überhaupt noch als Verlust empfinden, wenn Gott in seinem Leben schon heute kaum eine Rolle spielt? Wenn der Himmel langweilig erscheint und die Hölle wie der interessantere Ort, sagt das dann etwas über Himmel und Hölle aus? Oder verrät es vielmehr etwas über unser Verhältnis zu Gott?
Vielleicht liegt genau hier eine der tiefsten Veränderungen unseres Glaubenslebens. Früher fragten Christen: Wie komme ich in den Himmel? Heute hört man häufiger die Gegenfrage: Warum sollte überhaupt jemand verloren gehen? Hinter diesen beiden Fragen stehen zwei völlig verschiedene Blickrichtungen. Die eine sucht das Heil. Die andere setzt es beinahe schon voraus.
Vielleicht hat die Hölle gerade deshalb ihren Schrecken verloren. Nicht weil die Kirche aufgehört hätte, an ihre Existenz zu glauben. Sondern weil viele Menschen Gott selbst aus dem Blick verloren haben. Wer seine Nähe nicht sucht, empfindet seine Abwesenheit auch nicht als Verlust.
Deshalb glaube ich inzwischen, dass die Bemerkung der älteren Dame gar keine Ausnahme war. Ich habe ähnliche Sätze immer wieder gehört: „Im Himmel wäre mir zu langweilig.“, „In der Hölle kenne ich wenigstens schon ein paar Leute.“ Man lacht darüber. Aber worüber lachen wir eigentlich?
Vielleicht haben wir weniger die Hölle vergessen als Gott selbst. Wer ihn nur noch als freundlichen Begleiter versteht, wird seine Abwesenheit kaum als Verlust empfinden. Wer ihn dagegen als Ursprung allen Lebens, aller Wahrheit und aller Liebe erkennt, hört den Satz von der größtmöglichen Gottesferne plötzlich ganz anders. Ist Gott selbst Liebe, Wahrheit, Leben und Schönheit, dann bedeutet Gottesferne die endgültige Abwesenheit all dessen, wonach der Mensch sich letztlich sehnt. Feuer und Schwefel erscheinen dagegen beinahe nebensächlich. Sie sind Bilder. Das eigentliche Grauen liegt tiefer: Wenn Gott Liebe ist, dann ist Gottesferne radikale Lieblosigkeit. Wenn Gott Wahrheit ist, dann ist Gottesferne radikale Unwahrheit. Wenn Gott Leben ist, dann ist Gottesferne radikaler Tod. Wenn Gott Schönheit ist, dann ist Gottesferne die endgültige Abwesenheit aller Schönheit. Nicht das Feuer macht die Hölle zur Hölle. Sondern die endgültige Abwesenheit dessen, was jedes menschliche Herz letztlich sucht – auch dann, wenn es sich dessen gar nicht bewusst ist.
Diese Gedanken helfen vielleicht auch, ein Wort Jesu neu zu hören, das heute kaum noch zitiert wird. Er spricht vom engen Tor und vom schmalen Weg, der zum Leben führt, während der Weg ins Verderben breit ist (siehe Mt 7,13-14). Viele empfinden diese Worte als hart. Vielleicht deshalb, weil wir sie sofort als Drohung verstehen. Doch vielleicht beschreiben sie zunächst nur eine Wirklichkeit. Christus ist der Weg. Und doch kann der Mensch an ihm vorbeigehen. Nicht weil Gott den Menschen verlieren möchte. Sondern weil Liebe niemals erzwungen werden kann.
Warum Gottesferne das Schrecklichste wäre, hängt deshalb ganz davon ab, wer Gott überhaupt ist. Genau darauf antwortet Jesus überraschend. Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Das ist einer der kühnsten Sätze des ganzen Evangeliums. Jesus beschreibt nicht einen Weg zu Gott. Er beschreibt sich selbst. Wer ihm begegnet, begegnet nicht nur einem Lehrer oder Propheten. Er begegnet dem, der selbst Wahrheit, Leben und Liebe ist.
Auch das Zweite Vatikanische Konzil hält diese Spannung bewusst aus. Es spricht einerseits vom universalen Heilswillen Gottes und eröffnet damit eine große Hoffnung auch für Menschen, die Christus ohne eigene Schuld nicht erkannt haben (Lumen Gentium 16). Gleichzeitig warnt dasselbe Konzil ausdrücklich davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Selbst wer zur Kirche gehört, kann das Heil verfehlen, wenn er nicht in der Liebe bleibt (Lumen Gentium 14). Hoffnung und Ernst gehören untrennbar zusammen. Beides ist katholische Lehre.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum Jesus so selten den Himmel beschreibt. Er malt keine Postkarten vom Jenseits. Er spricht nicht von Wolken, Harfen oder goldenen Straßen. Er ruft die Menschen vielmehr in seine Gemeinschaft. Denn das Ziel des christlichen Glaubens ist nicht zuerst ein Ort. Das Ziel ist eine Person. Und vielleicht liegt genau hier auch der Denkfehler hinter dem Satz der älteren Dame. Wer den Himmel für langweilig hält, stellt sich offenbar einen Ort vor. Das Christentum verspricht aber keine ewige Unterhaltung. Es verspricht die vollkommene Gemeinschaft mit Gott. Wenn Gott Liebe, Wahrheit, Leben und Schönheit ist, dann ist der Himmel nicht bloß Gemeinschaft mit einer Person, sondern Gemeinschaft mit Liebe selbst, mit Wahrheit selbst, mit Leben selbst und mit unvorstellbarer Schönheit.
C. S. Lewis hat die Hölle einmal als eine Stadt beschrieben, die immer größer und gleichzeitig immer leerer wird. Nicht weil Gott die Menschen voneinander trennt. Sondern weil Menschen, die Gott ablehnen, am Ende auch die Liebe ablehnen und deshalb jede Gemeinschaft verlieren. Ob Lewis damit recht hat, wissen wir nicht. Aber der Gedanke erschüttert mich. Denn wenn Gott Liebe ist, dann könnte die größtmögliche Gottesferne tatsächlich die größtmögliche Einsamkeit sein.
Der Satz der älteren Dame erschreckt mich bis heute. Nicht weil sie von der Hölle sprach. Sondern weil Gottesferne für sie offenbar kein Verlust mehr war. Wenn Christus wirklich der Weg und die Wahrheit und das Leben ist, dann ist die eigentliche Frage nicht, ob es die Hölle gibt. Sondern: Wann haben wir aufgehört, Gott zu vermissen? Vielleicht beginnt der Weg zu Gott genau dort, wo ein Mensch wieder merkt, dass ihm etwas fehlt. Vielleicht ist die Sehnsucht nach Wahrheit, nach Liebe und nach Leben bereits der erste leise Ruf Gottes. Nicht weil der Mensch Gott gefunden hätte. Sondern weil Gott längst begonnen hat, ihn zu suchen.
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