
5. Juli 2026 in Spirituelles
„Es gibt Evangelien, die uns wie eine zärtliche Hand berühren. Das heutige Evangelium gehört zu diesen Texten.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Eichstätt (kath.net) Predigt zum 14. Sonntag im Jahreskreis (A) – Mt 11,25–30
Liebe Schwestern und Brüder, es gibt Evangelien, die uns aufrütteln. Es gibt Evangelien, die uns herausfordern. Und es gibt Evangelien, die uns wie eine zärtliche Hand berühren. Das heutige Evangelium gehört zu diesen Texten.
Es enthält keinen Vorwurf. Keine Drohung. Keine moralische Mahnung. Es enthält eine Einladung. Es ist eine der schönsten Einladungen des ganzen Neuen Testaments: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“
Die Kirche hat auch nach zweitausend Jahren kein tröstlicheres Wort Jesu anzubieten als dieses. Und vielleicht brauchen wir dieses Wort heute mehr denn je.
1. Die Müdigkeit unserer Zeit
Wenn wir ehrlich sind, leben wir in einer müden Welt. Nicht unbedingt körperlich müde. Sondern innerlich. Viele Menschen tragen heute Lasten, die niemand sieht: Da sind Sorgen um die Gesundheit. Die Angst vor dem Älterwerden. Die Belastungen einer Familie. Spannungen in einer Ehe. Einsamkeit. Trauer. Die Unsicherheit einer Welt, die immer unruhiger wird.
Manche tragen Verantwortung für andere und haben niemanden, bei dem sie selbst einmal schwach sein dürfen. Andere kämpfen mit Enttäuschungen, die niemand kennt. Wieder andere haben äußerlich alles – und dennoch keine Ruhe.
Der heilige Augustinus beschreibt diese Erfahrung mit einem Satz, der durch die Jahrhunderte hindurch nichts von seiner Wahrheit verloren hat: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, o Gott.“ - Das ist die eigentliche Not des Menschen. Nicht nur die äußere Last. Sondern die innere Unruhe, das Getrieben-Sein.
2. Jesus beginnt nicht mit einer Forderung
Bemerkenswert ist, wie dieses Evangelium beginnt. Jesus sagt nicht: „Kommt zu mir, wenn ihr besser geworden seid.“ Er sagt nicht: „Kommt zu mir, wenn ihr euren Glauben gefestigt habt.“ Er sagt nicht: „Kommt zu mir, wenn ihr alles verstanden habt.“ - Er sagt einfach: „Kommt!“
Das ist der einladende Ton des Evangeliums. Christus wartet nicht am Ende eines Weges der Vollkommenheit. Er begegnet uns mitten auf dem Weg. Der große Wüstenvater Abba Poimen sagte: „Der Mensch findet Gott nicht erst dann, wenn er vollkommen ist; er findet ihn dort, wo er seine Armut und Bedürftigkeit erkennt.“
Genau das meint Jesus. Er ruft nicht die Erfolgreichen. Er ruft die Bedürftigen. Nicht die Starken. Sondern die Müden. Nicht die Selbstsicheren. Sondern jene, die spüren, dass sie Gott brauchen.
3. Die Weisheit der Kinder
Vor seiner Einladung spricht Jesus ein überraschendes Wort: „Du hast das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart.“ Jesus richtet sich damit nicht gegen Bildung oder Wissenschaft. Die Kirche hat immer Glaube und Vernunft geschätzt.
Aber Jesus kennt auch eine Gefahr, wenn wir zu sehr auf die Vernunft setzen: Man kann so sehr von sich selbst überzeugt sein, dass man nichts mehr empfangen kann. Man kann so sehr alles erklären wollen, dass man das Staunen verliert. Man kann so sehr auf die eigene Kraft vertrauen, dass man Gott nicht mehr braucht.
Darum lobt Jesus die „Unmündigen“. Nicht die Naiven. Nicht die Unwissenden. Sondern jene Menschen, die sich das Herz eines Kindes bewahrt haben.
Der heilige Isaak der Syrer schreibt: „Das demütige Herz ist der Thron Gottes.“ Ein Kind spürt instinktiv, dass es Hilfe braucht. Ein Kind kann vertrauen. Ein Kind kann staunen. - Und genau dort beginnt der Glaube.
4. Das Geheimnis des Joches Christi
Dann sagt Jesus etwas, das zunächst seltsam klingt: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir.“ Wer möchte schon ein Joch tragen? Aber wir müssen verstehen, was ein Joch ist. Ein Joch nimmt die Last nicht weg. Es macht die Last tragbar. Es verteilt das Gewicht. Es ermöglicht den Weg.
Und genau das ist die Botschaft Jesu. Er verspricht uns nicht ein Leben ohne Kreuz. Er verspricht uns nicht ein Leben ohne Tränen. Er verspricht uns nicht ein Leben ohne Sorgen. Aber er verspricht: Du musst sie nicht allein tragen. Der heilige Basilius der Große sagt: „Wer Christus trägt, wird von Christus getragen.“ Das ist das Geheimnis christlicher Hoffnung. Wir gehen denselben Weg wie andere Menschen. Aber wir gehen ihn nicht allein.
5. „Lernt von mir“
Was sollen wir von Christus lernen? Nicht Macht. Nicht Erfolg. Nicht Selbstbehauptung. Sondern: „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Diese Worte sind eine tiefe Selbstbeschreibung des Heilshandelns Jesu an uns Menschen: Sanftmut bedeutet nicht Schwäche. Sanftmut ist Kraft ohne Gewalt. Kraft, die nicht zerstört. Kraft, die heilt. Kraft, die den anderen nicht niederdrückt.
Und zu uns gesagt: Demut bedeutet nicht Kleinmachen. Demut bedeutet Wahrheit. Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht alles kontrollieren. Ich muss nicht Gott sein. Der heilige Johannes Klimakos schreibt in seiner Himmelsleiter: „Die Demut ist eine namenlose Gnade der Seele, die nur jene kennen, die sie erfahren haben.“ Der demütige Mensch muss sich nicht dauernd verteidigen. Er muss sich nicht ständig beweisen. Er ruht in Gott.
Und genau darum spricht Jesus von der Ruhe der Seele.
6. Die Ruhe, nach der wir suchen
Wenn Jesus von Ruhe spricht, meint er mehr als Erholung. Mehr als Urlaub. Mehr als einen freien Nachmittag. Er spricht von jener Ruhe, die entsteht, wenn ein Mensch weiß: Ich bin gewollt. Ich bin geliebt. Ich bin getragen. Mein Leben liegt in Gottes Hand.
Die Wüstenväter nannten diese Ruhe hesychia – die innere Stille des Herzens. - Nicht die Abwesenheit von Problemen. Sondern die Gegenwart Gottes.
Abba Arsenius, einer der großen Mönchsväter, betete sein Leben lang: „Herr, führe mich auf den Weg des Heils.“ Er wusste: Der Friede und die Ruhe entstehen nicht dadurch, dass alle Fragen gelöst werden. Sie entstehen dort, wo Christus in unserem Leben als gegenwärtig erkannt wird und wir mit ihm unseren Weg weitergehen dürfen.
7. Die Einladung gilt heute
Liebe Schwestern und Brüder, dieses heutige Evangelium endet nicht mit einer Lehre. Es endet mit einer offenen Tür. „Kommt alle zu mir.“ – Alle, ja, alle: Die Fröhlichen und die Traurigen. Die Starken und die Schwachen. Die Glaubenden und die Zweifelnden. Die Jungen und die Alten. Die Erfolgreichen und die Gescheiterten. – Alle.
Vielleicht trägt heute jemand eine Last, von der niemand weiß. Vielleicht kämpft jemand mit einer Sorge, die er seit Monaten mit sich herumträgt. Vielleicht ist jemand müde geworden vom Leben. Dann hören wir heute nicht zuerst ein Gebot, sondern einen Ruf. Den Ruf Christi.
Den Ruf seines Herzens: „Komm zu mir. Du musst nicht alles allein schaffen. Du musst nicht alles allein tragen. Du musst nicht alles verstehen.
Komm zu mir. Vertraue mir. Ich bin bei dir. Ich gehe deinen Weg mit dir. Und du wirst Ruhe finden für deine Seele.“
Schluss
Der heilige Makarios der Große schreibt: „Wie ein Vogel seine Jungen unter die Flügel nimmt, so sammelt Christus die Seele, die zu ihm flieht.“ Genau das verheißt uns das heutige Evangelium. Christus nimmt uns nicht aus dem Leben heraus. Aber er nimmt uns in seine Nähe hinein. Und dort geschieht das Wunder, das größer ist als die Lösung aller Probleme: Die Last wird nicht immer kleiner - aber das Herz wird weiter. Der Weg wird nicht immer leichter - aber wir gehen ihn mit Christus.
Und darum dürfen wir voller Hoffnung weitergehen. Denn am Ende unseres Weges steht nicht die Müdigkeit. Nicht die Last. Nicht die Angst, sondern das Sein und Leben beim Herrn.
Der Herr, der heute zu jedem von uns sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch aufatmen lassen“, bietet uns jetzt schon seine Nähe an, damit unser restlicher Lebensweg zu ihm gelingt. Amen.
Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
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