Die Alte Messe braucht die Piusbruderschaft nicht

11. Juni 2026 in Weltkirche


Vor allem braucht sie Gläubige, die in Demut festhalten: Der Glaube lässt sich nicht verteidigen, indem man die Gemeinschaft mit Rom schwächt, schreibt Wouter Suenens angesichts der angekündigten von Rom nicht autorisierten Bischofsweihen der FSSPX.


London (kath.net/jg)
Die angekündigten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) zwingen Katholiken, die der traditionellen Liturgie verbunden sind, zu einer klaren Unterscheidung. Häufig werden verschiedene Fragen vermischt – sowohl von Gegnern als auch von unbesonnenen Verteidigern des alten Ritus. Ist die Alte Messe wichtig für das Leben der Kirche? Verdient sie einen stabilen, großzügigen und friedlichen Platz in ihr? Und darf die FSSPX ihr eigenes institutionelles Überleben mit dem Überleben der katholischen Tradition gleichsetzen? Mit diesen Fragen befasst sich der Wouter J. Suenens in einem Gastbeitrag für den Catholic Herald.

Die Antwort auf die erste Frage ist eindeutig: Ja, schreibt er. Der überlieferte Ritus ist keine exzentrische Vorliebe Unzufriedener und kein verstecktes politisches Signal. Er hat über Jahrhunderte den Glauben von Heiligen, Familien, Priestern und einfachen Gläubigen genährt. Auch heute führt er viele – besonders junge Menschen – nicht aus Nostalgie, sondern aus echter geistlicher Sehnsucht zum Glauben zurück. Er habe ihn vor etwa acht Jahren selbst entdeckt und durfte eine Vertiefung des Glaubens erfahren, die weit über Geschmack oder Ästhetik hinausgeht, erinnert er sich.

Die Behauptung, ohne die FSSPX wäre der alte Messritus längst verschwunden, sei zwar menschlich verständlich, aber historisch zu einfach und zeuge von einem Mangel an Vertrauen in die göttliche Vorsehung. Die Liturgie sei nie Eigentum einer einzelnen Priestergemeinschaft gewesen. Es gab und gibt andere Wege: die englische Petition, die zum „Agatha-Christie-Indult“ von 1971 führte, die Arbeit von Una Voce seit den 1960er Jahren, die Erlaubnisse unter Papst Johannes Paul II. sowie die Gründung traditioneller Gemeinschaften nach 1988.

Suenens stellt die Frage, ob die enge Verknüpfung des Alten Ritus mit einer kanonisch irregulären und oft trotzig auftretenden Bewegung nicht langfristig dessen Feinden geholfen haben könnte, jeden traditionellen Katholiken als potenziellen Schismatiker darzustellen.

Der überlieferte Ritus wird heute von Gemeinschaften gefeiert, die in voller Gemeinschaft mit Rom stehen – in Diözesen, durch Institute wie die Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP), das Institut Christus König und Hoherpriester oder das Institut vom Guten Hirten. Viele Gläubige lieben ihn, ohne in Rom den Gegner ihres geistlichen Lebens zu sehen.

Die FSSPX mag neue Bischöfe für ihre eigene interne Kontinuität brauchen. Das ist eine Frage ihres eigenen Überlebens – nicht jedoch eine Frage des Überlebens der Tradition oder der Kirche. Die Messe ist größer als die Gesellschaft, älter als sie und gehört der Kirche, von der die FSSPX sie empfangen hat.

Viele Besucher von Messen der Piusbruderschaft schätzen dort Ehrfurcht, klare Predigten und eine kohärente katholische Lebensform. Das muss ernst genommen werden. Dennoch birgt die Existenz der FSSPX die Tendenz, eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Zweiten Vatikanischen Konzil und gegenüber Rom zu verbreiten. Rom wird dann nicht mehr als sichtbares Zentrum der Einheit geliebt, sondern als fehlerhafte Institution betrachtet. Gehorsam wird zur Verhandlungsmasse.

Die Berufung auf die „Notwendigkeit“ für das Heil der Seelen rechtfertigt in den Augen der FSSPX öffentlichen Ungehorsam gegenüber dem Papst in einer Angelegenheit, die klar zu dessen Vollmacht gehört. Suenens erkennt an, dass es in der Kirchengeschichte extreme Situationen geben kann, in denen das Gewissen handeln muss. Doch hier sei das nicht der Fall: Der Papst kennt die Lage, hat sie geprüft und eine klare Entscheidung getroffen.

Wer letztlich sein eigenes Urteil über das Heil der Seelen über das des Papstes stellt, begibt sich auf den Weg, aus dem Schisma erwächst. Die Kirchengeschichte kennt weit schlimmere Krisen – Westschisma, Korruption, moralischen Verfall. Heilige wie Katharina von Siena oder Birgitta von Schweden haben in solchen Zeiten nicht eine vermeintlich „reinere“ Parallelkirche gegen den Papst errichtet, sondern als treue Kinder der Kirche gewirkt.

Die Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat stellen einen öffentlichen Ungehorsam in einer Frage dar, welche die sichtbare Einheit der lateinischen Kirche schützt. Wer an dieser Stelle das eigene Urteil über die Autorität Petri stellt, bewahrt keine katholische Tradition mehr.

Traditionell gesinnte Katholiken sollten daher entschieden für Großzügigkeit, Stabilität und Gerechtigkeit gegenüber dem alten Ritus eintreten – aber sie dürfen das Unhaltbare nicht verteidigen, nur weil es in traditioneller Sprache vorgetragen wird.

Suenens ist überzeugt: Die Alte Messe braucht die FSSPX nicht. Sie braucht Priester, Familien, Seminare, Gemeinschaften und Bischöfe, welche den Alten Ritus in sichtbarer Einheit mit der Kirche leben. Vor allem braucht sie Gläubige, die in Demut festhalten: Der Glaube lässt sich nicht verteidigen, indem man die Gemeinschaft mit Rom schwächt.

In der Wahl zwischen der selbstgewissen Sicherheit der FSSPX und der manchmal schmerzhaften, verwundeten, aber geforderten Treue zu Petrus weiß der Autor, wo er steht – nicht, weil jede römische Entscheidung klug oder jeder Bischof ein vorbildlicher Vater wäre, sondern weil Christus seine Kirche nicht auf das Privaturteil eines vermeintlich letzten treuen Restes gebaut hat.

Wouter J. Suenens ist belgischer Jurist, Ökonom, Kanonist und Aktivist für Lebensschutz und Religionsfreiheit.

 


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