Papst: Keine einfachen Rezepte in der demografischen Krise

26. Mai 2026 in Aktuelles


Papst empfängt Gruppe des Europäischen Parlaments: Es gibt eine angeblich familienfreundliche Politik, die aber Mutterschaft diskriminiert und Abtreibung als Recht propagiert - Die lesenswerte Ansprache in voller Länge!


Vatikanstadt (kath.net/KAP) Papst Leo XIV. hält die Ursachen der demografischen Krise in Europa für vielfältig und komplex. In einer Ansprache an eine fraktionsübergreifende Gruppe von Mitgliedern des Europäischen Parlaments sagte er am Montag im Vatikan, demografische Daten seien mehr als bloß statistische Zahlen. Es gehe um Vaterschaft, Mutterschaft und um Kinder.

Eine nachhaltige Entwicklung sei gefährdet, wenn es keine Solidarität unter den Generationen gebe. Eine solche Solidarität erfordere ein Gleichgewicht zwischen den Generationen, das jedoch in Europa leider nicht mehr vorhanden sei.

Drastische Unfruchtbarkeit

Zudem habe die Zurückweisung der christlichen Inspiration der EU-Gründungsväter zu einer "drastischen Unfruchtbarkeit" geführt. Dies liege nicht nur daran, dass zu vielen das Recht auf Geburt verweigert worden sei, sondern auch daran, dass man der jungen Generation nicht das Nötige weitergegeben habe, um die Zukunft zu bewältigen.

Es gebe eine angeblich familienfreundliche Politik, die jedoch zugleich Mutterschaft diskriminiere, Abtreibung als Recht propagiere und die Grundlage des Wunschs einer Familiengründung untergrabe. Dies führe dazu, dass Europa an einem Scheideweg seiner menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Zukunft stehe.

Innovative Ideen gefordert

Deshalb brauche es innovative Ideen, die darauf basierten, dass die Ehe zwischen Mann und Frau die Grundlage für die Familie und die Gesellschaft sei. Dabei gehe es nicht darum, zu Gesellschaftsmodellen der Vergangenheit zurückzukehren, sondern den Männern und Frauen der Gegenwart die Prinzipien mitzugeben, die für jedes Alter gelten.

Dazu gehöre die Bedeutung und der Wert des Lebens und die Beantwortung der Frage, was eine authentische humane Gesellschaft ausmache. Entsprechende politische Leitlinien müssten auf nationaler und auf EU-Ebene entwickelt und festgeschrieben werden. Christen in der EU könnten dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Nur ein neuer Frühling für die Familie könne den demografischen Winter einer alternden Gesellschaft verwandeln, so der Papst.

kath.net dokumentiert die Ansprache von Papst Leo XIV. an die Mitglieder der Intergruppe Demografie des Europäischen Parlaments im Clementinensaal am Montag, den 25. Mai 2026, in voller Länge in eigener Übersetzung:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Der Friede sei mit euch.
Guten Morgen allerseits und herzlich willkommen!

Es ist mir eine Freude, die Mitglieder der fraktionsübergreifenden Gruppe Demografie des Europäischen Parlaments – gemeinsam mit dem EU-Kommissar für den Mittelmeerraum, dem italienischen Minister für Familie, Geburtenförderung und Chancengleichheit sowie dem Sonderbeauftragten der OSZE für demografischen Wandel und Sicherheit – anlässlich Ihrer Konferenz über Familie und Demografie hier begrüßen zu dürfen.

Als Vertreter Ihrer jeweiligen Völker, die die Vielfalt der politischen Meinungen innerhalb der Mitgliedstaaten der Europäischen Union widerspiegeln, ist Ihr Fokus auf die demografische Frage des Kontinents zweifellos zeitgemäß; denn dieses Thema stellt eine dringende Herausforderung dar, die praktische Auswirkungen für Millionen von Menschen und ihre Familien in jenem Raum hat, „der sich zum ‚alten Kontinent‘ wandelt – nicht mehr aufgrund seiner ruhmreichen Geschichte, sondern aufgrund seines fortschreitenden Alters“, wie Papst Franziskus oft betonte (Discorso all’apertura degli Stati Generali della Natalità, 14 maggio 2021). Die Probleme, die sich aus einer Demografie des Nullwachstums ergeben, sind zahlreich und komplex; zu ihnen zählt nicht zuletzt die Pandemie der Einsamkeit. Zudem sind demografische Daten nicht bloße Statistiken, sondern erzählen von Vaterschaft, Mutterschaft und Kindern. Und Kinder sind die Zukunft! Doch das Sprechen von der Zukunft verweist auf eine ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung – eine Entwicklung, die ohne die Solidarität zwischen den Generationen ernsthaft behindert wird (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, 195). Leider erfordert eine solche Solidarität ein intergenerationelles Gleichgewicht, das in Europa derzeit fehlt.

Darüber hinaus lässt sich in den vergangenen Jahrzehnten beobachten, dass eine Abkehr von der christlichen Inspiration der Gründerväter der EU-Institutionen zu einer Zeit drastischer Sterilität geführt hat – nicht nur, weil zu vielen das Recht auf Leben und Geburt verwehrt blieb, sondern auch, weil es versäumt wurde, jene materiellen und kulturellen Werkzeuge weiterzugeben, die junge Menschen benötigen, um der Zukunft zu begegnen (vgl. Papst Franziskus, Ansprache an die Teilnehmer des Dialogs „(Re)Thinking Europe: Ein christlicher Beitrag zur Zukunft des europäischen Projekts“, 28. Oktober 2017). Infolgedessen sehen wir uns nicht selten mit den widersprüchlichen Ansprüchen vermeintlich familienfreundlicher Politiken konfrontiert, die gleichzeitig die Diskriminierung der Mutterschaft fördern, die Abtreibung als Recht verherrlichen und genau jenes Fundament untergraben, auf dem der Wunsch nach Familiengründung beruht. Glücklicherweise sind heute wunderbare Ausnahmen unter uns!

All diese Themen müssen daher dringend und auf koordinierte Weise von einem breiten Spektrum akademischer, politischer und gesellschaftlicher Akteure untersucht und angegangen werden. Die demografische Herausforderung stellt eine entscheidende Wegscheide für die anthropologische, soziale und wirtschaftliche Zukunft Europas dar. Tatsächlich kann Ihr Engagement – mit seiner parteiübergreifenden Zusammensetzung – eine entscheidende Rolle spielen und ein ideales Forum bieten, um Wege zur Entwicklung innovativer Ideen zu erkunden, die Europa und die Welt so dringend benötigen. Ein solcher Dialog muss nicht nur die verschiedenen europäischen Institutionen und Regierungen einbeziehen, sondern auch einen vollständigen Querschnitt der Zivilgesellschaft, deren fester Bestandteil die Christen sind.

Im Mittelpunkt dieser drängenden Herausforderungen – und als Schlüssel zu ihrer Lösung – stehen die grundlegende Würde aller Menschen sowie die Rolle der Familie in der Gesellschaft. Wie uns der heilige Johannes Paul II. in Erinnerung rief, ist die Familie „die erste und unersetzliche Schule des gesellschaftlichen Lebens“ (Familiaris Consortio, 43) und gründet auf der Ehe zwischen Mann und Frau – einer Wirklichkeit, die die persönliche und die öffentliche Dimension miteinander verbindet. In diesem Licht besteht eine Aufgabe Ihrer Beratungen auch darin, die gemeinsame Verantwortung und die aktive Rolle der Familien im sozialen, politischen und kulturellen Leben zu fördern (vgl. Ansprache an die Teilnehmer der von CELAM, der Päpstlichen Akademie für das Leben und dem Institut Johannes Paul II. organisierten Tagung vom 19. September 2025). Denn nur durch die Achtung und Förderung dieser zentralen Stellung der Familie sowie durch die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips ist es möglich, die beiden Extreme – übermäßige staatliche Intervention einerseits und Individualismus andererseits – zu vermeiden.

Schließlich geht es bei diesem Ansatz nicht darum, zu gesellschaftlichen Modellen der Vergangenheit zurückzukehren, sondern den Männern und Frauen unserer Zeit jene unveränderlichen Grundsätze an die Hand zu geben, die ihnen bei der Beantwortung der fundamentalen Fragen, die sich in jeder Epoche stellen, als verlässliche Orientierung dienen können: Worin liegen Sinn und Wert des menschlichen Lebens? Was zeichnet eine wahrhaft menschliche Gesellschaft aus? Und welche Art von Welt wollen wir an künftige Generationen weitergeben? In diesem Zusammenhang müssen politische Maßnahmen – sowohl auf nationaler Ebene als auch auf Ebene der EU – in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft entwickelt und gestaltet werden. Hierbei möchte ich hervorheben, dass die Kooperation der Intergruppe mit der Föderation der Katholischen Familienverbände in Europa (FAFCE) sowie mit der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) ein hervorragendes Beispiel dafür darstellt, wie unterschiedliche Akteure – jeder mit seinem spezifischen Zuständigkeitsbereich – gemeinsam darauf hinwirken können, wirksame Veränderungen herbeizuführen, die die Lebensqualität für alle steigern. Dies ist der Impuls, den Christen in das europäische Projekt einbringen – mit dem Ziel, dass politische Maßnahmen den Menschen in seiner Ganzheit in den Blick nehmen und stets die Würde des Menschen wahren. Auf diese Weise lässt sich ein wahrhaft menschlicher Weg zur Bewältigung der demografischen Krise erschließen – ein Weg, der am Gemeinwohl und am Wohlergehen künftiger Generationen ausgerichtet ist. Denn wahrlich: Nur ein neuer Frühling für die Familie vermag die winterliche Kälte unserer alternden Gesellschaften zu überwinden!

In diesen Gedanken bete ich dafür, dass Sie Ihre unverzichtbaren Bemühungen zur Förderung der Familien und der Würde aller Menschen fortsetzen. Ich übermittle jedem von Ihnen meine herzlichsten guten Wünsche und erbitte für Sie und Ihre Lieben den reichen Segen des allmächtigen Gottes. Haben Sie Dank.

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Foto aus dieser Begegnung (c) Vatican media


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