
16. Mai 2026 in Kommentar
„Diese Frage kann mit einem Wort beantwortet werden. Denn der Westen ist…“ Von Gerhard Kardinal Müller
Rom (kath.net) Diese Frage kann mit einem Wort beantwortet werden: Nein. Denn der Westen ist nichts anderes als die Kulturgemeinschaft der germanischen und slawischen Stämme und Nationen, die aus dem Erbe des weströmischen Reiches hervorgegangen und geeint sind im Glauben an Christus, den Sohn Gottes und universalen Retter der Menschheit. Somit ist Europa das Christentum in seiner Synthese mit der griechischen Metaphysik und dem römischen Ordnungswillen nach dem Prinzip der Gerechtigkeit, das heißt der Wille jedem das Seine zukommen zu lassen – suum cuique (Ulpianus) oder theologisch formuliert, die unverletzliche Würde jedes Menschen als Bild und Gleichnis Gottes. Außerhalb dieser Definition verliert Europa seine formgebende Seele und wird zu einem toten Körper, der wie ein herrenloses Territorium dem nächstbesten stärkeren Nachbaren in die Hände fällt.
Dieser Einsicht kann nur sich verschließen, wer die dramatisch zugespitzte Situation der Welt von heute verkennt. Papst Franziskus sagte oft, dass wir uns schon wie in einem 3. Weltkrieg in Raten befinden. Denken wir nur im globalen Zusammenhang an die Bürgerkriege, den Zusammenbruch der Rechtsordnung in vielen Staaten, der von Brüssel angezielte Überwachungsstaat Orwell‘scher Phantasie (Digital services act, die bürokratische Auslöschung nationaler Identitäten), die Migration von Millionen, die in Europa nicht mehr integriert werden können, sondern islamische Konkurrenzgesellschaften etablieren, Hunger und Armut bei der Hälfte der Menschheit, den weltweit agierenden Terrorismus in kriminellen Banden und Schurken-Staaten und das organisierte Verbrechen, die instabilen politischen Verhältnisse in klassischen Demokratien, die in die Hände von globalistischen Eliten fallen mit ihrem Projekt einer total von ihnen kontrollierten Einen Welt, Brave New World a la Aldous Huxley (1922).
Auch in unserer fortschrittlichen Zivilisation, auf die wir in Mitteleuropa so stolz sind, springt die Krise der Moderne und Postmoderne jedem Sehenden in die Augen. Die Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Ehe und Familie und der personalen Identität mit der sogenannten Geschlechtsumwandlung, die gewollte einst jakobinische und jetzt neomarxistische und linkswoke De-Christianisierung Europas, der Verlust einer verbindenden Idee vom Ziel und Sinn des Menschseins im Post- und Transhumanismus, das Pochen auf egomanische Selbstbestimmung ohne die organische Einordnung des individuellen und kollektiven Ego in das Gemeinwohl der Familie, der Stadt und Nation und der Völkergemeinschaft sind apokalyptische Warnzeichen.
Nur der Dünkel der westlichen Überlegenheit ist noch vital. Soll unser Säkularismus und Materialismus, wie zur Zeit des Kolonialismus, als Heilmittel dem angeblich zurückgebliebenen Osten und Süden aufgezwungen werden mit der Devise: Entwicklungshilfe nur unter der Bedingung der Legalisierung von Homoehe und der Tötung der Kinder im Mutterleib, der Euthanasie und des assistierten Suizids – und das alles um der drastischen Reduktion der Bevölkerung wegen des Klimaschutzes und der Knappheit der materiellen Ressourcen?
Wenn die westliche Welt ihre Entfremdung von Gott und den moralischen Relativismus allen anderen Kulturen aufzwingen will, spielt man nur den politischen und ideologischen Extremisten in die Hände. Mit militärischen und ökonomischen Mitteln allein können sie nicht bezwungen werden. Die gewalttätigen Reaktionen, angefangen von Afghanistan bis zum Irak und Syrien und heute im Iran mit seinem Terrorregime sind schließlich der Beweis dafür, dass es ohne eine Verständigung über den höheren, also nicht nur materialistischen und imperialistischen, Sinn und Ziel des Menschseins keinen Ruhe des Herzens und Frieden auf Erden gibt.
Viele sehen nur vordergründig den Kampf um die Rohstoffe und die Macht. Entscheidend ist jedoch der Kampf um die Seele des Menschen. Nur wenn wir im Herzen und Gewissen wieder entdecken, dass wir alle von einem Vater im Himmel abstammen und dass wir folglich untereinander Brüder und Schwestern sind, gibt es ein gedeihliches Miteinander.
In seiner berühmten Regensburger Rede Vorlesung (12. 9. 2006) sagte Papst Benedikt XVI. sagte wörtlich: „In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt“ – zu denen er den religiösen, aber nicht den politischen Islam zählt, was manche überhört hatten – „wird gerade der Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog... Für die Philosophie und in anderer Weise für die Theologie ist das Hören auf die großen Erfahrungen und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzulässige Verengung unseres Hörens und Antwortens wäre... Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe – das ist das Programm, mit dem eine dem biblischen Glauben verpflichtete Theologie in den Disput der Gegenwart eintritt. ‚Nicht vernunftgemäß, nicht mit dem Logos handeln ist dem Wesen Gottes zuwider‘, hat Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her zu seinem persischen Gesprächspartner gesagt. In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein. Sie selber immer wieder zu finden, ist die große Aufgabe der Universität.“
Und der gerade verstorbene Jürgen Habermas hat in seinem monumentalen Werk über die Geschichte der Philosophie die These aufgestellt, dass das einzige Thema des Westens, also das, was die Identität Europas in der Nachfolge des christianisierten römischen Reiches ausmacht, das Verhältnis von Glaube und Vernunft (Logos), von Wahrheit und Freiheit, von Person in Gemeinschaft ist jenseits von Individualismus und Kollektivismus.
Die geschichtsvergessenen „Rationalisten“ hielten dem entgegen: Der exklusiv an den Methoden der empirischen Wissenschaften orientierte Begriff von Vernunft stelle einen nicht überbrückbaren Gegensatz zwischen Glauben und moderner Wissenschaft fest. Als wissenschaftlich widerlegte Bewusstseinsform und Lebensweise trage der christliche Glaube und überhaupt jede Religion nichts bei zur Lösung der großen Herausforderungen der Moderne. In einer ganz von Wissenschaft und Technologie geschaffenen Welt werde die Religion notwendig zu einem Randphänomen, zur einer Privatsache in den noch unaufgeklärten Restbeständen aus der mythologischen und vorwissenschaftlichen Betrachtung von Welt und Mensch. Wo diese Weltanschauung zu einem politischen Programm verabsolutiert ist, müssen Glaube und Religion aus der Erziehung der Jugend, dem öffentlichen Diskurs und der geltenden Kultur entweder gewaltsam eliminiert oder sanft entsorgt werden oder einige unerleuchtete Bischöfe und opportunistische Theologen meinen die Kirche retten zu können, indem sie die Botschaft des Evangeliums mit einer sozialen Agenda ersetzen.
Gewisse „Diplomaten“ meinten, die Wahrheit dem Kalkül der Macht unterordnen zu sollen, statt die Macht durch die Wahrheit zu vermenschlichen. Aber die Kirche verkündigt die Weisheit und Macht Gottes im Zeichen des Kreuzes Christi, nicht die „Weisheit dieser Welt und der Machthaber dieser Welt“ (1 Kor 2,6).
Der heilige Thomas von Aquin fasste die Einheit alles Wissens aus dem Glauben und der Vernunft so zusammen: „In allem Wahren, das wir erkennen und allem Guten, das wir tun, wird schon implizit die Wahrheit Gottes erkannt und Gottes Güte erfahren.“
Das Verhältnis von Glauben und Vernunft hat in der europäischen Geistesgeschichte gewiss auch seine dramatischen Momente gehabt, die von der Synthese über ein dialektisches Verhältnis bis zum ausschließenden Gegensatz reichen, besonders in der Aufklärungsphilosophie, der Religionskritik und den atheistisch-politischen Ideologien des letzten Jahrhunderts. Papst Benedikt XVI. plädierte nicht für eine Rückkehr in die Zeit vor dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften und Technologien: „Nicht Rücknahme, nicht negative Kritik ist gemeint, sondern um die Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs geht es. Denn bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten des Menschen sehen wir auch die Bedrohungen, die aus diesen Möglichkeiten aufsteigen, und müssen uns fragen, wie wir ihrer Herr werden können. Wir können es nur, wenn Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen. In diesem Sinn gehört die Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als die Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein.“
Denn wissenschaftliches Forschen unterscheidet sich vom ziellosen Herumtasten und Vermuten zuerst durch die Methode und allgemein nachprüfbare Kriterien und nicht durch die Materialität oder Immaterialität des Gegenstandes. Gegenstand der Ethik und der Moral zum Beispiel sind nicht materiell verifizierbare Dinge und mathematisch beschreibbare Verhältnisse, sondern das im Gewissen aufleuchtende sittliche Grundgesetz, dass das Gute unbedingt zu tun und das Böse bedingungslos zu meiden ist.
Das gilt auch für die Erkenntnis der natürlichen Sittengesetzes. Sein Grundprinzip ist die unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen. Dies widerspricht dem ethischen Relativismus und jedem Versuch, den Menschen zu einem Mittel zum Zweck herabzuwürdigen.
Schon vor der Erkenntnis Gottes in seiner heilsgeschichtlichen Selbstmitteilung im Gottesvolk Israel und der Kirche Christi ist Gott präsent und wirksam im sittlichen Gewissen jedes Menschen. Aus dem vernünftigen Glauben an die Existenz Gottes und der vernunftgemäßen Gottesbeziehung ergibt sich, was Paulus so formuliert: „Wenn die Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich“ (Röm 2,14f).
Nur wo der Glaube nicht als entfremdende Projektion oder nützliche Fiktion abgetan wird, sondern in seinem Ursprung und Inhalt im Logos, d.h. der Selbsterkenntnis Gottes in seinem Wort, erfasst wird, kann er auch in einen fruchtbaren Dialog eintreten mit den Wissenschaften, aber auch mit den großen Sinndeutungen des Menschseins in den Philosophien und den Weltreligionen. Denn der Mensch will nicht bloß wissen, wie die Welt aufgebaut ist, wie er durch die Technik seine Lebensbedingungen verbessern kann, sondern noch vielmehr, warum es das Böse in der Welt gibt, das Sinnlose, den Tod, den Hass, der alle Liebe zu verschlingen droht, ob es eine Hoffnung gibt über das kurze und leidverhaftete Erdendasein hinaus oder warum es überhaupt Seiendes gibt und nicht vielmehr nichts, wie es der Naturwissenschaftlicher, Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) formulierte.
Angesichts der sich immer mehr zuspitzenden globalen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Krise, des Terrorismus und der unlösbaren Konflikte, die die Menschheit an den Rand des Abgrundes treiben, behält der anthropologische Zugang des II. Vatikanums zur Gottesfrage seine Aktualität gegenüber allen Projekten der Selbsterlösung im Glauben an den Fortschritt und die Wissenschaft als Mittel zum irdischen Paradies. Die Grundfragen bleiben und stellen sich in erneuter Schärfe: „Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Schmerzes, des Bösen, des Todes – alles Dinge, die trotz solchen Fortschrittes noch immer weiter bestehen? Wozu diese Siege, wenn sie so teuer erkauft werden mussten? Was kann der Mensch der Gesellschaft geben, was von ihr erwarten? Was kommt nach dem irdischen Leben?“ (Gaudium et spes 10).
Der Glaube ist vernünftige Gottes-Beziehung und nicht eine unter den vielen alten und neuen wissenschaftlichen Thesen zur Erklärung der Materie, ihrer Strukturen und Wirkweisen substantiell.
Davon nicht zu trennen ist die ethische Bewältigung der naturwissenschaftlichen und technologischen Herausforderungen, aber auch die Suche nach einer universalen Gesellschaftsordnung nach den Prinzipien der Menschenwürde und der globalen Solidarität und der weltweiten sozialen Gerechtigkeit.
Das „Gemeinsame Wort zwischen Uns und Euch“ vom 13. Oktober 2007 beginnt folgendermaßen: „Muslime und Christen machen gemeinsam mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Ohne Frieden und Gerechtigkeit zwischen diesen beiden religiösen Gemeinschaften kann es keinen Frieden von Bedeutung auf der Welt geben. Die Zukunft dieser Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab. Die Grundlage für diesen Frieden und dieses Verständnis gibt es bereits. Sie ist Bestandteil der absolut grundlegenden Prinzipien beider Glaubensrichtungen: Liebe zu dem Einen Gott, und die Liebe gegenüber dem Nachbarn.“
Die Analogie zum Christlichen ist leicht auszumachen. Dem Wort Jesu nach sind die Gottes- und die Nächstenliebe die Erfüllung und die Zusammenfassung aller Gebote Gottes. Eine begehbare Brücke ist gebaut.
In der Berichterstattung nach den verheerenden Bombenanschlägen und Selbstmord-Anschlägen von Terroristen, die sich als strenggläubige Moslems ausgeben, wird in politischen und medialen Kreisen gedankenlos von „religiöser Gewalt“ gesprochen, ohne den inneren Widerspruch in dieser Begriffsverbindung zu bemerken. Was meint in diesem Zusammenhang die Bezeichnung „Religion“ überhaupt?
Religion als Kategorie ist vieldeutig. Das II. Vatikanum definiert Religion im Dekret über die Religionsfreiheit als „pflichtgemäße Gottesverehrung“ (Dignitatis humanae 1). Religion ist nicht ein von Menschen fiktiv ersonnenes Mittel, ein Placebo zur Kontingenzbewältigung. Der ursprünglichste Gedanke der Vernunft ist das Staunen, dass es mich und die ganze Welt überhaupt gibt. Das Wesentliche der religiösen Erfahrung ist das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer und das unendliche Vertrauen in seine Vorsehung. Religion ist das Urvertrauen, dass der, der mich ins Dasein gerufen hat, alles auch zu einem guten Ende führt.
Das Verhältnis zu Gott in Lob und Dank wird gestört durch die Sünde, aus der die chaotischen Verhältnisse in der Menschheit resultieren. Hier erhebt sich in der biblischen Tradition des jüdischen und christlichen Glaubens der Blick auf den Schöpfer, der sich uns als Erlöser verheißen hat.
Der kaiserliche Dialogpartner des persischen Gelehrten geht von der biblischen Erkenntnis aus: „Gott ist Geist“ (Joh 4,24) und „Gott ist die Liebe“ (Joh 4,8). Und darum steht für ihn als Christen unumstößlich, auch selbstkritisch im Blick auf historische Verstrickungen des Christentums in die Machtpolitik fest: „Gott hat kein Gefallen am Blut“, d.h. an destruktiver Gewalt und schon gar nicht an terroristischen, kriminellen Handlungen und brutalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, denn „nicht vernunftgemäß … zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“.
In diesem Sinne wendete er sich an seinen Gesprächspartner und fragt ihn, wie der Djihad im Koran zu verstehen sei. Denn ein Krieg mit all seinen Gräueltaten kann niemals heilig, d.h. Gott gefällig sein, weil die Verbreitung des Glaubens nur über die Einsicht und die Freiheit des Menschen geschieht. Darauf müssen die maßgeblichen politischen und religiösen Autoritäten in den islamisch geprägten Kulturen und Staaten eine Antwort finden, wie die sogenannten Schwertverse des Koran mit dem in der Natur des Menschen grundgelegten Recht auf Freiheit im Glauben zu vereinbaren ist. Nicht nur die gewaltsamen Mittel zu Ausbreitung einer Religion oder einer politischen Ideologie müssen abgelehnt werden, sondern auch das Ziel einer religiös-politischen Weltherrschaft. Nicht diejenigen beleidigen Gott, die auf den Selbst-Widerspruch jeder pseudo-religiös sich begründenden Gewalt hinweisen, sondern die sich für ihre Untaten auf Gott berufen.
Man möchte den Wahnsinnigen entgegenschreien: Nicht Gott befiehlt euch, die Ungläubigen, wie ihr sie nennt, oder die Andersgläubigen, wie es gerechterweise heißen muss, zu töten. Es ist die Stimme des Teufels, die ihr in euch hört. Wie kann das heiligste Band der Liebe, das Gott zwischen einer Mutter und ihrem Kind geknüpft hat, mehr beleidigt werden, als wenn man ihr einredet, stolz zu sein auf ihren jugendlichen Sohn, der mit einem Sprenggürtel um seinen Leib sich und andere in Tod und Verderben gerissen hat. Wahre Märtyrer sind mit ihrem Leben und Sterben, ihrem Leiden und ihrer Hingabe für andere Zeugen für Gottes Liebe und Wahrheit geworden.
In der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate (1965) anerkennt das Konzil bei aller Überzeugung von der endgültigen Selbstoffenbarung Gottes in Christus all das, was in den nichtchristlichen Religionen „wahr und heilig“ ist (Nostra aetate 2). Speziell zum Islam heißt es: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich auch, seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft“ (Nostra aetate 3). Statt die alten Feindschaften neu zu beschwören und aus ihnen neue Untaten gegen die mitmenschliche Brüderlichkeit abzuleiten, gilt es dagegen, „sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen“ (Nostra aetate 3).
In der Weltanschauung des nachchristlichen Säkularismus in Europa und Nordamerika existiert die Utopie eines „Humanismus ohne Gott“ (Henri de Lubac). Alle Fragen, die die Religionen nicht lösen konnten, würden nun durch Naturwissenschaft und Technik im Geist der Vernunft und Aufklärung gelöst. Und dann entstehe eine Welt ohne Gewalt und Leid, ein Paradies der Toleranz. Wichtige Vertreter der Aufklärung haben die „Religion“ – und sie meinten damit freilich das Christentum – mit seinem eindeutigen Wahrheitsanspruch für die Quelle des Fanatismus und des Aberglaubens gehalten. Allenfalls ein auf Moral und Kultur beschränktes Christentum ohne dogmatischen Wahrheitsanspruch könne vor der aufgeklärten Vernunft und der modernen Wissenschaft bestehen. Dieses Erklärungsschema findet sich noch heute in der Bewertung des Terrorismus der sogenannten Islamisten. Diese Religion müsse sich in der Kraft aufgeklärter Vernunft vom Gewaltpotential befreien, das in der Natur jeder Offenbarungsreligion und des Glaubens an den einen Gott der Wahrheit vorhanden sei. Nur ein konsequenter Relativismus in der Wahrheitsfrage könne die latente Gewaltbereitschaft des Monotheismus im Judentum, im Christentum und im Islam zähmen und in den Griff bekommen.
Der Preis des Relativismus ist allerdings sehr hoch. Er führt unausweichlich in eine Gesinnungsdiktatur. Wenn nicht mehr alle Menschen in der Suche nach der Wahrheit und der Liebe zu ihr miteinander verbunden wären, müsste an die frei gewordene Stelle des Wahrheitsgewissens die Ideologie der totalitären Welterklärung und der Gesellschaftsordnung des Neuen Menschen treten. Aber wie kann die endliche Vernunft eines sterblichen Hegel und Marx, ganz zu schweigen von den kleineren „Welterlösern“ von der Gnosis bis zu New Age, zu absoluten Wahrheiten gelangen, der sich zu unterwerfen sie ihre sterblichen Mitmenschen mit Gehirnwäsche und Gewalt zwingen? Der endliche Verstand des Menschen wird nie Wahrheit und Freiheit gewaltfrei verbinden.
„Nur wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17). Das Gericht über andere müssen wir jetzt und am Jüngsten Tag Gott überlassen, der allein der gerechte Richter ist. Überall, wo Menschen mit ideologischer und politischer Motivation das Weltgericht vorwegnehmen und ein Paradies von Menschenhand bauen wollten, haben sie nur die Büchse der Pandora oder die Pforten der Hölle geöffnet.
Auf jeden Fall kann dem modernen Phänomen des internationalen Terrorismus in seiner politisch-ideologischen oder politisch-pseudoreligiösen Version nicht einfach fortschrittsgläubig mit Appellen an Vernunft und Toleranz begegnet werden. Längst hat die Vertrauensseligkeit in die alles erlösende Macht der Vernunft und des Fortschritts ihre Unschuld verloren. Die „Dialektik der Aufklärung“, die die Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule Theodor Adorno und Max Horkheimer in ihrem Buch 1944 analysierten, zeigt, dass nur eine über der begrenzten menschlichen Vernunft stehende Instanz die Barbarei der Unmenschlichkeit in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein verhindern kann. Es war kein Zufall, dass der Terror als Mittel zur ideologischen Gleichschaltung als Kind der französischen Revolution geboren wurde. In der Schreckensherrschaft der Jakobiner wurde der Terror gegen Hunderttausende unschuldiger Menschen als Tugend gerechtfertigt und als Herrschaft der Vernunft und des Volkswillens verherrlicht. Verbunden mit der sozialdarwinistischen These vom Recht der Stärkeren als Gesetz allen Lebens ist der Terror als Herrschaftsform eingegangen in die sich wissenschaftlich verstehenden totalitären Systeme, die die größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte zu verantworten haben.
Statt im antichristlichen Affekt den pseudoreligiös sich tarnenden Terrorismus zu benutzen, um im antiquierten Aufklärungspathos die Religion und konkret das Christentum zu diskreditieren, sollten sich alle Menschen guten Willens verständigen auf eine moralische und sozial-ethische Grundlage des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher religiöser und philosophischer Grundeinstellung. Das kann nur die Anerkennung des natürlichen Sittengesetzes sein und der universellen Menschenrechte, die in der unantastbaren Würde eines jeden einzelnen Menschen gründen. Auch die Staaten mit der Bevölkerungsmehrheit einer bestimmten Glaubensrichtung müssen die Religionsfreiheit der Minderheiten und aller Bürger anerkennen und sich jeder Einmischung in das Wahrheitsgewissen und das sittliche Gewissen der Person und der Glaubensgemeinschaften enthalten. Denn der Staat ist für die Menschen und nicht die Menschen für den Staat da.
Wie die gelehrten Muslime einzelne Suren im Koran, die von Gewalt und Krieg in Glaubens- und Gewissensfragen sprechen, im historischen Kontext auslegen, ist jetzt nicht unser Thema. In einer systematischen Auslegung scheint mir jedoch die erste Sure der hermeneutische Schlüssel für allen folgenden Verse zu sein. Denn „im Namen Gottes, des Sich Erbarmenden, des Barmherzigen“ (Sure 1), lässt sich kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit rechtfertigen. Sowohl die Gotteserkenntnis in der Offenbarung des Koran, wie sie nur für den muslimischen Gläubigen gültig ist, als auch die gemeinsame Erkenntnis des Daseins Gottes und des von Gott in unsere geistige Natur eingeschriebenen Sittengesetzes machen jede Berufung auf Gottes Willen unmöglich, um Männer, Frauen und Kinder zu töten, zu vergewaltigen, zu erniedrigen und ihrer religiösen und bürgerlichen Freiheit zu berauben.
Gewiss sind wir Menschen nicht in der Lage, uns selbst den Frieden zu geben, so wie nur Gott ihn gibt. Aber wir sind aufgerufen zur Mitarbeit an einer Gesellschaft, deren tragender Grund die Würde der menschlichen Person und das Wohl aller in der Gemeinschaft ist. Juden und Christen, Muslime und Menschen anderer Religionen erkennen Gott an als den Herrn und Schöpfer, der uns gemacht hat. Durch nichts mehr wird Gott verherrlicht als durch die Liebe zum Nächsten und durch nichts wird er mehr beleidigt als durch den Hass auf den Bruder. Wahre Religion ist dort, wo die Liebe siegt. Die Liebe ist die wahre Gottesverehrung.
Der Christ bekennt: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4,16). Das hat ethische Konsequenzen. „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder, und ihr wisst, dass kein Mörder ewiges Leben hat, das in ihm bleibt. Daran haben wir die Liebe erkannt, dass Er sein Leben für uns dahingegeben hat. So müssen auch wir das Leben hingeben für die Brüder. Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben?“ (1 Joh 3,15ff).
Das Wissen um die untrennbare Einheit von Glaube und Vernunft, von Gottes- und Nächstenliebe ist der Kern des christlichen Beitrags zum interkulturellen Dialog und zum Frieden in der Welt. Darauf hingewiesen zu haben ist das bleibende Verdienst der weltbekannten Regensburger Vorlesung, die uns Benedikt XVI. geschenkt hat.
© 2026 www.kath.net