Geht zu denen, die Christus nicht kennen

4. Mai 2026 in Kommentar


Die Predigt des Papstes an die neugeweihten Priester zum Sonntag des Guten Hirten, zeigt, wohin der Weg der Kirche gehen muss. Es geht immer mehr darum, die Türen für jene offen zu halten, die Christus suchen. Der Montagskick von Peter Winnemöller


Linz (kath.net)

Es war nur ein Satz in einer Meldung, die am Rande der Aufmerksamkeit entlang schlich. Gemeint war damit ein bemerkenswerter Komplex aus einer Predigt des Heiligen Vaters. Bei der Priesterweihe am 4. Sonntag der Osterzeit, dem Weltgebetstag für geistliche Berufe, im Petersdom gab Papst Leo XIV. den Neugeweihten einen Auftrag. Dieser Auftrag ist grob gesagt ein Missionsauftrag des 21. Jahrhunderts. Ausgehend von den Gemeinschaften, zu denen die Priester als Seelsorger gesandt sind, weitete der Papst den Blick für die Priester auf die hin, die in unserer Zeit der Kirche fremd oder fremd geworden sind. Sie sollen, so der Auftrag des Heiligen Vaters, die Tür offen halten für alle, die eintreten wollen. Die Predigt, hier von kath.net dokumentiert, ist lesenswert.

Gerade die Älteren erinnern sich noch, wie sehr Papst Johannes Paul II. uns den Priester von der Eucharistie her erklärte. Davon ist kein Wort veraltet oder ungültig. Ganz im Gegenteil, die Eucharistie ist sozusagen das Lebenselixier des Priesters, aus dem er lebt und die Kraft für die Verkündigung bezieht. Die Eucharistie ist, durch die Existenz des Priesters, das Geschenk an die Gläubigen. Sie ist Quelle und Höhepunkt des katholischen Lebens. Wenn wir heute in die deutsche kirchliche Landschaft schauen, finden wir Dürre und Ödnis, weil die Eucharistie vernachlässigt wurde. Weder der althergebrachte Rosenkranz noch die neu erfundenen Wortgottesdienste können ein Ersatz dafür sein. Der Rosenkranz mit seinem unbeschreiblich hohen Wert ist, nimmt man ihn ernst, nichts als ein eucharistisches Gebet. Er betrachtet durch Maria, die wie ein Brennglas auf Christus zeigt, das Heilshandeln Christi. Genau dies wird in der Eucharistie unter Zeichen und Gebet mit den Worten des geweihten Priesters wirklich gegenwärtig. Bei Licht betrachtet pflegt der Rosenkranz den Hunger des Beters nach der Eucharistie. Was die Wortgottesdienste sind oder sein können, muss sich erst noch zeigen. Erfunden und eingeführt wurden sie, um dem Priestermangel in der Fläche abzuhelfen. Genutzt werden sie leider nur zu häufig von Wichtigtuern und Profilneurotikern, die auch mal predigen möchten. Doch am Ende stellt sich eine Frage: Weisen sie auf die Eucharistie hin, führen sie die Menschen zur Eucharistie? Wenn ja, dann werden sie einen Wert haben. Empfinden sie sich als – womöglich gleichwertiger – Ersatz, dann werden sie sterben.

Im 21. Jahrhundert, in das Papst Johannes Paul II. die Kirche hineingeführt hat, bekommt der priesterliche Dienst, der sich im Kern immer um die Eucharistie als Geheimnis unseres Glaubens dreht, eine von der Zeit gegebene Bedeutung. Der Papst sagt das so: „ ‚Ich bin die Tür‘, sagt Jesus. Das Heilige Jahr hat uns gezeigt, wie sehr dieses Bild noch immer die Herzen von Millionen von Menschen anspricht. Seit Jahrhunderten lädt die Tür – oft ein regelrechtes Portal – dazu ein, die Schwelle der Kirche zu überschreiten. […] Indem ihr andere in den Glauben einführt, werdet ihr euren eigenen Glauben neu beleben. Zusammen mit den anderen Getauften werdet ihr jeden Tag die Schwelle des Geheimnisses überschreiten, jene Schwelle, die das Antlitz und den Namen Jesu trägt. Verdeckt diese heilige Tür niemals, versperrt sie nicht, seid kein Hindernis für diejenigen, die eintreten wollen.“ Wie tief diese Wahrheit ist, weiß jeder, der schon einmal ernsthaft unterrichtet hat. Nichts, wirklich nichts stärkt das eigenen Wissen und die eigenen Fertigkeiten so sehr, wie das Mühen darum, es anderen beizubringen. Will ich über den Glauben reden, ihn lehren, andere darin unterweisen, so muss ich ihn tiefer durchdringen als je zuvor. Nichts weniger hat der Papst den Priestern aufgetragen.

Unsere Gesellschaft in Europa ist in einem solchen Ausmaß säkularisiert, dass wir das Ende der Säkularisation schon jetzt täglich vor unsere Augen sehen. Die Leere, die Sinnleere, also der praktizierte Nihilismus, ist nicht mehr zu übersehen. Viel tiefer geht es nicht mehr. In Frankreich, in Großbritannien und in den USA hören wir davon, dass junge Menschen völlig überraschend die Kirchen aufsuchen, weil sie – oft in den sozialen Medien – Christus begegnet sind. Auch in Deutschland beginnt es und es treibt die pastoralen Mitarbeiter teilweise fast zur Verzweiflung, weil sie überhaupt nicht darauf vorbereitet sind und kaum Unterstützung finden. So bat ein Mitarbeiter in der Pastoral eines deutschen Bistums kürzlich um Unterstützung im Gebet, weil „schon wieder!“ ein paar junge Menschen in seiner Gemeinde aufgetaucht sind, die die Taufe begehren oder Einführung in den Glauben suchen. Fast möchte man lachen vor Freude über die jungen Menschen, aber auch über die Hilflosigkeit der Angestellten, die für so etwas gar nicht ausgebildet sind. Die Angst hier etwas falsch zu machen, sollte man ihnen nehmen. Bleibt einfach authentisch und redet, wovon das Herz voll ist. Tatsächlich ist der gewöhnliche deutsche Pastoral- oder Gemeindereferent dazu ausgebildet, Jahr für Jahr ungläubige Kinder zur Erstkommunion und ungläubige, herumstänkernde Teenager zur Firmung zu führen. Professionelle Frustbewältigung geschieht nicht selten über Ausweichausbildungen, wie der Besuch von Kursen in Organisationsentwicklung oder Mediation oder Supervision. Vielleicht sollte man dazu übergehen, Pastis jedes Jahr in mehrwöchige Exerzitien zu schicken.

Was sie nämlich bis dato nicht gelernt haben, ist diese Türen offen zu halten, für die, die suchen, von dem der Papst spricht. Was sie nicht gelernt haben, ist Glaubensunterweisung für jene, die ohne Vorwarnung Christus in ihrem Leben begegnet sind und einfach glauben. Philippus und der Kämmerer, das ist die Leiterfahrung und das Leitbild. Verstehst Du, was Du liest? Philippus führte den Kämmerer zum Glauben und zur Taufe. Wer weiß, was das im Kern beschreibt, und wer eine Vorstellung davon hat, dass einem jungen Menschen unserer Tage wirklich alle Felle davonschwimmen, wenn er Christus begegnet, der ahnt, was so ein Philippus-Erlebnis auch mit den Angestellten der Kirche machen kann. Bekehrungsgeschichten haben etwas zutiefst Berührendes, weil sie so unmittelbar zeigen, wie die Gnade Gottes wirkt. Die Anfangsgnade wird über einen frisch bekehrten geradezu mit Kübeln ausgegossen, so könnte man von außen denken. Doch es ist am Ende nichts anderes als die ungetrübte Bereitschaft die Gnade anzunehmen, die im Lebensalltag des Christen immer wieder etwas nachlässt. Ein wenig davon erfährt man, wenn man geistlich offen ist, nach der Beichte. Und weil die Tür, die Jesus Christus ist, offen gehalten werden muss, hier und nicht nur hier braucht es den priesterlichen Dienst. Unbedingt!

Hier setzt Papst Leo XIV. mit seinem Auftrag an die neugeweihten Priester an. Haltet diese Tür offen. Versperrt sie nicht, sperrt euch selbst nicht durchzugehen, denn auch das ist immer wieder nötig. Salto rückwärts nach Deutschland. Der priesterliche Dienst in deutschen Diözesen ist geprägt von einer beispiellosen Verwaltung des Niedergangs. Pfarrer in Deutschland werden eher eine Kirche verkaufen als einen neu bekehrten Erwachsenen zu treffen. Das mag polemisch klingen, dürfte sich aber statistisch belegen lassen. Noch! Der Trend aus Frankreich, USA und Großbritannien kommt nach Deutschland. Er wird nach und nach alle europäischen Länder betreffen. Auch aus Skandinavien hört man von jungen Menschen, die sich plötzlich für den Glauben interessieren. Es wird Italien und Spanien ebenfalls treffen. Schon in diesem Jahr gab es ein sanftes Rauschen am Aschermittwoch. Viele junge Menschen in der Kirche.

Ein weiterer Aspekt ist die Migration von Millionen Menschen in den europäischen Kulturraum. Wir sehen zurzeit, völlig zu Recht, vor allem auf die Probleme, die wir damit bekommen. Angefangen von zunehmenden Islamismus und einem massiven Anstieg der Kriminalität sind die Folgen der Massenmigration so zahlreich wie dramatisch. Doch auch dies ist wahr, bei allem Episkopalgestänker gegen den Begriff Christliches Abendland ist es genau dies, wohin die Migranten einwandern. Es ist ein Abendland im Niedergang der Säkularisation, das soll nicht bestritten werden. „Der Agnostiker wie auch der Atheist bei uns [ist] ein Mensch, der immer noch zu gutem Teil vom Geruch einer leeren Flasche lebt, also vom sich verflüchtigenden Duft einer noch nicht völlig vergessenen und überwundenen christlichen Ethik.“ Mit dem zeitgenössischen Kulturkritiker und Historiker David Engels darf man getrost annehmen, dass für einen aus dem islamischen Kulturraum zugewanderten Menschen doch genau dieser Rest des Christlichen ist, den wir in allen europäischen Gesellschaften zu finden vermögen, der weitaus anschlussfähiger für Migranten sein sollte, als sich diese hohle Leere einer vulgäratheistischen oder vulgäragnostischen Unkultur gerade zeigt, die sich nur selbst ihr eigener Totengräber sein kann.

Schon vor Jahren berichtete ein Priester aus Österreich davon, jährlich gut ein Dutzend Muslims zu taufen. Es mag vermessen klingen, zu behaupten, allein das Christentum könne eine allen anderen überlegene Kultur hervorbringen. Doch ganz ernsthaft gefragt, in welchem Kulturkreis entwickelten sich gleich die Menschenrechte? Gedanken von Freiheit der einzelnen Person? Die der säkularen Welt nur mit vielen Problemen erklärbare Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist doch am Ende nicht anderes als die universelle Menschenwürde, die in allen westlichen Staaten Gemeingut ist. Mag es auch noch zehn Jahre dauern, doch bei hinreichender Präsenz werden auch die Migranten in größerer Zahl verstehen, was die Wurzel dessen ist, was sie durch ihre Migrationsbewegung ersehnten. Mag gegenwärtig die Einwanderung in die Sozialsysteme der maßgebliche Pullfaktor sein, doch wo entstehen denn „Sozialsysteme“? Weder der Buddhismus noch der Hinduismus und auch nicht der Islam haben so etwas hervorgebracht. Da liegt schon im Säkularen das zutiefst Geistliche, das die Menschen irgendwann erfassen werden. Ob es zu einer Bekehrung kommt oder nur eine Form von Kulturchristentum adaptiert wird, ist dabei primär nicht von Bedeutung.

Was wirklich bedeutend ist, ist die Türen der Kirche offen zu halten. Denn diese offene Tür suchen genau jene, die in ihrem Alltag völlig überraschend Christus begegnet sind. Der Papst hat hier genau den Finger am Puls der Zeit. Am Puls der Zeit ist auch Bischof Erik Varden, der kürzlich feststellte, die Säkularisierung habe in Skandinavien an ihrem Höhepunkt erreicht und ende. Erik Varden war es auch, der der Kurie in der ersten Fastenwoche die Exerzitien predigte. Immer mehr Menschen begreifen, dass der Tiefpunkt der Säkularisation nichts als ein Wendepunkt sein wird. Halten wir, gemeinsam mit den Priestern also die Türen offen. Was auch immer das im konkreten Einzelfall bedeutet.


Bild oben: So stellt die die KI die Szene vor, in der Paulus auf dem Areopag predigt. Das ist es, was die Priester auch heute wieder tun sollen. Foto: Peter Winnemöller mit KI erstellt.


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