
17. April 2026 in Weltkirche
Warum ist das traditionelle Format des Treffens der Kardinäle mit Papst Leo in letzter Minute geändert worden? Wer war dafür verantwortlich?
Vatikan (kath.net/jg)
Papst Leo XIV hat für den 26. und 27. Juni 2026 sein zweites außerordentliches Konsistorium der Kardinäle angekündigt. Doch die Frage drängt sich auf: Werden diese Treffen wirklich offen und kollegial gestaltet, oder dienen sie einem bereits festgelegten Ergebnis? Ein Blick auf das erste Konsistorium des Papstes im Januar 2026 wirft ein beunruhigendes Licht auf eine unerklärte Kursänderung in der Organisation solcher Versammlungen, schreibt Diane Montagna in einem ausführlichen Beitrag auf ihrem Substack.
Ein außerordentliches Konsistorium ist eines der wichtigsten Instrumente, mit dem das Kardinalskollegium dem Papst kollegial zur Seite steht. Es wird vom Papst einberufen, um „besondere Bedürfnisse der Kirche“ oder andere schwerwiegende Fragen zu besprechen (Can. 353 §3). Traditionell folgt es einem klaren Ablauf: Ein renommierter Theologe oder Kanonist hält einen grundlegenden Vortrag, dem eine ausführliche Generaldebatte folgt, bei der der Papst persönlich den Vorsitz führt. In diesem Format konnten die Kardinäle unmittelbar und ungefiltert ihre Meinungen austauschen – der Papst hörte sie direkt, und die Kardinäle hörten einander.
Papst Johannes Paul II. berief in den 25 Jahren seines Pontifikats sechs solche Konsistorien ein. Papst Benedikt XVI. verzichtete offiziell auf außerordentliche Konsistorien, führte aber geschlossene Treffen mit dem Kardinalskollegium durch (z. B. 2006, 2007 und 2010). Benedikt selbst erklärte, dass die Meinungsäußerungen der Kardinäle beim Treffen 2006 seine Entscheidung zur Promulgation von Summorum Pontificum beeinflusst hätten.
Das letzte Konsistorium im klassischen Format fand 2014 unter Papst Franziskus statt. Es diente der Reflexion über die Familie und legte die theologische Grundlage für die Familiensynoden 2014/2015. Besonders in Erinnerung blieb der umstrittene Vortrag von Kardinal Walter Kasper, dessen „Kasper-Vorschlag“ eine pastorale Lösung für wiederverheiratete Geschiedene andeutete und die Debatte um Amoris Laetitia (2016) maßgeblich prägte.
Bruch mit der Tradition
Das erste außerordentliche Konsistorium von Papst Leo XIV am 7. und 8. Januar 2026 brach radikal mit dieser klassischen Form. Stattdessen übernahm es das Format der Synode über die Synodalität (2023–2024): Die rund 170 anwesenden Kardinäle saßen größtenteils im Paul-VI.-Saal an sprachlich getrennten Rundtischen und praktizierten „Gespräche im Geist“. Jeder Kardinal hatte drei Minuten Redezeit, gefolgt von Stille und einer zweiten Runde von Antworten. Jeder Tisch hatte einen Präsidenten und einen Sekretär, der einen Bericht zusammenstellte (früher wählten die Gruppen ihren Sekretär selbst).
Von insgesamt 20 Tischen wurden nur die Berichte der neun Tische mit wahlberechtigten Kardinälen in Diözesen oder als Nuntien der Vollversammlung vorgestellt. Die elf Tische mit nicht-wahlberechtigten Kardinälen und Kurienmitarbeitern reichten ihre Berichte direkt an den Papst weiter. Lediglich zwei 45-minütige Sitzungen im Neuen Synodensaal waren für freie Wortmeldungen in Anwesenheit des Heiligen Vaters vorgesehen.
Chronologie einer Planänderung
Was kaum bekannt ist: Das Konsistorium war ursprünglich im klassischen Format geplant. Die Änderung erfolgte unter rätselhaften Umständen – ohne offizielle Erklärung, wer die Entscheidung traf oder wer die Veranstaltung letztlich organisierte.
Die Planänderung muss also zwischen dem 19. Dezember 2025 und dem 5. Januar 2026 – mitten in den Weihnachtsferien – erfolgt sein. Vatikanische Quellen vermuten, dass ein oder mehrere Kardinäle in dieser Zeit beim Papst vorgesprochen und ein Format im Sinne der „synodalen Kirche“ nach dem Vorbild von Papst Franziskus vorgeschlagen haben.
Hintergründe bleiben rätselhaft
Angesichts des klar „synodalen“ Stils wird über die Beteiligung von Kardinal Mario Grech, Präfekt des Synoden-Sekretariats, spekuliert. Andere nennen Kardinal Pietro Parolin, da das Staatssekretariat über sein Koordinationsbüro involviert war. Offizielle Erklärungen fehlen bis heute.
Papst Leo XIV hatte in seinem Weihnachtsbrief noch von einem „Moment der Reflexion und des Austauschs“ gesprochen, der den Papst bei der Leitung der Universalkirche unterstützen solle. Die plötzliche Umstellung wirft die Frage auf, ob die Kardinäle tatsächlich frei und kollegial beraten konnten oder ob das Konsistorium bereits auf ein gewünschtes Ergebnis hingelenkt wurde.
Das zweite Konsistorium im Juni wird zeigen, ob die neue Linie eine Ausnahme oder bereits der neue Standard ist. Bislang bleibt der Wechsel vom Januar 2026 ein unerklärtes Rätsel – und ein Zeichen dafür, wie sehr die Art und Weise, wie der Papst seine Kardinäle hört, die Zukunft der Kirche prägen kann.
Foto: Archivbild Kardinäle
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