Licht am Rand – Ruf zur Umkehr – Sendung zum Leben

25. Jänner 2026 in Spirituelles


„Die Väter sagen: Christus selbst ist der ‚Köderfisch‘ der Rettung. Er wirft nicht andere ins Wasser – er geht selbst hinein. Er steigt hinab ins Leid bis ans Kreuz. Christus ist es, der rettet.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 3. Sonntag im Jahreskreis (A) (Jes 9,1–4; Mt 4,12–23)

Liebe Schwestern und Brüder,
der Evangelist Matthäus setzt einen bemerkenswerten Akzent an den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu: Jesus zieht sich nach Galiläa zurück. Dieses Zurückziehen ist keine Flucht, keine Resignation, kein Ausweichen vor Verantwortung. Es ist ein Akt geistlicher Freiheit. Jesus lässt sich nicht in verhärtete Fronten hineinziehen, in Räume, in denen nur noch Rechthaben, Abwehr und Selbstbestätigung regieren. Er beginnt dort, wo Herzen noch offen sind – nicht im Zentrum religiöser Selbstgewissheit, sondern im „Galiläa der Heiden“, im Randgebiet, im Land Sebulon und Naftali.

Matthäus wird hier sehr präzise: „Er verließ Nazareth und ließ sich in Kafarnaum nieder“ – κατῴκησεν, ein bewusstes Wohnen, ein Sich-Verorten. Kafarnaum ist kein idyllischer Rückzugsort. Es ist ein Durchgangsort am See Gennesaret, nahe einer Zollstation, gelegen an der Via Maris, dem internationalen Handelsweg. Hier begegnen sich Fischer und Händler, Juden und Heiden, Fromme und Randständige, Soldaten und Zöllner, Tagelöhner und Dirnen. Dass Jesus diesen Ort zu seiner „eigenen Stadt“ macht, sagt etwas Grundsätzliches über sein Heilswirken: Er sucht keine ethnisch oder religiös geschlossene Idylle. Seine Heimat ist dort, wo Begegnung möglich ist, wo Leben im Fluss ist, wo Durchlässigkeit für Gott bestehen kann.

Das Evangelium beginnt also nicht im geschützten geistlichen Zentrum, sondern mitten im gelebten Alltag am Rand. Nicht Abschottung, sondern Gastfreundschaft ist der Ort Gottes. Jesu Heimat ist dort, wo Menschen bereit sind, sich ansprechen zu lassen.

Und dann diese bedrückende Nachricht gleich zu Beginn: Johannes ist verhaftet. Ein Prophet wird zum Schweigen gebracht. Man könnte meinen: Jetzt wird alles enger, gefährlicher, düsterer. Doch genau hier beginnt etwas Neues. Das ist die tröstliche Botschaft dieses Sonntags: Wenn es in deinem Leben eng wird, muss das nicht das Ende sein. Gerade dort kann dein Neuanfang liegen.

1. Gottes Licht beginnt am Rand
Der Prophet Jesaja ruft: „Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen.“ Das ist keine fromme Metapher. Jesaja nennt harte Realitäten: Joch, Tragholz, Stock des Treibers – Lasten, die niederdrücken und klein machen. Und gerade dort, wo das Dunkel konkret und spürbar ist, zündet Gott sein Licht an. Anders, als wir oft erwarten. Nicht zuerst im religiösen Zentrum. Nicht bei denen, die alles im Griff haben. Sondern bei den Übersehenen, den Gemischten, den religiös Unordentlichen.

Galiläa gilt als Randzone – politisch, religiös, kulturell. Und genau dort nimmt Jesus Wohnung. Das ist Frohbotschaft für alle, die sich selbst manchmal am Rand erleben: am Rand der Kraft, - am Rand der Gesundheit, - am Rand einer Beziehung, - am Rand der Kirche, - am Rand des Glaubens.

In der geistlichen Auslegung der Väter wird dieses Wirken Jesu immer wieder so beschrieben: Gott richtet den Menschen auf, damit er wieder stehen kann – innerlich wie äußerlich. Christus kommt nicht, um zu beschämen, sondern um aufzurichten. Wo wir uns selbst nur noch als defizitär erleben, beginnt Gott mit seinem Licht.

2. „Kehrt um!“ – nicht Drohung, sondern Heimkehr
Dann das erste Wort Jesu: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“
Viele hören bei „Umkehr“ sofort Moral, Druck, schlechtes Gewissen. Doch das Evangelium meint etwas Tieferes: Ändert euren Sinn. Richtet euren inneren Kompass neu aus.

Umkehr heißt: Ich muss nicht in den alten Spuren stecken bleiben. Ich bin nicht dazu verdammt, immer wieder dieselben Netze auszulegen: – Netze aus Angst, Bitterkeit, Gewohnheit, Selbstschutz.

Ein berühmter Satz aus der geistlichen Tradition bringt das auf den Punkt: Gott ist dir näher als du dir selbst. Wenn das stimmt, dann ist Umkehr kein Sprung ins Nichts, sondern ein Schritt in eine Nähe, die längst da ist. Das Himmelreich ist nicht ein fernes Jenseits, sondern Gottes Gegenwart hier und jetzt – bei dir.

3. „Sofort … sogleich“ – die Stunde der Wahrheit
Dann die Szene am See: Jesus ruft Simon und Andreas. Keine lange Erklärung, keine Sicherheiten, keine Garantien. Und doch: „Sofort ließen sie ihre Netze liegen.“ Jakobus und Johannes verlassen sogleich das Boot und ihren Vater.

Ist das leichtsinnig? Die geistliche Erkenntnis geht tiefer als bloße Berechnung. Die Jünger spüren: Hier ruft einer, dessen Wort Leben trägt. Sie glauben einer Verheißung, noch bevor sie Beweise in den Händen halten.

Dieses „Sofort“ ist kein Druck. Es ist die Gnade eines Augenblicks, in dem das Herz erkennt: Jetzt ist der Zeitpunkt. Wenn ich nur vertage und verschiebe, wird es nicht leichter, sondern schwerer.

4. Menschen fischen – gerettet werden zum Leben
„Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ Dieser Satz irritiert bis heute. Menschen fangen – das klingt hart. Doch wer Jesus anschaut, merkt sofort: So fischt er nicht. Er bindet niemanden. Er manipuliert nicht. Er zieht Menschen heraus aus dem, was sie hinabzieht: aus Angst und Schuld, aus Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit.

In der geistlichen Tradition bedeutet „fischen“ niemals beherrschen, sondern retten. Ein altes jüdisches Bild kann uns helfen: Der Buchstabe Zade (צ) – besonders seine Endform(ץ)  – wird homiletisch als eine Art Haken gedeutet – nicht um zu verletzen, sondern um aus der Tiefe herauszuziehen. Sinngemäß gehört dazu das Wort Zaddik, der Gerechte und Weise. Er soll in dieser Welt wie ein Haken sein, der Seelen aus der Tiefe des Strudels emporzieht.– Wer gerecht lebt, zieht andere nicht nach unten, sondern nach oben: aus Verzweiflung, Schuld und Mutlosigkeit.

Die byzantinische Kirche besingt dieses Geheimnis zu Pfingsten: einfache Fischer werden zu „Allweisen“ – nicht durch Bildung, sondern durch den Heiligen Geist. Die Welt wird „eingefangen“, nicht als Machteroberung, sondern als großes Einholen ins Leben Gottes.

Die Väter gehen noch einen Schritt weiter: Christus selbst ist der „Köderfisch“ dieser Rettung. Er wirft nicht andere ins Wasser – er geht selbst hinein. Er steigt hinab in Leid, Schuld und Tod, bis ans Kreuz, bis in die tiefste Dunkelheit. Nicht wir retten. Wir sind Mitarbeiter. Christus ist es, der rettet.

Darum zeigt die Kirche dieses Geheimnis im Ritus der Großen Wasserweihe: Das Kreuz wird in die Fluten gesenkt bzw. hineingeworfen. Christus geht hinein in das Chaotische, in die Strömungen der Zeit, in das, was uns fortzureißen droht, um uns herauszuziehen und ins Leben zu führen.

Menschenfischer sind Menschen, die gelernt haben: Ich muss niemanden festhalten. Ich darf mithelfen, dass Christus ergreifen kann – und ergreift.

5. Was heißt das für uns – heute?
Dieses Evangelium ist zutiefst frohmachend, weil es uns vier Dinge zusagt:
Erstens: Gott beginnt neu, auch wenn etwas zerbricht. Johannes ist im Gefängnis – aber Gottes Geschichte geht weiter.
Zweitens: Gott beginnt am Rand – auch in dir. Gerade die dunklen Stellen deines Lebens sind mögliche Orte seiner Nähe.
Drittens: Gott ruft zur Entscheidung, nicht zur Panik. „Sofort“ heißt: das Ja nicht endlos vertagen.
Viertens: Gott sendet ohne Überforderung. Jesus sagt nicht: „Macht euch selbst besonders.“ Er sagt: „Ich werde euch machen.“

So darf alles münden in eine einfache, ehrliche Frage:
Welches Netz darf ich heute liegen lassen, damit ich freier hinter Christus hergehen kann?
Vielleicht ein Netz aus Selbstanklage.
Vielleicht Bitterkeit.
Vielleicht Angst.
Vielleicht das ewige „später“.
Denn Jesu Ruf lautet nicht: „Mach dein Leben kleiner und enger.“
Er lautet: „Komm. Ich mache dein Leben weiter. Ich mache dein Herz freier. Ich mache dich zu einem Menschen, der andere nicht festhält, sondern ins Leben zieht.“
Christus steht auch heute am Rand unseres Sees, an unseren Untiefen, und sagt leise, aber eindeutig:
Komm. Geh hinter mir her. – Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.

 


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