Debatte um Leitung der Deutschen Bischofskonferenz - Konservative Bischöfe als „Königsmörder“?

22. Jänner 2026 in Kommentar


„Der für die deutschen Medien unverzichtbare wie unfehlbare Kirchenrechtler Schüller disqualifiziert sich selbst: Amtierende Diözesanbischöfe mit Mördern zu vergleichen, ist unerträgliche ‚Hate Speech‘“. Kommentar von Dr. Jürgen Henkel


Bonn (kath.net) Der Limburger Bischof Georg Bätzing wird nicht erneut für den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz/DBK kandidieren. So weit, so gut! Wobei angesichts der mehrheitlichen Prägung der deutschen Bischöfe wohl – leider! – kein grundlegender Richtungswechsel zu erwarten ist. Unmittelbar nach Bekanntwerden dieser Nachricht hat erwartungsgemäß nun die Mythenbildung zu diesem Verzicht auf eine neuerliche Kandidatur eingesetzt. 

Zunächst bleibt grundsätzlich einmal festzuhalten: Georg Bätzing legt nicht den Vorsitz oder sein Amt nieder, er tritt nicht zurück, er leistet keinen „Amtsverzicht“ – wie jetzt manche voller dramatisierender Larmoyanz und mit tiefem Trauerflor im Ton schreiben, kommentieren und lamentieren. Nein! Er kandidiert schlicht und ergreifend nicht mehr für ein weiteres bzw. neuerliches Mandat. Das ist ein ganz normaler Vorgang in demokratischen Strukturen und Gremien. Jede Weinerlichkeit ist da unangebracht, verrät aber natürlich viel über die kirchenpolitischen Ziele derer, die das entsprechend darstellen. 

Über die Gründe seines Verzichts auf eine neue Kandidatur wird nun fleißig spekuliert. Das gehört zum Geschäft der Medien und auch der kirchlichen Auguren. Manche vermuten, dass er keine überwältigend große Mehrheit mehr hinter sich versammeln könnte. Wahrscheinlich hat er auch erkannt, dass der neue Papst Leo XIV. den deutschen Sonderwegen und Sonderwünschen entschiedener entgegenwirken wird als Papst Franziskus, dessen kritische Schreiben Bischof Bätzing als Vorsitzender der Bischofskonferenz – mit wortgewaltiger Unterstützung von Kardinal Reinhard Marx aus München – schon gerne einmal ignorierte oder sogar kurzerhand als Ermutigung für den „Synodalen (Sonder)Weg“ uminterpretierte. Allen Vereinnahmungsversuchen bis in die Nachrufe hinein zum Trotz hatte sich bekanntlich ja schon Papst Franziskus klar von diesen deutschen Fehlentwicklungen distanziert. Allerdings gab es im vorherigen Pontifikat keine Konsequenzen für die Taktgeber dieses deutschen Sonderwegs, den auch mehrere Bischofskonferenzen anderer Länder klar als Irrweg kritisiert haben. Dies könnte sich unter dem jovial auftretenden, doch in der Sache höchst konsequenten Papst Leo XIV. durchaus ändern, was gerade den Posten des Vorsitzenden der DBK wohl nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtiger macht. 

Vielleicht wollte Bischof Bätzing sich dieses doch nervenzehrende Amt zwischen den hohen Erwartungen hiesiger „Spätreformatoren“ und römischer Verbindlichkeit auch schlichtweg nicht mehr länger antun oder hat erkannt, dass er dabei an seine persönlichen Grenzen gestoßen ist, besonders im Blick auf die Durchsetzungsfähigkeit gegenüber Rom. Die eigenen Grenzen zu erkennen und daraus Konsequenzen zu ziehen, ist wahrlich nichts Ehrenrühriges. 

Wie unter seinem Vorgänger Kardinal Marx wurde auch bei ihm immer wieder deutlich, dass der manchmal fanatisches Flair ausstrahlende Kampf der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken/ZdK zur Beglückung der Weltkirche mit den Reformvorstellungen und Utopien aus Germanistan durchaus dem Kampf Don Quichottes gegen die Windmühlen gleicht. Wobei bisher auch noch niemand schlüssig darlegen konnte, warum sich die in vielen Regionen und Ländern der Erde – und auch anderen Staaten Europas! – aufblühende Weltkirche ausgerechnet an den avantgardistischen Spleens und Ideen der deutschen Amtskirche und ihrer tonangebenden Laienverbände orientieren soll, also an einer Kirche, der seit geraumer Zeit hunderttausende Gläubige jährlich durch Austritt den Rücken kehren. 

Immer noch gibt es außerdem aufrechte Katholiken und auch Bischöfe in Deutschland, denen die Lehre (und Lehrtradition) der Kirche und auch die Einheit mit Rom und der Weltkirche wichtiger sind als die rücksichtslose Durchsetzung – notfalls im Alleingang als „Nationalkirche“ – von Reformforderungen und Lieblingsthemen mancher Theologen und kirchlicher Milieus (und natürlich der Medien) hierzulande. Wobei diese kritischen Geister von den entsprechenden Reformeiferern im Verbund mit den linksgrünen Medien abwechselnd als konservativ, reaktionär, rückwärtsgewandt und fundamentalistisch diffamiert und aus den Justemilieus ausgegrenzt werden. 

Die Päpste freilich fordern etwas ganz anderes als die egozentrische „Reformagenda“ der deutschen Amtskirche und ihrer Funktionäre, und zwar explizit eine Neuevangelisation für Europa und die westliche Hemisphäre. Das reicht von dem heiligen Johannes Paul II. und seiner wunderbaren Missionsenzyklika „Redemptoris Missio“ von 1990 (die Pflichtlektüre aller Geistlichen und Theologiestudenten aller Kirchen sein sollte) über Benedikt XVI. und Franziskus bis hin zu Leo XIV. Der jetzige Papst hat die Neuevangelisation ja explizit sogar zu einem Kernthema seines Pontifikats erklärt. Und da geht es um Glauben und Mission, Erlösung und ewiges Seelenheil und damit um die Verkündigung der frohmachenden und rettenden Botschaft von Jesus Christus – und nicht um die typisch deutschen endlosen Reform- und Strukturdebatten in Gremien und bei Sitzungen. Es geht um Beten statt Debattieren, um das Reich Gottes statt politisierender Diesseitsbeglückung. Es würde den beiden großen Kirchen in Deutschland ohnehin besser gehen, wenn es mehr Gottesdienste und Gebetskreise und weniger Gremien und Sitzungen gäbe. 

Im Vergleich zu großen Vorgängern im Amt als Vorsitzende der DBK wie Joseph Kardinal Höffner oder Karl Kardinal Lehmann, die immer im Einvernehmen mit Rom und den Päpsten gedacht und gehandelt haben und an die man sich gerne, dankbar und mit Respekt erinnert, hinterlässt Bätzing keine allzu große Lücke. Selbst der keineswegs romtreuer oder konservativer Gesinnung verdächtige FAZ-Journalist Daniel Deckers hat dies nun in entwaffnender Offenheit und Deutlichkeit festgehalten. 

Politisch war Bätzing maßlos einseitig unterwegs als Akteur im „Kampf gegen Rechts“ (und alles, was nicht links ist) zur Rettung „unserer Demokratie“ bis hin zur kirchlichen und politischen Ausgrenzung von Andersdenkenden und -wählenden. Auffällig war hingegen, dass er beim Thema Abtreibung und § 218 keine „Wahlwarnung“ vor den fanatischen Abtreibungsparteien SPD, Linken und Grünen aussprach, die ja im letzten Moment des alten Bundestags noch den § 218 kippen wollten. Er plädierte zwar zahm für dessen Beibehaltung, deutliche Kritik an diesen radikalen Abtreibungsparteien blieb aber aus. Das käme bei den Medien nicht so gut an wie das regelmäßige AfD-Bashing. Dem bei der Corona-Krise beispiellos übergriffigen Staat mit allen Gottesdienstverboten und sonstigen Einschränkungen bis hin zum einsamen Leiden und Sterben in Kliniken und Heimen setzte Bätzing außerdem in beispielloser Loyalität und Staatstreue nichts entgegen. Auf die Aufarbeitung dieses kirchlichen Fehlverhaltens, das sehr viele Gläubige in Deutschland von ihren Kirchen massiv entfremdet hat, wartet man bisher in beiden Kirchen vergeblich. 

Innerkirchlich und kirchenpolitisch hat Bätzing die Katholische Kirche in Deutschland leider nicht zusammengehalten, sondern eher Spaltungen noch vertieft und vor allem zur nachhaltigen Diskreditierung lehramtstreuer Katholiken und von Kritikern des „Synodalen Wegs“ beigetragen. Er hat nicht Wunden geheilt, wie es manche nach seinem polternd-polarisierenden Vorgänger Kardinal Marx von ihm erhofften. Oft wurden dabei die eigenen Reformbestrebungen als alternativlos zur Rettung der Kirche in Deutschland und auf der ganzen Welt präsentiert. Dabei hat er auch gegenüber Rom einmal mehr die klassische teutonische Renitenz vorgeführt. 

Die Reaktionen auf Bätzings Entscheidung fallen im Moment erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aus. Das gehört zu einem offenen Diskurs. Wer aber dabei – fast schon vorhersehbar – wieder persönliche Hasstiraden und Freund/Feind-Stereotypen verbreitet, ist freilich der sattsam bekannte Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller, ausführlich nachzulesen beim ORF (https://religion.orf.at/stories/3233832/). 

Der für die deutschen Medien offensichtlich unverzichtbare wie unfehlbare Kirchenrechtler Schüller benennt und diffamiert drei Bischöfe als „Königsmörder“: Rudolf Voderholzer aus Regensburg, Stefan Oster aus Passau und Kardinal Rainer Maria Woelki aus Köln. Diese drei seien schuld daran, dass Bätzing die „zerstrittene Bischofskonferenz“ nicht wirklich habe einen und leiten können. Schüller lässt sich zitieren mit der Aussage: „Zu den Gründen, warum es ihm nicht gelingen konnte, zählt vorrangig die illoyale Haltung einer kleinen, aber wirkmächtig mit Rom verbundenen Gruppe von reaktionären Bischöfen wie Vorderholzer, Oster und Woelki, die es an jeder mitbrüderlichen Solidarität in für die katholische Kirche in Deutschland schwierigen Zeiten haben mangeln lassen.“ Sein Fazit: „So wurden sie zu einer Art von »Königsmördern«.“

Nun war Schüller um verbale Ausfälle bis hin zu Verunglimpfungen missliebiger romtreuer Bischöfe nie verlegen. Erinnert sei auch an seine widerliche postume Kritik an Papst Benedikt XVI. Aber amtierende Diözesanbischöfe mit Mördern zu vergleichen, ist selbst für Schüllers Verhältnisse unerträgliche „Hate Speech“, die ihm freilich wieder die mediale Aufmerksamkeit sichert. 

Von welcher „Loyalität“ träumt und faselt er da eigentlich? Es ist nicht Aufgabe von Bischöfen als Nachfolgern der Apostel, irgendwelchen vorherrschenden Meinungen des Mainstreams und entsprechenden kirchlichen Akteuren und Kreisen gegenüber „loyal“ zu sein, auch wenn das „gute Presse“ sichert. Es ist weiterhin nicht Aufgabe der Bischöfe in „Loyalität“ stillzuhalten, wenn Irrlehren von der Gender-Ideologie über die „Heilige Geistkraft“ bis zum Transhumanismus in der Kirche immer mehr Verbreitung finden und – teilweise gegen den ausdrücklichen Willen Roms – kirchliche Strukturen, Gremien und Praktiken legitimiert werden sollen, die der Lehre und dem Selbstverständnis der von Christus gestifteten Kirche widersprechen. 

Katholische Bischöfe haben das dreifache Amt der Kirchenleitung, der Lehraufsicht und der Weihegewalt inne. Sie sind in ihrer Amtsausübung einzig Schrift und Bekenntnis sowie der offiziellen kirchlichen Lehre und Lehrtradition verpflichtet. Nicht umsonst gibt es dafür auch das Dikasterium für die Glaubenslehre als Institution. Darin besteht auch die unverzichtbare Rechtgläubigkeit – also die „Orthodoxie“ im theologischen, nicht im konfessionellen Sinne –, die sich wiederum in der katholischen Weltkirche immer auch in der sichtbaren Einheit mit dem Papst von Rom manifestiert. Die Loyalität katholischer Bischöfe hat grundsätzlich, besonders aber im Streit- oder Konfliktfall, zuallererst dem Herrn der Kirche, Jesus Christus, sowie dem Papst in Rom als Oberhaupt der Kirche und Stellvertreter Jesu Christi auf Erden zu gelten. Ein katholischer Kirchenrechtler wie Herr Schüller sollte das alles eigentlich wissen! 

Besonders abenteuerlich ist gerade in diesem Zusammenhang auch der Vorwurf an die drei Oberhirten Woelki, Voderholzer und Oster, „wirkmächtig mit Rom verbunden“ zu sein. Was sollten katholische Bischöfe sonst sein, als eine „wirkmächtig mit Rom verbundene Gruppe“? Alle Katholiken, alle katholischen Gemeinden und Bistümer, Priester und Bischöfe weltweit sind „mit Rom verbunden“. Dort sitzt nämlich mit dem Vatikan die „Zentrale“ der katholischen Weltkirche. Niemand kann konfessionell und kirchenrechtlich „katholisch“ sein, ohne mit Rom verbunden zu sein. Der Vorwurf eines „katholischen“ Kirchenrechtlers an katholische Bischöfe, mit Rom als dem Sitz des Vatikans, dem Stuhl Petri und damit der Zentrale der Katholischen Kirche verbunden zu sein, ist schon atemberaubender Nonsens. 

Entlarvend ist die Verbalinjurie von Bischöfen als „Königsmördern“ aber auch in anderer Hinsicht. Denn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ist beileibe nicht der „König“ der deutschen Katholiken und ihrer Bischöfe. Soweit kommt’s noch…! Er ist der Sprecher, offizielle Repräsentant und Sitzungsleiter der Versammlung der deutschen Bischöfe, aber nicht deren König. Er sitzt auf einem Stuhl, nicht auf einem Thron! Der einzige König in Glaubensfragen ist für Christen Christus selbst, was die Katholiken beim Christkönigsfest feiern. Ergänzend und präventiv sei darauf hingewiesen, dass der Titel „Himmelskönigin“ (Regina Coeli) allein der Gottesmutter und seligen Jungfrau Maria zukommt, nicht weiblichen Spitzenfunktionärinnen des ZdK. 

So hat sich der Kirchenrechtler Schüller einmal mehr in die Schlagzeilen gebracht, was für ihn wohl auch Lebensinhalt und Lebensqualität bedeutet. Gleichzeitig aber hat er sich dieses Mal nicht nur wie so häufig im Ton vergriffen, sondern selbst disqualifiziert wie selten zuvor.

Der Autor, Pfr. Dr. Jürgen Henkel (siehe Link), ist Gemeindepfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern in Selb (Oberfranken), Professor h. c. an der Universität Babes-Bolyai in Klausenburg/Cluj-Napoca (Rumänien) und Schriftleiter der Zeitschrift „Auftrag und Wahrheit. Ökumenische Quartalsschrift für Predigt, Liturgie und Theologie“; die Zeitschrift erscheint in der Verlagsbuchhandlung Sabat, Kulmbach (vgl. https://www.vb-sabat.de/auftrag-und-wahrheit/).

Weiterer Kommentar auf kath.net von Dr. Henkel über den Kirchenrechtler Schüller: Er begeistert (nur) die mehrheitlich linksgrünen Medien: Kirchenrechtler Thomas Schüller - „Sein Vergleich von Bischof Meier (Augsburg) mit Nazi-Bischöfen ist beispiellos (2023)


Symbolfoto (c) pixabay/jackmac34


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