„Jesus ja, Kirche nein? – Das ist wie: ‚Ich bin für Fußball, aber gegen Fußballvereine‘“

27. Jänner 2026 in Spirituelles


Niederländischer Weihbischof Rob Mutsaerts: „Ich höre immer noch recht häufig den Gedanken: Jesus wollte Anhänger, aber nicht die Institution der Kirche.“


‘s-Hertogenbosch (kath.net/pl) kath.net dokumentiert den Beitrag „Jesus ja, Kirche nein?“ von Rob Mutsaerts, Weihbischof von ‘s-Hertogenbosch (Niederlande), auf seinem Blog „Paarse Pepers“ von 3.1.2026 in voller Länge in eigener Arbeitsübersetzung:

Ich höre immer noch recht häufig den Gedanken: Jesus wollte Anhänger, aber nicht die Institution der Kirche. Das ist, als würde man sagen: „Ich bin für Bildung, aber gegen Schulen“ oder „Ich bin für Fußball, aber gegen Fußballvereine.“ Das ist schlichtweg inakzeptabel; Inhalt ohne Form ist wie Wasser: Er verfließt.

Das Erste, was man über Jesus sagen muss, ist Folgendes: Er war bemerkenswert konkret. Er schrieb kein Buch, sondern formte Menschen. Er hinterließ keine einzelnen Aussagen, sondern eine Gemeinschaft. Er vertraute seine Botschaft nicht der „Menschheit“ an, sondern zwölf ganz bestimmten Männern, von denen mindestens vier völlig ungeeignet schienen. Diejenigen, die behaupten, Jesus habe keine Kirche gewollt, stellen ihn als eine Art abgehobenen Moralphilosophen dar, dabei war er in Wirklichkeit jemand, der mit seinen Jüngern aß, mit ihnen reiste, sie zurechtwies, sie aussandte und ihre Streitigkeiten schlichten musste. Das ist keine spirituelle Nebelwand. Das ist eine junge Organisation.

Das Gegenargument lautet meist: „Die Kirche kann nicht von Gott sein, weil sie so menschlich ist.“ Doch genau dasselbe Argument hätte man auch gegen die Inkarnation verwenden können: „Gott kann nicht Mensch geworden sein, weil der Mensch so begrenzt ist.“ Das Christentum ist schließlich der Glaube, dass Gott gerade durch den Menschen wirkt. Nicht trotz des Menschen, sondern durch den Menschen.

Es gibt eine interessante Stelle im Matthäusevangelium, wo Jesus etwas sagt, das viele moderne Menschen als sehr befremdlich empfinden. Er sagt: „Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Nicht: „Irgendwann wird etwas entstehen.“ Auch nicht: „Du wirst später etwas erfinden.“ Sondern: meine Kirche. Das Merkwürdige ist, dass Menschen, die behaupten, „nur Jesus nachzufolgen“, oft damit beginnen, Jesus zu korrigieren.

Jesus tat noch etwas anderes: Er gab Autorität. Er sagte zu seinen Aposteln: „Wer auf euch hört, der hört auf mich.“ Das ist keine Poesie. Das ist keine fromme Atmosphäre. Das ist Autorität. Und hier berühren wir einen zutiefst paradoxen Punkt: Dieselben Menschen, die die Kirche als zu autoritär bezeichnen, glauben oft, ihre eigene Interpretation besäße absolute Autorität. Doch Jesus selbst verlieh Autorität. In Matthäus 16 und 18 spricht er von den „Schlüsseln des Himmelreichs“, vom „Binden und Lösen“ und von Entscheidungen, die „im Himmel anerkannt werden“. Das ist juristische Sprache. Keine poetische Bildsprache, sondern Sprache der Verantwortung und Führung. Zu den Aposteln sagt er: „Wer euch hört, der hört mich.“ Das ist eine ziemlich schockierende Aussage. Jesus knüpft seine Autorität an die Menschen, nicht an individuelle Interpretationen. Eine Kirche ohne Autorität ist unmöglich. Und Jesus wusste das.

Aus der Gruppe der Apostel wählt Jesus einen Mann aus: Petrus. Und das Erstaunliche daran ist: Petrus ist kein Held. Er missversteht Jesus. Er spricht zu voreilig. Er verleugnet ihn im entscheidenden Moment. Und auf diesen Mann baut Christus seine Kirche. Nicht weil er perfekt ist, sondern weil ihm vergeben wurde. Die Kirche gründet auf Buße, nicht auf moralischer Überlegenheit. Eine Kirche ohne Sünder wäre keine Kirche, sondern ein Museum, und selbst dort würden die Statuen Risse aufweisen.

Die Vorstellung, „Jesus habe keine Kirche gewollt“, wäre für die frühen Christen völlig unverständlich gewesen. Für sie war die Kirche keine spätere Ergänzung, sondern die selbstverständliche Folge von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Wenn Ignatius von Antiochia sagt: „Wo der Bischof ist, da ist die Kirche“, dann verteidigt er damit nicht die Macht, sondern bewahrt die Einheit.

„Kann eine Institution denn nicht spirituell sein?“ Ist das so? Das ist ein unbiblischer Widerspruch. Gott wird Mensch: die Inkarnation. Gnade geschieht durch sichtbare Zeichen: Sakramente. Liebe nimmt Gestalt in Strukturen wie der Ehe an. Eine Kirche ohne menschliche Strukturen wäre geradezu gnostisch: Geist ohne Körper. Doch das Christentum ist immer: Geist und Körper, Gnade und Ordnung, Geheimnis und Organisation.

Um es klarzustellen: Dass die Kirche (viele) Fehler gemacht, Missbrauch erlitten und Macht missbraucht hat, bestreitet niemand. Aber: Judas war bereits da, Petrus verleugnete Jesus, die Apostel flohen (die allererste synodale Aktion). Menschliche Schwäche widerlegt nicht den göttlichen Charakter der Institution. Sie bestätigt, wie realistisch Jesus war. Er gründete seine Kirche nicht auf perfekten Menschen, sondern auf vergebenen Sündern.

Was steht wirklich auf dem Spiel? Wenn Jesus keine Kirche gewollt hätte, dann hätte niemand das Recht, seine Lehren autoritativ zu verkünden; jeder wäre sein eigener Papst, seine Sakramente wären menschliche Rituale, und das Christentum letztlich eine private Spiritualität. Wenn Jesus aber die Kirche gewollt hätte – und alles deutet darauf hin –, dann ist die Kirche kein Hindernis zwischen uns und Christus, sondern das Werkzeug, durch das er wirkt. Denn ohne die Kirche zerfällt die Lehre, die Eucharistie verschwindet, und Liebe wird zur bloßen Meinung. Glaube ohne die Institution der Kirche ist ein Gefühl mit einem Verfallsdatum. Die Kirche ist kein Käfig für den Heiligen Geist, sondern der Brustkorb, der das Herz schützt.

Ohne die Kirche gäbe es auch keine Bibel, denn sie wurde von der Kirche zusammengestellt. Ich fand es immer äußerst seltsam, dass Menschen der Kirche misstrauen, aber blind einem Buch vertrauen, das sie nur dank eben dieser Kirche kennen. Anders gesagt: Die Kirche existierte vor der Bibel.

Archivfoto Bischof Mutsaerts (c) Bistum ‘s-Hertogenbosch


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